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Die scheinheiligen Retter des Abendlandes

Die Stiftung «Zukunft CH» macht Stimmung gegen Schwule und Muslime und propagiert die «heile» Familie. Weshalb das alles andere als liberal ist.

Mutter, Vater, Kind: So stellt man sich bei der Stiftung «Zukunft CH» die ideale Familie vor.
Mutter, Vater, Kind: So stellt man sich bei der Stiftung «Zukunft CH» die ideale Familie vor.
Monkey Business

«Haben Sie gewusst, dass Fussballspielerinnen durch Kopfbälle fünfmal stärkere Hirnschäden erleiden als ihre männlichen Kollegen?» Diese Frage könnte zum Beispiel in einer Präventionsbroschüre des Fussballverbandes stehen. Steht sie aber nicht. Sondern sie findet sich prominent platziert im Infoblatt einer Stiftung, die sich für «die Respektierung der Menschenrechte, zukunftstragende Werte, eine Aufwertung der Familie und gegen die schleichende Einführung der Scharia» einsetzt. Grund genug, genauer hinzuschauen.

Die Stiftung heisst «Zukunft CH» und ist gemäss Eigenwerbung vor allem «besorgt um die Zukunft der Schweiz». Weil Mädchen Fussball spielen zum Beispiel, anstatt sich auf ihre Hauptaufgabe des Gebärens vorzubereiten und ihrer Rolle am Herd gerecht zu werden. Natürlich sagt man das nicht so direkt, sondern zitiert nur eine amerikanische Studie, die dann von der geneigten Leserschaft aber dennoch dankbar zur Bestätigung ihres ultrakonservativen Weltbilds aufgesogen wird. Dieses Muster der scheinheiligen Aufklärung zieht sich wie ein roter Faden durch die Stiftungsaktivitäten. Beispiele gefällig? Man organisiert Tagungen zum Thema «Frühkindliche Schädigung durch Gender- und Krippenpolitik?» und fasst den Stand der Wissenschaft zum Thema Fremdbetreuung zusammen. Der Welt droht Ungemach wegen dieser Krippenopfer, die «Aggressivität, Verhaltensauffälligkeiten und Depressionen» mit auf den Lebensweg nehmen.

So ein bisschen Schwulenhetze

Deshalb braucht es unbedingt mehr traditionelle Familien, weil nur die Mutter als «primäre Bindungsperson» diesen «dramatischen Auswirkungen» der Fremdbetreuung Einhalt gebieten kann. Überhaupt ist die Familie – also die traditionelle Familie – das Patentrezept für alles. Auch die Waffengewalt an amerikanischen Schulen ist nur mit den fehlenden Vaterbildern in einer verlotternden Gesellschaft zu erklären. Deshalb werden junge Erwachsene mit dem Slogan «Familie bedeutet Selbsthingabe» in die ewige Ehe gelockt. Gemeint ist da wohl eher Selbstaufgabe.

Es braucht angesichts dieser Beispiele nicht viel Fantasie, um die Haltung von «Zukunft CH» zur Homosexualität zu erahnen. Man berichtet unverhohlen über «Therapieerfolge» und verweist gern auf «Wuestenstrom», eine evangelikale Organisation, die Homosexualität als Symptom eines tieferliegenden, therapierbaren und heilbaren Konflikts sieht. Da erübrigt sich jeder Kommentar. Passend dazu sitzt die Stiftung natürlich auch im Referendumskomitee gegen die Verschärfung des Diskriminierungsstrafrechts im Bereich der sexuellen Orientierung. So ein bisschen Schwulenhetze will man sich doch nicht verbieten lassen.

«Wer Glatzen in Springerstiefeln anzieht, sollte sich ein paar Gedanken über sein Fremdbild machen.»

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Wozu dieser Wertekodex führt, lässt sich seit Jahren am «Marsch fürs Läbe» ablesen, dem Nationalfeiertag der Abtreibungsgegner, allen voran «Zukunft CH». Zu den lebensbejahenden Demonstranten gesellen sich gern auch Exponenten der rechtsnationalen Pnos, deren Anhänger sich – wen wunderts – in den islamophoben Botschaften von «Zukunft CH» wiederfinden. Natürlich distanziert man sich jeweils umgehend von dieser Fangruppe. Dennoch gilt: Wer mit seiner Demo Glatzen in Springerstiefeln anzieht, sollte sich ein paar Gedanken über sein Fremdbild machen.

Selbstverständlich soll hier nicht eine konservative Wertehaltung angeprangert werden. Die kann man ja durchaus vertreten. Wenn diese aber dazu missbraucht wird, andere Lebensformen mit missionarischem Eifer und scheinbar faktenbasierter Aufklärung für gefährlich zu erklären, dann wird es problematisch. Denn hier beginnt der üble Sumpf der Intoleranz.

Die liberale Nagelprobe

Wer sich den Einsatz für Menschenrechte auf seine Fahne schreibt, sollte sich zuerst einmal in Toleranz üben, also im Anerkennen und Geltenlassen anderer Überzeugungen und Lebensformen. Toleranz ist die Voraussetzung für das Menschenrecht der persönlichen Freiheit. Und die wiederum garantiert die freie Wahl der persönlichen Lebensgestaltung. So einfach ist das.

Toleranz ist aber nicht nur eine Errungenschaft einer aufgeklärten und offenen Gesellschaft. Sie ist auch der Kern einer liberalen Überzeugung, die gerade vor Wahlen wieder inflationär bemüht wird, weil alle ein bisschen liberal sein wollen. Die liberale Nagelprobe folgt schon bald, wenn in der Schweiz über die Ehe für alle diskutiert wird. Wer sich heute als liberal bezeichnet, wird sich in der Debatte daran messen lassen müssen. Und das ist gut so.

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