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Die Schweizer von morgen

Junge Ausländer über die erleichterte Einbürgerung, die Schweiz und das Schweizer-Sein.

«Ich möchte meinen eigenen Senf dazugeben können.» Die fünf jungen Männer wurden fast alle in der Schweiz geboren und besuchen die Allgemeine Gewerbeschule in Basel.
«Ich möchte meinen eigenen Senf dazugeben können.» Die fünf jungen Männer wurden fast alle in der Schweiz geboren und besuchen die Allgemeine Gewerbeschule in Basel.
zVg.

Etwas zaghaft nehmen die fünf jungen Männer am grossen Tisch im Zimmer 129 des Gebäudes E in der Gewerbeschule in Basel Platz. Die Situation ähnelt einem Vorstellungsgespräch, bei dem die Kandidaten nicht so recht wissen, was sie erwartet. In der Mitte sitzt Carlos. Mit seinem schwarzen Kapuzenpullover und der umgedrehten Baseballmütze wirkt er wie der Leader einer Gang – der Wortführer der Schweizer von morgen.

Carlos (22) ist der Älteste von den insgesamt elf Jugendlichen, die sich bereit erklärt haben, über die erleichterte Einbürgerung von Ausländern der dritten Generation zu sprechen. Die Vorlage kommt am 12. Februar vors Volk und sorgte in den vergangenen Wochen vor allem wegen einer Nein-Kampagne rund um den Aargauer SVP-Nationalrat Andreas Glarner für Diskussionen. Plakate zeigen eine Burka-Trägerin, verbunden mit dem Schriftzug: «Unkon­trolliert einbürgern? Nein».

Die BaZ traf die Lehrlinge an zwei Nachmittagen im Januar. Einige von ihnen gehören der dritten Ausländergeneration an, einige der zweiten. Andere wiederum besitzen den Schweizer Pass bereits. Bis auf drei wurden alle in der Schweiz geboren. Auch Carlos. Er absolviert eine Malerlehre. «Ich bilde mich zum Applikationstechniker aus», sagt er mit ernstem Gesicht. «Das klingt besser, wichtiger.» Jetzt grinst er.

Seine Eltern wurden in Spanien geboren und kamen erst als Mittzwanziger in die Schweiz. Sein Vater, der als Maurer arbeitet, hatte zuvor während fünf Jahren in Kanada gelebt. Seine Mutter ist Hausfrau. Als Carlos drei Jahre alt war, zog es die Familie wieder nach Spanien, wegen der schwierigen wirtschaftlichen Lage kehrte sie aber nach nur einem Jahr wieder in die Schweiz zurück. Vor zwei Jahren beantragte Carlos den Schweizer Pass. Das Verfahren läuft noch.

Carlos sagt: «Ich möchte meinen eigenen Senf dazugeben können. Als Schweizer hast du in der Berufswelt viel mehr Chancen. Als Ausländer bist du automatisch zweite Wahl. Das habe ich selber erlebt: Vor der Malerlehre habe ich mich bei der Post als Logistiker beworben. Zusammen mit einem Schweizer durfte ich einen Tag lang schnuppern. Obwohl ich besser war als er – das haben mir auch die anderen Mitarbeiter bestätigt – und meine Schulnoten auch besser waren als seine, haben sie am Ende ihn genommen. Das ist doch unfair! Die hatten wohl Angst, dass der Ausländer am Ende noch den Laden alleine schmeissen will.»

Von der erleichterten Einbürgerung hält Carlos nicht viel. Wer den Pass wolle, müsse ihn sich auch verdienen, sagt er. «Es gibt ein paar komische Menschen, die in der Schweiz leben und sich auch speziell verhalten. Es wäre nicht richtig, diese erleichtert einzubürgern. Menschen wie zum Beispiel mein Vater würden dadurch diskriminiert. Er lebt seit 35 Jahren in der Schweiz und ist mein grosses Vorbild: Er hat noch nie Sozialhilfe bezogen und war nie beim Arbeitsamt.»

In der Schweiz leben rund 25 000 Ausländer der dritten Generation, die zwischen neun und 25 Jahre alt sind und die Kriterien für eine erleichterte Einbürgerung erfüllen würden. Dies zeigt eine Studie des Genfer Professors Philippe Wanner, die der Bundesrat in Auftrag gegeben hat. Die meisten dieser Personen stammen aus Italien, der Türkei und den Staaten Südosteuropas. In der Regel wurde mindestens ein Elternteil in den Sechziger- oder Siebzigerjahren in der Schweiz geboren. In den nächsten zehn Jahren dürften 23 000 Kinder pro Jahr neu für eine erleichterte Einbürgerung infrage kommen.

Wie Carlos hat auch Nemanja (18) ein Gesuch auf Einbürgerung gestellt. Das war vor einem Jahr. Die Tests hat er schon alle absolviert. Nun wartet er auf den Entscheid. Er ist gross, schlank, hat dunkles Haar und trägt eine Brille. Vor ihm auf dem Tisch liegen Notizblock und Kugelschreiber.

