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Die Abkehr vom Reformglauben

Auch in den Basler Schulen soll künftig die Lehrmittelfreiheit gelten.

MeinungThomas Dähler
Basler Lehrerinnen und Lehrer können für den Mathematikunterricht in den Primar- und Sekundarschulen künftig zwischen mehreren Lehrmitteln auswählen.
Basler Lehrerinnen und Lehrer können für den Mathematikunterricht in den Primar- und Sekundarschulen künftig zwischen mehreren Lehrmitteln auswählen.
Zürcher Lehrmittelverlag

Für den Basler Erziehungs­direktor Conradin Cramer dürfte es ein zufälliges zeitliches Zusammentreffen gewesen sein. Letzten Mittwoch hat er verkündet, dass die Basler Lehrerinnen und Lehrer für den Mathematikunterricht in den Primar- und Sekundarschulen künftig zwischen mehreren Lehrmitteln auswählen können. Einen Tag später hat ein Initiativkomitee aus Vertretern mehrerer Basler Parteien ein Volksbegehren gestartet, das die Lehrmittelfreiheit in Basel-Stadt generell gesetzlich verankern will. Das Zugeständnis an die Lehrerschaft ist letztlich auch das Eingeständnis, dass nicht alles, was seinerzeit unter dem Label Reformpädagogik eingeführt wurde, auch erfolgreich war.

Die Mathematikdefizite der Basler Schülerinnen und ­Schüler sind spätestens seit Mai 2019 aktenkundig. Bei den ersten gesamtschweizerischen Schultests nämlich, deren Ergebnisse im letzten Mai publiziert wurden, hat Basel-Stadt abgeschlagen auf dem letzten Platz unter den 26 Kantonen abgeschlossen – aus­gerechnet derjenige Kanton, der bei Schulreformen immer zuvorderst dabei war.

Für Bildungspolitiker und ihre Fachexperten ist eine realisierte Reform oft Teil des Erfolgspalmarès

Nur 43,5 Prozent der Schulabgänger verfügen in Basel gemäss den Tests bei Schulabschluss über die erforderlichen Grundkompetenzen in Mathematik. Dabei galt es beispielsweise auszurechnen, wie viel ein Pullover kostet, für den 20 Prozent Rabatt auf einem Grundpreis von 170 Franken gewährt wird. Diese Aufgabe ist in Basel-Stadt heute offensichtlich für die Mehrheit der Schulabgänger zu schwierig. Ein Schelm, wer denkt, es sei die angekündigte Volksinitiative, die den Erziehungsdirektor nun zum Handeln gezwungen hat. Möglicherweise ist es auch der Blick in den Nachbarkanton, der bei den Tests nicht viel besser abgeschlossen hat: Dort hat das Volk inzwischen die Lehrmittelfreiheit beschlossen.

Und dort ist die Bildungsdirektorin auch der Ansicht, man könne nicht so weiterfahren wie bisher. «Wir werden handeln», sagte Regierungsrätin Monica Gschwind im Mai bei der Bekanntgabe der schlechten Testresultate. Massnahmen stellte sie bis Ende 2020 in Aussicht. Die vielen Schulreformen der letzten Jahre werden in Liestal schon lange kritisch beurteilt. Ihre Auswirkungen sind zu überprüfen, Misserfolge zu korrigieren. Das ist nicht immer einfach: Für Bildungspolitiker und ihre Fachexperten ist eine realisierte Reform oft Teil des Erfolgspalmarès. Entsprechend kratzen Misserfolge vermeintlich am ­Leistungsausweis. Zur professionellen Arbeit gehört aber, die Realitäten zur Kenntnis zu nehmen und entsprechend zu handeln.

Lange, sehr lange galt in Basel die Kritik an der Sprachreform als ungehörig

In den Sprachfächern sind zwar die Grundkenntnisse besser. Doch auch hier haben die beiden Basel bei den Tests weit unter dem schweizerischen Durchschnitt abgeschlossen. Die Hintergründe sind weder durch den Migrationshintergrund vieler Schülerinnen und Schüler erklärbar noch durch das soziale Umfeld – so jedenfalls belegt es die Begleitstudie zu den Testresultaten. Es ist sicher nicht abwegig, wenn eine mögliche Ursache schlechterer Resultate in der Unterricht­spraxis und bei den Lehrmitteln gesucht wird, zumal die in Basel verwendeten Französischlehrmittel «Mille feuilles» und «Clin d’œil» und die damit verbundene Sprachdidaktik schon lange breiter Kritik ausgesetzt waren.

In den sechs Passepartout-­Kantonen, die in ihren Schulen Frühfranzösisch eingeführt haben, bröckelt unterdessen der Glaube an die inzwischen zehn Jahre zurückliegende Reform. Baselland führt im Sommer alternative Lehrmittel ein. Bern prüft ebenfalls neue Methoden. Und man staune: Der Basler Erziehungsdirektor Cramer hat diese Woche angekündigt, den Lehrerinnen und Lehrern ab kommenden Sommer ebenfalls alternative Lehrmittel in Deutsch und Französisch zur Verfügung zu stellen.

Für Basel-Stadt ist dies ein mittleres Erdbeben. Lange, sehr lange galt in Basel die Kritik an der Sprachreform als ungehörig. Selbst bei der Volksabstimmung über die Lehrmittelfreiheit im benachbarten Baselland ernteten die dortigen Behörden aus Basel nur Kopfschütteln. Man werde an den umstrittenen Passepartout-Lehrmitteln festhalten, hiess es.

Inzwischen ist deren Erfolg­losigkeit belegt. Der Versuch, sich eine Sprache nur durch ein Sprachbad, ohne Grammatik und Wörterlernen anzueignen, ist nicht mit dem Schweizer Schulsystem und den hierzulande üblichen Einzellektionen kompatibel. Es ist deshalb zu begrüssen, dass die Erziehungsdirektion in Basel-Stadt den Lehrerinnen und Lehrern künftig mehr pädagogische Freiheiten zugestehen will. Zu viele Reformen haben die Schulen in den letzten Jahren geprägt, oft ohne Erfolg. Reformplänen ist künftig kritischer zu begegnen. Schülerinnen und Schüler sind keine Versuchskaninchen für reformgläubige Pädagogen.

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