Die letzten Stunden der Muba

Tausende von Besuchern erwiesen der Mutter aller Messen am Sonntag die letzte Ehre.

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Zum letzten Mal drängen sich vor der Messehalle die Muba-Besucher, als gelte es, ein exotisches Tier zu besichtigen, das als ausgestorben galt und erstaunlicherweise noch lebt. Zum letzten Mal sitzt drinnen der Verkäufer der Firma Singer an seinem Stand und lässt den Blick über Dampfsauger und Bügelsysteme schweifen. Er schaut gelangweilt drein. Vielleicht überspielt er mit dieser demonstrativ zur Schau getragenen Langeweile bloss seine Wehmut. «Schade, dass es die Muba nicht mehr geben wird», sagt er nämlich. «Ärgerlich ist es», schiebt er nach, «bedauerlich». Er klingt betrübt.

Am Stand ziehen Besucher vorüber – Heerscharen von potenziellen Käufern. Sie lassen sich die exquisiten Stichmuster der neusten Nähmaschinen oder die Vorzüge extrasaugfähiger Putztücher vorführen. «Unser Umsatz an dieser Muba war gut», zieht der Singer-Mann Bilanz. «Andere Firmen mögen Probleme haben, wir nicht.» Dass Schluss ist mit der Muba, das sei für ihn unbegreiflich: «Die hätten so viele Räumlichkeiten, aber es fehlt an Attraktionen für das Publikum, das hat die Messeleitung sträflich vernachlässigt.» Der Verkäufer kommt auf die Showbühne im zweiten Stock zu sprechen. «Showbühne!», sagt er verächtlich: «Dieses Gedudel den ganzen Tag, das war ja nicht zum Aushalten.»

In der Halle steht ein überdimensionales Gästebuch. Manche Seiten wirken mit ihren eingeklebten Erinnerungsfotos wie ein Poesiealbum. Andere erinnern an ein Kondolenzbuch. «Ich bin so traurig», hat jemand mit dickem Filzstift hineingeschrieben. «Schade», hat ein anderer notiert, «die Muba war stets ein toller Ort, um Entdeckungen zu machen.» Ein Dritter hat sich mit dem Satz verewigt: «Nun ist es vorbei. Ich kann es nicht glauben.» Es wird geklagt: «Muba, ich werde dich vermissen». Es wird sinniert: «Ich war 60 Jahre lang jedes Jahr hier!»

«Wie an einem Dorffest»

Zum letzten Mal schlendern die Menschen vorbei an den Ständen. Gewürze werden angeboten und Hörgeräte, Küchenmaschinen und Käse, Insektengitter und Dachfenster. Die Leute bleiben neugierig stehen, wenn die Handelskammer beider Basel «Mathematik zum Anfassen» anpreist oder der Automobilclub ein «Gehirntraining für Verkehrsteilnehmer». Im Cannabis-Village können Besucher an einem Joint-Roll-Wettbewerb teilnehmen. Ein junger Mann schafft es in zwei Minuten und 265 Hundertstelsekunden. «Die Bestzeit liegt bei 38 Sekunden», sagt der Verkäufer lachend. Basler, Berner, Walliser – Menschen aus der ganzen Schweiz tauchen noch einmal ein in dieses seltsame Durcheinandertal namens Muba. Es vereint Banales und Buntes, dass einem schwindlig wird ob der Vielfalt. «Wie ein grosser Flohmarkt ist es hier», sagt jemand. «Es herrscht eine Stimmung wie an einem Dorffest», sagt ein anderer.

Melancholie und Tanzmusik

Die Muba ist an diesem Sonntag nicht nur Rummelplatz, sondern auch eine Zeitmaschine. Elisabeth Wenger aus Basel und Rosmarie Dittli aus Reinach erinnern sich, dass die Muba einst ein gesellschaftlicher Höhepunkt war: «Unsere Mütter haben sich zur Muba jeweils mit der neusten Frühlingsmode ausgestattet und präsentierten dann dort stolz ihre neuen Kleider.»

Ruth Alef-Hoffmann reist in Gedanken gerade ein paar Jahrzehnte zurück, während sie in ihrer Einkaufstasche wühlt. Die 72-Jährige, die in Basel aufgewachsen ist und später viele Jahre im Bernbiet und im Ausland verbrachte, fördert ein paar Fotos zutage. «Schauen Sie», sagt sie, «auf diesem Bild ist mein Vater zu sehen. Wir sind regelmässig an die Muba gegangen; die Mustermesse gehört zu meinen Kindheitserinnerungen. In den letzten Jahren kam ich dann oft mit meinen Enkelkindern hierher.» Dann präsentiert sie ein etwas vergilbtes Papier, eine Art Scherenschnitt: «Den habe ich einst als Kind hier an der Muba gemacht.»

Ein bisschen Melancholie macht sich breit, doch jetzt tritt eine Jugendgruppe auf, die einen mit ihrem Tanz und ihrer Musik in die nüchterne Mubahallen-Realität zurückholt. Diese Realität heisst: In wenigen Stunden ist Lichterlöschen. Grausam tickt die grosse Muba-Uhr. Unerbittlich zerschneiden ihre riesigen Zeiger die Zeit.

Nostalgie und Wehmut

Zur Eröffnung am 8. Februar sagte Regierungsrätin Eva Herzog: «Die Muba-Uhr geht immer vorwärts und nie zurück.» An diesem frühlingshaften Februartag scheint sie trotzdem vor allem in die Vergangenheit zu weisen. «Wir haben von der Muba meistens etwas nach Hause gebracht», erinnert sich Emmanuel Salmoni aus Pratteln, der mit seiner Frau und der kleinen Tochter soeben die Halle verlassen hat, um den Heimweg anzutreten. «Mal war es Bienenwachs, den wir hier erstanden haben, mal bloss ein Brillenputztuch, manchmal ein Staubsauger. Das Schöne war, dass die Muba allen Generationen etwas geboten hat.»

Genau darin liege wohl der Grund für den Tod der Mutter aller Messen, sagt Ramona Walter, die hinter dem Stand von Baselland Tourismus steht: «Ich bedaure die Entwicklung, aber die Muba bot zu viel von allem, Spezialmessen haben eher eine Zukunft.»

Aber noch ist es nicht Zeit, in die Zukunft zu schauen, denn der Moment des Abschieds rückt näher. Martin Dürr vom Industriepfarramt Basel gibt der Muba mit einer Ansprache, in der von Nostalgie und Wehmut, aber auch Dankbarkeit die Rede ist, gewissermassen das letzte Geleit. Die Pipes and Drums Of Basel spielen eine schottische Melodie, die von vergangenen Schlachten und ihren Gefallenen handelt. Ein Begräbnis, Trübnis allenthalben? Nicht nur. Messechef Daniel Nussbaumer verrät, dass allein am Schlusstag 25 000 Besucher gezählt worden seien, insgesamt eine Viertelmillion Menschen gaben der Muba in den vergangenen zehn Tagen ihr letztes Geleit. Am Samstag, als 600 Fasnächtler durch die Hallen zogen, war der Publikumsaufmarsch ebenfalls gross.

Am Rande der Schlusszeremonie richtet Peter Holenstein, Mitglied der Geschäftsleitung der MCH Group, der die Muba 35 Jahre lang mitgeprägt hat, für die BaZ den Blick dann doch noch nach vorn. «Eine neue Muba wird es nicht geben», sagt er, «aber eine ‹Special Interest›-Messe ist durchaus denkbar.»

Um 18 Uhr schliessen sich die Türen. Zum letzten, zum allerletzten Mal.

Basler Zeitung

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