Nemanja wurde in Serbien geboren. Als Serbe ist er kein Bürger der EU. Um in Europa herumzureisen, braucht er ein Visum. «Das stinkt mir», sagt er. «Mit dem Schweizer Pass ist vieles ­einfacher. Vor allem beruflich.» In seiner Freizeit ist der angehende Restaurationsfachmann oft mit Schweizern zusammen. Er spricht vor allem Schweizerdeutsch. «Ich bin für die erleichterte Einbürgerung. Wer in der Schweiz geboren und aufgewachsen ist, hat ein Recht dazu.» Wäre er stimmberechtigt, dann würde er die FDP wählen: «Sie setzt sich für Arbeitsplätze ein.»

Ganz aussen am Tisch sitzt Simon* (19). Er sagt: «Ich würde mich als Schweizer bezeichnen.» Sein Herkunftsland Frankreich kennt er kaum; nur aus den Ferien. Er spricht ausschliesslich Schweizerdeutsch und verbringt seine Freizeit mit Schweizern. Den Schweizer Pass besitzt er aber nicht und hat auch nicht vor, diesen in nächster Zukunft zu beantragen. Selbst dann nicht, wenn die Vorlage über die erleichterte Einbürgerung angenommen wird. Der Grund: «Ich möchte nicht ins Militär. Vielleicht lasse ich mich später einbürgern.»

Simon wurde im Baselbiet geboren. Seine Eltern sind französische Staatsbürger und kamen im Alter von 25 und 27 Jahren in die Schweiz. Die Mutter kam zwar in der Schweiz zur Welt, wuchs aber im Elsass auf. Ihre Grossmutter war eine Schweizerin und wurde durch die Heirat in Frankreich eingebürgert. Simon macht eine Lehre als Restaurationsfachmann.

«Ich bedaure es, nicht abstimmen zu dürfen; vor allem bei Vorlagen, die mich persönlich betreffen», sagt er. Zur erleichterten Einbürgerung hätte er Ja gesagt. Bei seinen Eltern war die Einbürgerung immer wieder ein Thema. Wegen des komplizierten Verfahrens wurde es aufgeschoben.

Für Samuel (18), Malerlehrling, ist die Einbürgerung kein Thema. Weder erleichtert noch sonst. Warum? «Ich kann es nicht genau sagen», antwortet er. «Ich bin Italiener. Punkt.» Warum lebst du denn in der Schweiz? Mit langem Bart und einer Trainingsjacke des Juventus FC sitzt Samuel da und überlegt. «Wegen der Arbeit», sagt er dann. «Am liebsten würde ich aber schon in Italien leben.» Trotz wirtschaftlichen Problemen und Korruption? Samuel schweigt.

Der Secondo, seine Eltern verliessen Italien als Teenager, fühlt sich als Ausländer in der Schweiz diskriminiert: «Stellt ein Ausländer etwas an, ist er am nächsten Tag auf der Titelseite der Zeitungen. Ist der Täter aber ein Schweizer, wird geschwiegen. Ich spiele Fussball. Kürzlich hatten ich und ein paar meiner Mannschaftskameraden eine Auseinandersetzung mit einigen Spielern des gegnerischen Teams. Da hat sich dann der Vater eines Spielers, ein Schweizer, in den Streit eingemischt und gesagt: ‹Ihr habt doch gar nichts zu sagen; ihr seid Ausländer.› Im Tram wurden meine Freunde und ich auch schon dumm angemacht, weil wir uns nicht auf Schweizerdeutsch unterhalten haben. Ich bin in meiner Freizeit kaum mit Schweizern zusammen; mit Ausländern fühle ich mich einfach wohler.»

Dumme Anmachen kennt Nelfi (17) sehr gut. Wegen seiner Hautfarbe muss sich der Dominikaner immer wieder Sprüche anhören. «Im Bus wurde ich schon als Asylant beschimpft. Und an einem Leichtathletikwettbewerb sagte eine Mutter zu ihrem Sohn: ‹Da brauchst du dir keine Hoffnungen zu machen, es machen zu viele Schwarze mit.› Dabei bin ich doch Schweizer.» Der Malerlehrling war zweieinhalb Jahre alt, als ihn seine Mutter zusammen mit den beiden Geschwistern in die Schweiz holte. Sie hatte durch die Heirat mit einem Schweizer den Schweizer Pass erhalten. In den Ferien reist er jeweils in die Dominikanische Republik. Er könnte sich vorstellen, dort zu leben. Nelfi fühlt sich wohl in der Schweiz und ist mit vielen Schweizern befreundet. «Wenn ich mit ihnen zusammen bin, rede ich anders. Ich benehme mich artiger.»

