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Die Gemeinden als kulturelle Trittbrettfahrer

Der neue Kulturvertrag zwischen den beiden Basel erntet Kritik. Diese müsste vor allem auf die Agglomerationsgemeinden zielen.

MeinungThomas Dähler
Kaum eine Stadt der Grösse Basels verfügt über derart hochkarätige Kulturinstitutionen: Das Kunstmuseum mit seinem Neubau.
Kaum eine Stadt der Grösse Basels verfügt über derart hochkarätige Kulturinstitutionen: Das Kunstmuseum mit seinem Neubau.

«Basel-Stadt hat schlecht verhandelt»: So hat das Fazit gelautet, das mehrere Grossräte bei der Debatte über den Kulturvertrag mit dem Kanton Basel-Landschaft gezogen haben. Der Nachbarkanton habe sich mit seiner Strategie, den Vertrag notfalls ganz zu kündigen, in eine hervorragende Position gebracht, wurde achselzuckend gesagt. 2015 hatte die Baselbieter Regierung die Absicht signalisiert, den Kulturvertrag von 1997, der die Subventionierung vieler kultureller Institutionen in Basel geregelt hat, zu kündigen. Gleichzeitig stand auch der Universitätsvertrag auf der Kippe. Grund war die damals finanziell angeschlagene Situation des Kantons Baselland.

Mit dem Ja in beiden Parlamenten zum neuen Staatsvertrag ist jetzt wenigstens die Kündigungsdrohung endgültig vom Tisch. Doch die Beteiligung der Nachbarn an den enormen Kosten der Basler Kultur bleibt auch mit dem neuen Vertrag mager. Es ist dies letztlich derPreis Basels für seine unfreiwillige Selbstständigkeit als Stadtkanton.

Oder noch drastischer formuliert: Es ist die Strafe für die historischen Fehler Basels, die 1832 zur Kantonstrennung geführt haben. Die Kulturabgeltung lässt auch beispielhaft nachvollziehen, weshalb eine Wiedervereinigung der beiden Basel einseitig von Basel-Stadt angestrebt wird. Alle grösseren Schweizer Städte profitieren heute stärker als Basel von der jeweiligen Abgeltung der Zentrumslasten.

Kaum eine Stadt der Grösse Basels verfügt über derart hochkarätige Kulturinstitutionen.

Immerhin stehen diesem Nachteil auch Vorteile gegenüber. Die Stadt kann selbstständig entscheiden, welche Kultur sie sich leisten will. Und das Level ist selbst im internationalen Vergleich hoch. Kaum eine Stadt der Grösse Basels verfügt über derart hochkarätige Kulturinstitutionen: ein Dreispartentheater, mehrere Orchester, eine Vielzahl an Topmuseen, ein reiches Angebot alternativen Kulturschaffens und vieles mehr. In einem vereinten Basel würde wohl manches zurückgestuft.

Selbst bei der Behandlung des Kulturvertrags in Liestal gaben einige Parlamentarier zu Protokoll, dass der neue wie der alte Vertrag einen knausrigen Beitrag an den Nachbarn darstellen, wird doch das Angebot in Basel auch von Besucherinnen und Besuchern aus dem zentrumsnahen Teil des Baselbiets rege genutzt. Die jährlichen 9,6 Millionen Franken bleiben auch dann bescheiden, wenn man die rund 2 Millionen zusätzlicher Unterstützungsbeiträge dazurechnet.

Dennoch ist der in beiden Kantonsparlamenten angesprochene Vergleich mit den durchschnittlichen Kulturabgaben der Kantone nicht ganz korrekt. Die Statistik des Bundes zeigt zwar auf, dass Baselland nur gerade 205 Franken pro Einwohner für die Kultur ausgibt, während es im schweizerischen Mittel 310 Franken sind. Schuld am bescheidenen Betrag ist aber nicht der Kanton, sondern die Baselbieter Gemeinden.

Die Baselbieter Gemeinden überweisen der Stadt Basel gerade mal 230 000 Franken jährlich an Kulturbeiträgen.

Die Kantonsausgaben allein entsprechen dem schweizerischen Mittelwert. Weit davon entfernt sind hingegen die Kulturausgaben der Gemeinden. Eine Baselbieter Gemeinde gibt für die Kultur durchschnittlich 66 Franken aus, eine Schweizer Gemeinde aber 175 Franken. Doch das kulturelle Topangebot in der Stadt trägt auch in der Agglomeration in hohem Mass zur Lebensqualität bei. Zudem ist die Kultur ein regionaler Standortvorteil, der wirtschaftlich von Bedeutung ist und sicher einen positiven Einfluss auf das gesellschaftliche Einvernehmen hat. Sicherlich könnten die Strukturen noch verschlankt werden, doch missen möchte das Basler Kulturangebot in der Region niemand.

Baselland erreicht dieses Level natürlicherweise nicht. Doch der Blick nach Liestal, Sissach, Gelterkinden oder Laufen beweist, dass auch das Baselbiet keine kulturelle Wüste ist. Kulturelle Defizite lassen sich eher in den stadtnahen Gemeinden orten. Deren Bewohner nehmen das magere ­Angebot auch hin, denn ins Theater oder ins Konzert geht man von dort selbstredend nach Basel.

Die Baselbieter Gemeinden überweisen der Stadt Basel gerade mal 230 000 Franken jährlich an Kulturbeiträgen. Alles zusammengezählt. Die Stadt Bern erhält demgegenüber allein von der Gemeinde Köniz jährlich eine Million.

Der Kulturvertrag zwischen den beiden Basel ist für die nächsten acht Jahre unter Dach. Dies muss aber weder die Kantons- noch die Gemeindebehörden im unteren Baselbiet daran hindern, über zukünftige Zusammenarbeitsformen zu sprechen. Etwa über eine gemeinsame Trägerschaft des Theaters Basel.

Und was die knausrigen Gemeinden im sogenannten Speckgürtel angeht: Ihre ­Bewohner sind, wie es die Besucherzahlen in Basel ausweisen, sehr kulturaffin. Basels kulturelles Topangebot wird in Allschwil, Binningen oder Arlesheim geschätzt. Die Basler Behörden könnten entsprechend auch mal auf die Idee kommen, Gespräche mit den zuständigen Gemeinderäten im Unterbaselbiet anzuregen. Normalerweise sind es in der Schweiz die Gemeinden, die am meisten für die Kultur tun.

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