«Der Naturschutz ist in Basel stehen geblieben»

Dreissig Jahre schon kennt der Regierungsrat die ökologisch wertvollen Gebiete im Kanton Basel-Stadt, gemacht wurde nichts, sagt ein Experte.

Freizeitspass versus Naturraum. Entlang des Rheinbords gibt es in Basel mehrere Stellen, die auch für seltene Tiere und Pflanzen wichtig sind.

Freizeitspass versus Naturraum. Entlang des Rheinbords gibt es in Basel mehrere Stellen, die auch für seltene Tiere und Pflanzen wichtig sind.

(Bild: Nicole Pont)

Mischa Hauswirth

Der Basler Klaus Ewald (77), ehemaliger Professor für Natur- und Landschaftsschutz an der ETH Zürich, hat kein Verständnis dafür, dass in Basel-Stadt seit 1913 kein weiteres Naturschutzgebiet geschaffen wurde. Den Behörde sei seit Jahrzehnten bekannt, welche Flächen wichtig wären.

BaZ: Herr Ewald, Sie haben 1985 zusammen mit anderen den «Basler Natur-Atlas» erarbeitet. Was war in diesem Werk enthalten?
Klaus Ewald: Der Atlas war ein Inventar von Flächen, die als ökologisch wertvoll gelten und deshalb auch unter Schutz gestellt werden sollten. Die Kartierung und die Erfassung dieser Gebiete wurde im Auftrag vom Basler Naturschutz erstellt, der Vorläuferorganisation von Pro Natura. Es war ein Werk von drei dicken Ordnern. Ich alleine habe dafür von 1982 an über 1400 Stunden investiert. Finanziert wurde dieser Natur-Atlas durch Stiftungen.

Was bezweckte dieser Atlas?
Der Regierungsrat und viele Politikerinnen und Politiker aus allen Parteien sollten damals erfahren, welche Flächen schützenswert sind und für die Nachwelt erhalten werden sollten und aus welchem Grund. Durch die Publikation hatten damals also alle wichtigen Stellen Kenntnisse davon oder wussten zumindest, dass es eine entsprechende Empfehlung gab. Die Idee war aber nicht nur, die Flächen zu benennen und deren Lage aufzuzeigen, sondern sie schnell unter Schutz zu stellen. Die Schickeria der Politik versprach damals auch, sie wolle das rasch tun. Vor allem Ex-Regierungsrat Arnold Schneider hat unser Werk wohlwollend zur Kenntnis genommen.

Es passierte aber nichts. Basel-Stadt hat seit 1913 keine weitere Fläche mehr unter Schutz gestellt. Warum glauben Sie, dass die Politik und die Behörden während Jahrzehnten untätig blieben?
Aus meiner Sicht harzt es in der Verwaltung. Dort herrscht die Haltung, dass uns der Naturschutz nicht gross juckt. Es gibt Verwaltungsmitarbeiter gerade auch in Schlüsselpositionen, die setzen sich nur mit Widerwillen mit der Natur auseinander. Naturschutz würde Aufwand und die Anpassung von Prozessen bedeuten, zum Beispiel wenn ein Streifen an einer Strasse, einem Platz oder eine Baumgruppe stehen gelassen werden soll. Das ist innerhalb der Behörden unbeliebt.

Das erstaunt, war doch Markus Ritter, der ehemalige Generalsekretär des Präsidialdepartementes unter Guy Morin, Mitverfasser des «Basler Natur-Atlasses».
Markus Ritter hatte während der Entstehungszeit dieses Werkes quasi einen Volljob mit der Aufgabe. Er kannte den Atlas also sehr gut. Mich wundert, dass Ritter und Morin nicht mehr machten für den Naturschutz. Warum das so ist, kann ich nicht sagen.

Was sagen Sie dazu, dass bis heute noch nichts passiert ist?
Für mich spielen die demokratischen Instrumente nicht so, wie sie sollten. Andere Interessen als die Natur werden immer höher gewichtet. Für die meisten ist Naturschutz etwas Fernes, sie haben nicht selten zu wenig Kenntnisse über die komplexen Zusammenhänge von Naturräumen. Die Politik sollte eigentlich nicht müde werden, die Wichtigkeit von Naturschutz permanent zu wiederholen. Dass die besagten Flächen nicht schon längst unter Schutz stehen, ist umso bemerkenswerter, da sich viele Grundstücke in öffentlichem Besitz befinden.

Hat Basel in den vergangenen Jahren Fortschritte gemacht in Sachen Naturschutz?
Der Naturschutz ist in Basel stehen geblieben oder sogar zurückgegangen.

Was sagen Sie zum Baumschutz in der Stadt Basel?
Der Baumschutz war vor dreissig Jahren wichtiger als heute. Oft gab es vor einer Baumfällung enormen Widerstand, gerade bei alten Bäumen, worauf die Bäume stehengelassen wurden. Alte Bäume sind wichtig für jede Stadt. Jedoch sind heute Bäume vom Radar der öffentlichen Aufmerksamkeit verschwunden. Besonders alte Baumindividuen werden zu leicht gefällt. Die Menschen beschäftigen sich lieber mit veganem Essen oder Klimaveränderung als mit den Bäumen in ihrer Nachbarschaft. Wir bewegen uns immer mehr weg von dem, was Bäume wirklich sein können. Heute gibt es vor allem Durchschnittsbäume, Peterli in der Landschaft, wie ich das nenne.

Wo sehen Sie das Hauptproblem für den Naturschutz in der Stadt?
Bei der von der Politik verfolgten Verdichtungsstrategie werden es ökologisch wertvolle Naturräume immer schwerer haben. Bauen hat Priorität. Doch es könnte auch im Detail mehr getan werden. Ich stelle die Frage schon lange, warum die Stadtgärtnerei immer überall mähen muss und das Gras und die Blumen darin nicht einfach wachsen und blühen lässt.

Basler Zeitung

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