«Die Schweizer sind Bünzli», sagt Anisha (19), schweizerisch-italienische Doppelbürgerin. «Das sehe ich bei meinen Grosseltern, die sind nicht so locker. Bei ihnen ist alles viel geregelter. Ich bin zwar kein Bünzli. Die Schweiz ist aber meine Heimat.» Anisha macht eine Lehre als Restaurationsfachfrau. Nach Italien geht sie kaum. Obwohl sie stimmberechtigt ist, hat sie noch nie abgestimmt. «Ich habe keine Zeit, die Abstimmungsunterlagen zu studieren. Ich muss mich auf die Schule konzentrieren», sagt sie. Dass über die erleichterte Einbürgerung abgestimmt wird, hat sie nur am Rand mitbekommen.

Boris* (19) hofft auf ein Ja am 12. Februar. «Wer bis zur dritten Generation noch nicht eingebürgert wurde, braucht einen Schubs», sagt der angehende Mechatroniker, der in seiner Klasse der einzige Ausländer ist. Boris wurde in einer Baselbieter Gemeinde geboren. Seine Mutter, Putzfrau, kam als Teenager aus Kroatien in die Schweiz. Sein Vater, ebenfalls Kroate, verliess seine Heimat mit 21 Jahren. Seit 20 Jahren arbeitet er nun als Gerüstemonteur. Schon seine Grosseltern waren in die Schweiz gekommen, um zu arbeiten. Seine Grossmutter war 25 Jahre lang Krankenpflegerin.

Boris sagt: «Ich bin Kroate, ich kann es nicht leugnen. Aber es wäre auch falsch zu sagen, dass ich kein Schweizer bin. Ich bin hier geboren und lebe nach dem Schweizer Standard.» In seinem Lehrbetrieb arbeitet ein 62-jähriger Schweizer: «Der ist krass drauf. Er ärgert sich über die vielen Sozialschmarotzer. Ich kann seine Wut verstehen. Meine Eltern ärgern sich auch über Ausländer, die nicht arbeiten.»

Die erleichterte Einbürgerung begrüsst er, eine automatische Einbürgerung der dritten Generation ab Geburt würde Boris aber ablehnen. «Das wäre unfair jenen gegenüber, die praktisch ihr ganzes Leben in der Schweiz verbracht und hier gearbeitet haben, etwa auf dem Bau. Die würden den Schweizer Pass eher verdienen.»

Ramons (20) Mutter hat ihrem Sohn schon mehrfach geraten, sich einbürgern zu lassen. «Wieso sollte ich?», fragt er, «ich sehe weder den Sinn noch den Nutzen. Der C-Ausweis reicht mir vollkommen. Und mit dem Schweizer Pass wäre ich doch nur ein Papierlischweizer. Kürzlich hat ein alter Mann im Tram einen jungen, dunkelhäutigen Flüchtling beschimpft, bis dieser ihm eine geknallt hat. Die Alten sind die Schlimmsten. Sie wollen, dass alles so bleibt, wie es früher war. Aber alles verändert sich. Man muss sich eben anpassen – auch mit den Ausländern.»

Ramon macht eine Lehre als Restaurationsfachmann. Er ist Italo-Spanier, seine spanischen Wurzeln verschweigt er aber gerne. Am liebsten würde er in Italien leben, in Sizilien. Ihm gefällt die Mentalität, auch die Sprache. Zu Hause spricht er Sizilianisch.

Labinot (18) und Murat(19) wurden noch nie diskriminiert oder ausgeschlossen, weil sie Ausländer sind. Die beiden Albaner, die eine Lehre als Elek­troinstallateur machen, kennen eher die umgekehrte Situation: dass Ausländer Schweizer ausschliessen.

Murats Grossvater kam in den 70er-­Jahren in die Schweiz und arbeitete als Kranführer. Sein Vater war damals acht Jahre alt. Von der erleichterten Einbürgerung hat er in der Zeitung gelesen – nachdem er den Schweizer Pass bereits beantragt hatte. Murat sagt: «Ich verstehe mich mit Ausländern besser. Vielleicht wegen der Mentalität. Meine Sprache ist eindeutig Albanisch. Trotzdem sehe ich mich auch als Schweizer.» Labinot denkt über eine Einbürgerung nach. Vielleicht stellt er noch in diesem Jahr das Gesuch. «Ich möchte in der Schweiz leben. Es ist ein neutrales, sicheres Land und hat gute Strukturen», sagt er.

Mittendrin sitzt Sihan (19), eine bildhübsche Frau. Sie meldet sich kaum zu Wort. Wenn, dann nur sehr zurückhaltend. Meistens lächelt sie nur. Die angehende Restaurationsfachfrau kam als Achtjährige aus Marokko in die Schweiz, nachdem ihre Mutter einen Schweizer geheiratet hatte. Sie ist eine Muslimin, eine liberale, wie sie sagt. Sie lebe auch nicht mehr zu Hause. Über die erleichterte Einbürgerung hat sie sich keine Gedanken gemacht. Sihan besitzt den schweizerischen und den marokkanischen Pass. Müsste sie sich für einen entscheiden, würde sie den marokkanischen wählen. Ihr gefällt es in der Schweiz nicht so gut. Lieber würde sie in Marokko leben. In ihrer Heimat.

* Namen der Redaktion bekannt.

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