Die Glitzerfabrik unter dem Wasserturm

Schon zum 41. Mal stellen Kinder und Jugendliche ein komplettes Programm auf die Beine, mit allem Drum und Dran. Das ist der Quartier-Circus Bruderholz.

Am Vertikalseil zeigen die Künstlerinnen im Quartier-Circus ihr Können. Foto: Kostas Maros

Am Vertikalseil zeigen die Künstlerinnen im Quartier-Circus ihr Können. Foto: Kostas Maros

Hinter dem Hauptvergnügen, das natürlich im eigenen blauen Chapiteau stattfindet – letztes Jahr wurde zum 40. Geburtstag übrigens ein neues Zirkuszelt angeschafft –, wirkt ein siebenköpfiger Vorstand. In diesem Vorstand müssen Erwachsene vertreten sein, aus rechtlichen Gründen, es sind drei an der Zahl. Ihnen gegenüber sitzen vier Kinder und Jugendliche. Dieses Ungleichgewicht wurde mit Absicht geschaffen, im Zweifel können die Jungen die Alten nämlich überstimmen.

Ein «Oldie», wie sie hier auf dem Bruderholz zu sagen pflegen, ist, wer das 18. Altersjahr ­erreicht. Danach wird man ausgemustert, wird dem unterstützenden und sympathisierenden Personenkreis zugeschlagen. Wer hier Auftritt, das Programm gestaltet, dafür während des ganzen Jahres übt und schwitzt, das Chapiteau aufstellt und das Regiezepter schwingt, ist zwischen 6 und 18 Jahre alt. So funktioniert dieser Circus, dessen Vorstellungen in der Regel bis auf den letzten Platz ausgebucht sind – und das erprobte Regelwerk hinter dem Glitzer funktioniert nun seit vier Jahrzehnten ebenfalls einwandfrei. Chapeau!

Purer Feenstaub

Glitzer, also Zirkusglanz, purer Feenstaub aus der Welt der Sensationen und Attraktionen, jener urtümlichsten Form des Unterhaltungsgeschäfts, die wohl bis ans Ende aller Tage überdauern wird, gibt dieses Jahr das ­Thema für das Programm des Quartier-Circus Bruderholz vor. Der Glitzer ist der Brennstoff im Tank des «Fabricirque», so der Titel auf dem Programmheft, ohne dieses geheimnisvolle Material läuft hier gar nichts. Und wenn rot die Warnlampe aufleuchtet, muss nachgefüllt werden.

Aus diesem tragenden Thema haben die jungen Zirkusschaffenden eine schön schräge ­kleine Rahmengeschichte entwickelt, die aus zwei Komponenten gefügt ist, aus einer Führung durch die Zirkusfabrik, die einige ausgewählte Figuren aus dem Publikum absolvieren dürfen, sowie einem aufregenden Räuber-und-Poli-Spiel alter Schule. Mehr sei hier über diesen «file rouge» nicht verraten, denn – hey – gestern war schliesslich erst die ­Premiere des diesjährigen Programms, das noch bis zum 9. August gespielt wird, im Schatten des Wasserturms, bei freiem ­Eintritt.

Umso mehr wollen wir nun das Programm loben, das vom wunderbaren hauseigenen Circus-Orchester eröffnet wird. Diese Band – sie ist manchmal neun-, manchmal zehnköpfig – hat schwer etwas auf dem Kasten. Dies ist der einzige Teil des ­Programms, in den teilweise ­Erwachsene involviert sind, treue musikalische Seelen, die hier jedes Jahr kostenlos mitmachen – und die swingen, jazzen, glänzen, dass es eine wahre Freude ist. Zwischen Gershwins «Summertime», Hancocks «Chameleon» und «The Show Must Go On» von Queen erschallen Klänge aus allen vier Ecken der Welt, schaffen Spannung und Entspannung, harmonieren vorzüglich mit den dargebotenen Nummern. Kaum ein Profizirkus hat heutzutage mehr so ein grosses und brillantes Musikkraftwerk über der Manege.

Akrobatik vom Feinsten

14 Nummern bilden das Programm, das die quicklebendige Circusbande auf die Beine – und Hände – gestellt hat. Und das ist beileibe nicht nur frisch und niedlich, obwohl es diese Aspekte natürlich beide beinhaltet, es ist spannend, akrobatisch, artistisch im besten Sinne.

Unter der Kuppel wirken die jungen Künstlerinnen und Künstler, am Vertikalseil, am Vertikaltuch, am Trapez, aber auch auf dem harten Boden, mit Trampolinsprüngen, auf Kunstrad und Einrad sowie auf der – gefährlich aussehenden – X-Leiter. Es wird natürlich auch jongliert, die Hebeakrobatik zelebriert, das Diablo geschwungen. Das alles ist nicht nur ein wunderbares ­Zirkusvergnügen, sondern auch Lebensschule und Jugendarbeit, im besten Sinne. Bravissimo!

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