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Die Cashcow wurde zu lange gemolken

Die Führung der MCH Group ist mitschuldig am Baselworld-Debakel.

Die Zeit läuft davon: Die Baselworld steckt in der Krise; zu spät hat sie auf den Umbruch in der Branche reagiert.
Die Zeit läuft davon: Die Baselworld steckt in der Krise; zu spät hat sie auf den Umbruch in der Branche reagiert.
Christophe Chamartin

Unter dem Titel «Baselworld richtet sich neu aus» kommunizierte die MCH Group gestern in einem kurzen Newsletter die einschneidenden Veränderungen für die Weltmesse für Uhren und Schmuck im kommenden Jahr. Mit 600 bis 700 Ausstellern wird die Branchenveranstaltung nur noch halb so gross sein, wie sie in der Vergangenheit war. Und sie wird um zwei Tage kürzer.

Einmal mehr macht die Messeleitung aber auf Schönfärberei, spricht von Qualität und Vielfalt und davon, dass die Baselworld nicht auf Masse setzen, sondern weiterhin die Leitmesse der global führenden Marken sein werde.

Es ist symptomatisch, wie die Führung der MCH Group das Desaster kommuniziert und herunterspielt. Weder CEO René Kamm noch Verwaltungsratspräsident Ueli Vischer hielten es für nötig, über die drastischen Massnahmen, die über die Messe hinausreichen, persönlich zu informieren. Im Newsletter sucht die Messe die Schuld einzig und allein im Markt, der tatsächlich im Umbruch ist.

Ein Skandal ist die Tatsache, dass die 450 Millionen teure Messehalle nur noch zum Teil gebraucht wird.

Marktkonsolidierungen und die Folgen der Digitalisierung sind nicht wegzuleugnen. Man hat sich jedoch zu sehr darauf verlassen, dass mit dem neuen Messebau von Herzog & de Meuron die wichtigste Investition für die Zukunft getätigt worden ist. Vergessen oder einfach ignoriert wurde das zunehmende Unbehagen bei den Ausstellern, die nicht nur neue, teure Messebauten berappen, sondern auch massiv höhere Standkosten hinnehmen mussten. Und als dann kurz nach der Eröffnung der neuen Halle die Krise kam, zeigte sich die Messeleitung völlig unflexibel.

Vom hohen Ross herab wurde auf den Messekosten, die in die Millionen gehen, beharrt, statt den Ausstellern entgegenzukommen. Diese ärgerten sich zunehmend über die Arroganz der Verantwortlichen, die ihre Cashcow – sie generiert bis zu zwei Drittel des Umsatzes – so lange melken wollten, wie es ging. Zu lange, wie sich jetzt herausstellt. Leider hat auch die Basler Hotellerie und Gastronomie mit unverschämten Messepreisen zu dieser schon länger schwelenden Missstimmung bei den Ausstellern beigetragen.

Ein Skandal ist die Tatsache, dass die 450 Millionen teure Messehalle nur noch zum Teil gebraucht wird. Als es darum ging, Beiträge von den beiden Basel zu bekommen, wurde versprochen, dass die Halle dem Messeplatz Basel einen neuen Aufschwung bringen würde. Das Gegenteil ist nun der Fall.

Ist mit den angekündigten Massnahmen die Baselworld für die Zukunft gerettet? Sicher nicht. Die BaZ kennt mehrere renommierte Uhrenfirmen, die nur noch im kommenden Jahr in Basel dabei sein werden und schon jetzt eine andere Plattform suchen. Freuen kann sich der Salon International de la Haute Horlogerie (SIHH) in Genf. Während die Baselworld schrumpft, wird der SIHH immer grösser. Natürlich sind dort erst zwei Dutzend Marken versammelt, darunter finden sich aber klingende Namen wie Cartier, Audemars Piguet, IWC, Piaget, Panerai und neu auch noch Hermès.

Deshalb stimmt die Selbsteinschätzung der Baselworld nicht, sie werde trotz allem die Leitmesse der global führenden Marken bleiben. Wenn die Swatch Group, Patek Philippe, Rolex, Chopard oder die LVMH-Watch-Division aus Basel abwandern sollten, kann die Messe definitiv einpacken. Die in Basel verbleibenden Prestigemarken werden deshalb jetzt stark gehätschelt, was bei den übrigen Ausstellern für Unmut sorgt.

Kleinere Galerien werden von der Messe ausgeschlossen.

Die Reduktion der Messedauer und der Aussteller sind nicht genug für eine zukunftsorientierte Neukonzeption der Baselworld. Hier fehlt es den Messemachern offensichtlich an guten Ideen, die sofort umgesetzt werden können. Die für die nächsten Jahre angekündigte Erweiterung der Baselworld von einer reinen Fachhändlermesse hin zu einer erweiterten Marketing- und Kommunikationsplattform dürfte für die einen zu spät kommen und den anderen zu lange dauern.

Die Arroganz und das Zögern der Verantwortlichen der MCH Group hat jetzt auch Auswirkungen auf viele andere Wirtschaftszweige in Basel. Die Hotellerie, die Gastronomie, aber auch das Gewerbe werden die sinkende Bedeutung der Baselworld zu spüren bekommen. Dies dürfte dazu führen, dass die Bevölkerung künftig nicht mehr so geschlossen hinter der Messe Basel stehen wird, wie dies in der Vergangenheit der Fall gewesen ist.

Und die Messeleitung muss sich vorsehen, dass sich das Debakel der Baselworld nicht auch bei der Art Basel wiederholt. Dort gibt es ebenfalls Tendenzen, die Veranstaltungen in Basel, Miami und Hongkong nur auf die ganz grossen Player auszurichten. Kleinere Galerien werden von der Messe ausgeschlossen oder dazu gezwungen, hochpreisige Kunst auszustellen. Momentan boomt der Kunstmarkt noch – zumindest im obersten Preissegment. Doch auch hier erwarten Beobachter eine Konsolidierung des Marktes.

Dann würde das bis anhin erfolgreiche Label Art Basel ebenfalls unter Druck kommen. Die Parallelen zur Baselworld sind offensichtlich. Ob die Messeleitung aus diesem Problem allerdings gelernt hat, muss sich erst noch zeigen.

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