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Die raue Seite des Zirkuslebens

Mit dem Aufbau des neuen Zirkuszeltes will es vorerst nicht so richtig klappen. Im Regen wartend reden die Knie-Sprösslinge über Familienplanung, Tierschutz und die Basler Politik.

Es ist Donnerstagmorgen. Kalt. Und es regnet. Nicht der schönste Tag zum Zelten. Getrübt ist auch die Stimmung auf der Rosentalanlage. Dort versuchen die Leute vom Circus Knie ihr Zelt aufzubauen.

100 Personen stehen auf dem Platz. Mit zwei Zügen und etlichen Lastwagen schleppt die Mannschaft jedes Jahr 1500 Tonnen Material quer durch die Schweiz. Immerhin lohnt sich der Aufwand in Basel: Das Zelt steht bis zum 19. Juni.

Emotionaler Abschied

Mitten im Gewusel steht Franco Knie junior und telefoniert. Der Sohn des Cousins von Fredy Knie junior gehört zur siebten Generation der Knie-Dynastie. In seiner Doppelfunktion als Artist und technischer Direktor hat er alle Hände voll zu tun.

Zusammen mit seiner Frau und seinem Sohn Chris Rui Knie lässt er in der diesjährigen Show Papageien durch die Manege fliegen. Das war nicht immer so: Bis zum Jahr 2015 war er mit seinem Vater noch zuständig für die berühmten Elefanten-Nummern. Dann kam der grosse Wandel: Da die indischen Tiere vom Aussterben bedroht sind, konnte das Unternehmen keine jungen Tiere mehr dazukaufen. «Unsere Herde wurde älter, und so haben wir beschlossen, die Elefanten im Zirkus nicht mehr einzusetzen. Ausserdem hatten sie nicht mehr genügend Platz», sagt Franco Knie junior. «Dieser Entscheid war für mich unheimlich emotional. Die Elefanten fehlen mir sehr.» Ungewöhnlich für ein Mitglied der Knie-Familie: Erst mit 20 Jahren stieg er definitiv in das Familienunternehmen ein. «Unfreiwillig spät», sagt er.

Weltoffen

Nachdem seine Eltern sich scheiden liessen, wuchs er mit seiner Schwester bei seiner Mutter im Raum Zürich auf. Nur in den Sommerferien durfte er mit seinem Vater mitfahren. Nach Abschluss der Handels- und der Rekrutenschule entschied er sich, in die Fussstapfen seines Vaters zu treten. Er erinnert sich an seinen ersten Arbeitstag: «Wir mussten früh anfangen zu arbeiten. An die harte körperliche Arbeit musste ich mich zuerst gewöhnen», sagt der heute 41-Jährige. Sein zwölfjähriger Sohn Chris Rui kennt kein Leben ohne Zirkus: Bereits mit zwei Jahren hatte er seinen ersten Auftritt. «Man wächst hier sehr multikulti auf», sagt sein Vater. 15 Nationen arbeiten im Familienunternehmen mit.

«Wir sind extrem weltoffen. Das unterscheidet uns vielleicht vom typischen Schweizer Normalbürger.» Eine Zirkusschule begleitet die Kinder während der Tournee. «Nur während der Wintermonate gehe ich in eine öffentliche Schule», erklärt Chris Rui.

Zweieinhalb Stunden Schlaf

Eine überdimensionierte Bohrmaschine auf Rädern fährt vor, ein Gabelstapler mit Presslufthammeraufsatz. Unter lautem Getöse rammt sie einen Anker in den Kiesboden. Der Hering in Grossformat bildet das Fundament für das 20 Meter hohe Zelt. Von der Kapelle her hört man das Wiehern eines Pferdes.

Ivan Frédéric Knie streckt sich. Er ist müde. Erst um halb vier Uhr morgens konnte der Pferdemeister die Einstallungen der Tiere abschliessen. Seit 6 Uhr steht er wieder bereit, um beim Aufbau zu helfen. «Es gab schon bessere Tage», antwortet er auf die Frage nach seinem Wohlbefinden. Der 18-Jährige ist im Zirkus gross geworden, er gehört zu der achten Generation.

Als Sohn von der artistischen Direktorin Géraldine Knie kam er früh mit Pferden in Kontakt. «Für die Arbeit mit den Tieren muss man fanatisch sein», sagt er. «Man braucht unglaublich viel Geduld.»

Mit Tierquälerei habe der Circus Knie nichts zu tun. «Man darf nicht alle Zirkusse in einen Topf werfen – nur weil ein einziger nicht artgerecht hält, ist das nicht bei allen so.» Er kritisiert dabei die Berner Jungpolitikerin Tamara Glauser, die zum Boykott aufgerufen hat. «Sie selbst hält ihren Hund aber wahrscheinlich in der Tasche», meint er.

Wut über Ozeanium-Nein

Angegriffen fühlt er sich auch von ihrer Aussage, Blut von Veganern würde Krebs heilen. «Mein Vater hatte Leukämie – man kann doch nicht sagen, dass er selber schuld war. Das ist die grösste Beleidigung!» Glauser hat sich für diese Aussage aber bereits entschuldigt.

Ziemlich erbost äussert sich der junge Artist auch zur Ablehnung des Ozeaniums an der Basler Volksabstimmung. Für ihn wäre das Projekt eine Möglichkeit gewesen, die Bevölkerung über die Verschmutzung der Meere aufzuklären. «Die Leute müssen doch aufgeklärt werden, was da abgeht», sagt er aufgebracht. «In der Politik ist die Schweiz manchmal ziemlich arm», schliesst er das Thema ab.

Frau muss mitspielen

Als wäre das garstige Wetter an diesem Donnerstagmorgen nicht genug, hat der Zug Verspätung, und das Zelt einen Defekt. Das Sägemehl liegt im Regen. Alle stehen sie bereit, die Blache endlich hochzuziehen. Doch die Reparatur gestaltet sich langwieriger als gedacht. Dutzende Männer stehen herum und warten. Mit Zigaretten im Mund stehen sie am Rand und schauen auf ihr Smartphone. Als die Medienassistentinnen mit Kaffeebechern für die Arbeiter ankommen, freuen sie sich. «Grazie mille!», sagt ein Traktorfahrer.

Ivan Frédéric Knie bereut es nicht, im Zirkus aufgewachsen zu sein. Der Kontakt zur Aussenwelt fehlt ihm nicht. Vielleicht würde man im Zirkus schneller erwachsen werden, überlegt er. «Wir waren nur etwa fünf Kinder, da bekommt man ziemlich viel von den Erwachsenen mit. Auch Erwachsenenwitze gehörten dazu», sagt er schmunzelnd und ergänzt: «Mein bester Freund ist 30 Jahre alt.»

Was in 10 Jahren sein wird, weiss der 18-Jährige nicht. «Meine zukünftige Frau müsste bereit sein, das Zirkusleben aufzunehmen», sagt er. Manege, Wohnwagen, Pferde – etwas anderes kann er sich im Moment nicht vorstellen.

Circus Knie, 7. bis 19. Juni, Rosentalanlage, Basel. Das Duo Giacobbo/Müller tritt nur in den Abendvorstellungen auf.

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