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Die Mutter aller Messen liegt auf dem Sterbebett

Die Muba 2018 war ein Flop. Der Kurswechsel hin zu mehr «Erlebnis» funktioniert so nicht. Es herrscht Ratlosigkeit.

Christian Keller
Ausdruck der Trostlosigkeit. Kein Bundesrat, kein Glamour und eine bizarre Ausstellung: Die Eröffnung der Muba 2018 mit Elisabeth Ackermann und Isaac Reber (r.) bei der «Pop-up City», die bis zum Schluss ein Rätsel blieb.
Ausdruck der Trostlosigkeit. Kein Bundesrat, kein Glamour und eine bizarre Ausstellung: Die Eröffnung der Muba 2018 mit Elisabeth Ackermann und Isaac Reber (r.) bei der «Pop-up City», die bis zum Schluss ein Rätsel blieb.
Dominik Plüss

Die 102. Muba ist Geschichte. Gefühlt war sie es schon, als sie noch in vollem Gang war. Auf wen man bei den Rundgängen durch die Mustermesse auch traf: Bald einmal drehte sich das Gespräch besorgt um die Zukunft, weil die Gegenwart in den halb leeren Hallen so trostlos, so deprimierend wirkte. Allseits war grosse Ratlosigkeit zu spüren. Wie geht es weiter? Geht es überhaupt weiter?

«Mir blutet das Herz,wenn ich an die früheren Zeiten denke», bekam der BaZ-Journalist oft zu hören. Das Wehklagen ging weit über das Standardgejammer der Ewig-Unzufriedenen hinaus. In breiten Kreisen, unter Ausstellern, Mitorganisatoren, Besuchern oder Medienleuten, hat sich der Eindruck gefestigt, dass die Muba, die Mutter aller Messen, auf dem Sterbebett liegt. Wäre ich Arzt: Die Prognose wäre keine gute. Es ist mit dem Schlimmsten zu rechnen.

Ausrede Digitalisierung

Woran liegt es? Den kontinuierlichen Besucherrückgang mit der Digitalisierung und dem generell nachlassenden Interesse an Publikumsmessen zu begründen, hat gewiss seine Berechtigung. Gerade für in der Gesellschaft tief verankerte Institutionen, die einst unsterblich schienen und wohl aus diesem Grund die ganze Entwicklung verschlafen haben, kommt der digitale Wandel überfallartig und in brutaler Härte. Die Muba ist den gleichen Gesetzmässigkeiten unterworfen, die in den letzten Jahren unter anderem auch die Tageszeitungen in den Abgrund gerissen haben.

Die reine Wahrheit findet sich in diesem Erklärungsansatz aber natürlich auch nicht – und ein wenig schwingt der Verdacht mit, dass die Führung des halb staatlichen Messekonzerns das eigene Unvermögen mit dem Verweis auf das globale Internetphänomen zu kaschieren versucht. Anderen Schweizer Traditionsmessen gelingt es jedenfalls, ihre Stellung in einem schwierigen Umfeld zu behaupten. Die Olma in St. Gallen verzeichnete letztes Jahr 365'000 Eintritte. Die am Freitag in Bern beginnende BEA jubelte 2017 über 300'000 Gäste.

Und das Original in Basel? 144'000 Besucher waren es 2017. Und noch weniger bei der diesjährigen Ausgabe. Angesichts dieser niederschmetternden Zahlen scheint der Tod näher als die mit einem radikalen Kurswechsel angestrengte Wiederbelebung.

Mehr Events, mehr Erlebnis, mehr Einbezug des Publikums: Mit dieser Transformation weg von der klassischen Frühjahrsveranstaltung mit ihren einst diversen Sondermessen sollen jüngere Zielgruppen für die Muba zurückgewonnen werden. Einhergehend mit diesen nachvollziehbaren Bemühungen ist jedoch die störend inflationäre Verwendung von Anglizismen, die sich vielleicht trendy anhören, im Ergebnis aber vor allem die treue, ältere Stammkundschaft befremden. «Cannabis Village», «Pop-up City», «Food.live-Genusswelt», «Energy Challenge»: Wo bleibt da der heimelige, der anziehende Charakter?

Und dann diese abstrakte «Inspiration.live», auf welche die Muba-Leitung das Fokusthema gelegt hat. Mir ist bis heute nicht klar, worum es den Ausstellungsmachern dabei eigentlich ging. Und was sie unter dem immer wieder hervorgehobenen Lifestyle-Begriff verstanden, der sich wärmstens für das Unwort des Jahres empfiehlt: Die Rede ist von «urban».

Zu Gesicht bekamen die Besucher im «Inspiration.live»-Abschnitt jedenfalls keinen «Nährboden für urbane Trends und Poesie», wie es der Muba-Katalog versprach, sondern eine himmeltraurige, bizarre Baugerüst-Kulisse mit hässlichem Industrieboden. Ihn nicht mit einladenden Teppichen zu überdecken, war ein bewusster Entscheid – «im Sinne der Nachhaltigkeit».

Auch das ist ein Negativfaktor: Der fast religiös-fanatische Eifer, mit dem während der Muba mit unzähligen Aktionen die Rettung des Klimas bemüht wurde, trug penetrante Züge. Irgendwann ist es selbst im rot-grünen Basel einmal gut.

Damit man mich nicht falsch versteht: Nicht alles war schlecht, keineswegs. Die Kocharena, der Platz der Begegnung oder der kleine Bauernmarkt «Original Regional» bleiben beispielsweise in positiver Erinnerung. Auch kann dem jungen, zugänglichen Muba-Leiter Daniel Nussbaumer nicht fehlendes Engagement vorgeworfen werden. 2017 waren ihm bei seiner Premiere einige gute Ansätze gelungen. Man denke etwa an die vielen Modeschauen und Konzerte im Rundhof, wo auch das Tattoo auftrat. Davon war 2018 leider nichts mehr zu spüren: Am selben Ort standen einige kaum frequentierte Wurst- und Bierstände sowie eine nur selten bespielte Bühne.

Lieblos, lustlos, überteuert

Die Vermutung liegt nahe, dass Nussbaumer nicht das Budget zur Verfügung gestellt wurde, das er eigentlich gebraucht hätte. So kam es denn auch häufig rüber: lieblos, lustlos – überteuert. Oder finden Sie es angemessen, 18 Franken pro Kind und Eintritt (20 pro Erwachsener) zu verlangen, damit der Nachwuchs an der Zusatzmesse Bricklive in einer etwas speziellen, aber nicht spektakulären Umgebung mit Legos spielen kann?

Es fehlte insgesamt der Charme und die Überzeugung, etwas Neues aufzubauen, das die Massen wieder anzieht. Christian Platz, Sohn des ehemaligen BaZ-Chefredaktors Hans-Peter Platz, hat die bedrückende Gefühlslage in einem brillanten Beitrag auf barfi.ch beschrieben. «Bonjour tristesse: Ist das wirklich die Muba?», titelte er seinen Artikel. Das tut weh, trifft es aber auf den Punkt.

Messe-Schweiz-Chef René Kamm sagte vor zwei Jahren gegenüber der Schweizerischen Depeschenagentur, die Muba sei das «Vermächtnis» des Unternehmens. Viel scheint dieses Vermächtnis den Verantwortlichen nicht mehr wert zu sein.

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