«Das ist erst der Anfang»

Die jungen Klimaaktivisten wollen weiter demonstrieren und werden demnächst eine Petition verabschieden.

  • loading indicator
Franziska Laur

Zwei der Klimastreikenden empfangen die BaZ vor dem Unternehmen Mitte im Herzen von Basel. Rein geht es in die Café-Bar, wo vier Jugendliche an einem Tisch zunächst etwas skeptisch schauen. Eines wollen sie vor dem Gespräch klarstellen: «Wir wurden von euch als Nachschwätzende, als Nicht-Reflektierende dargestellt. Das ist völliger Quatsch.»

Nicht ernst genommen hätten sie sich gefühlt. Richtig sei, dass diese Bewegung aus der Schülerschaft entstand und nur aus dieser: «An den Demos beteiligen sich zwar Lehrpersonen und Erwachsene. Wir erfahren auch viel Unterstützung. Die an der Organisation beteiligten Personen aber sind ausschliesslich U25.»

Mittlerweile werde es allerdings immer mehr Leuten klar, dass der Kampf für das Klima ein Kampf ums Überleben sei. So hat sich nach dem ersten Streik vor Weihnachten die Studentenschaft ebenfalls der Bewegung angeschlossen. «Wir haben zunächst nur geschaut und dachten: Cool, was die machen», sagt Vincent.

Mittlerweile haben sich auch viele der Studierenden dem Kampf angeschlossen, denn sie sind der Meinung, dass sie die Generation sind, die die Sünden ihrer Vorfahren ausbaden müsse – diejenigen, die unter dem Zwang des ewigen Wirtschaftswachstums und den daraus folgenden Schäden an Menschen, Umwelt und Zukunft leiden werden.

Konsum als Knebel

Sind nicht auch sie Kinder des Konsums? In einer bequemen Welt aufgewachsen, in der alles Nötige zur Verfügung stand. Sie, die Generation mit dem höchsten Energieverbrauch: «Ja, doch was heisst das?», fragt Pauline.

Tatsächlich, was heisst das eigentlich? Dass sie sich nicht wehren dürfen, dass sie still sein sollen, sich ab sofort jeglichem Konsum verweigern müssen?

«Oft ist es ja nicht einmal möglich, sich dem Konsum zu verweigern», sagt Pauline. «Angefangen bei Handys und Computern, die schon alleine für die Teilnahme an den meisten Fächern in der Schule heute unabdingbar sind.»

Gut möglich, dass sie gerade aus der Position des Sattseins heraus besser agieren können. Ausgehungerte neigen zu ungezügelter Wut, zu unreflektierten Handlungen. Hier sitzen Jugendliche, die genau wissen was sie tun. «Auch wenn wir im Wohlstand leben, können wir trotzdem aus dieser Blase hinausschauen», sagt Livia.

Fragen bleiben. Warum verhandeln sie überhaupt mit Lehrpersonen, Schulbehörden, ja gar mit Erziehungsdirektor Conradin Cramer, um Konsequenzen zu vermeiden? Weshalb gehen sie nicht einfach auf die Strasse und demonstrieren? Das tut doch auch die Initiantin des Klimastreiks, die 16-jährige Schwedin Greta Thunberg?

Sie begann, indem sie ganz allein vor dem schwedischen Parlament sass. Drei Wochen ging sie gar nicht zur Schule, seitdem streikt sie jeden Freitag für eine konsequente Klimapolitik – seit 22 Wochen.

«Auch sie hat den Kompromiss gesucht», sagt Anna. «Wir spüren, dass wir so ernster genommen werden.» «Wir gehen Kompromisse ein, wenn es um Absenzen geht, aber nicht wenn es ums Klima geht», sagt Laurin.

Überhaupt drehe sich zu viel um die Absenzen. «Wir würden viel lieber über unsere eigentlichen Anliegen reden. Wir wollen, dass man diese Krise auch wie eine Krise behandelt.»

Die Jugendlichen sprechen mit Überzeugung, mit Leidenschaft. Ihnen sei ein Stein vom Herzen gefallen, als sie eine Möglichkeit sahen, sich zu äussern, Forderungen zu stellen. Sie seien viele, sagen sie. An der kommenden Demo, am 2. Februar, werde man Tausende, schweizweit Zehntausende hinter sich scharen können.

Sie sind auch wohltuend klar. Als einer der Jungs politisch ausufern will, bremst Livia ab, führt wieder auf das lokale Parkett zurück. Freundlich, aber bestimmt. Natürlich, man rebelliere nicht gegen eine Elite, wie vielleicht die 68er, sagen sie. Es sei kein Klassenkampf. Man demonstriere für eine ganz bestimmte Sache und dieser Kampf werde von einem grossen Teil der Gesellschaft gestützt.

Doch wie soll ein derart kleines Land wie die Schweiz den Klimawandel stoppen? Da müsste doch die Welt mitziehen. «Diesen Vorwurf hören wir immer wieder», ärgert sich Livia. «Jemand muss den ersten Schritt tun», setzt Kasimir hinzu. Ausserdem sei es eine weltweite Bewegung: Und überall weite sie sich aus.

«Sogar wenn es nur die Schweiz wäre. Die Schweiz ist reich, bedeutend und ein riesiger Umschlagplatz», sagt Vincent. «Es sei wohl kein Zufall, dass jetzt, wo der wichtigste Mann der Welt die Welt mit Füssen tritt, etwas in Bewegung geraten sei.»

Die Pläne und Forderungen

Sie sprechen vom Treibstoff, der preislich erhöht werden sollte. «Die Mehrheit der Jungen würde das befürworten.» Sie sprechen von Tonnen von Lebensmittel, die, obwohl noch geniessbar, weggeworfen, ja vergeudet werden, weil das Gesetz zu streng ist. Unsinnige Gesetze, die es zu ändern gelte.

Vor der Haustür müsse man beginnen, und diese Steinchen hätten einen Einfluss auf die ganze Welt. Im lokalen Bereich gelte es zu handeln, den Abfall zu dezimieren, die lokale Lebensmittelkette zu fördern – weniger, aber dafür hochwertiger zu konsumieren. «Der Minimalismus ist im Trend», sagt Laurin.

Das Ziel ist die Veränderung

«Warum haben wir überhaupt die Option, Dinge zu kaufen, die der Umwelt schaden?», fragt Kasimir rhetorisch. Darauf gibt es nur unbefriedigende Antworten: Weil ein allzu massiver Eingriff in die Handelsfreiheit Arbeitsplätze und Existenzen zerstören kann, beispielsweise. «Doch die jetzigen massiven Eingriffe in die Umwelt zerstören unser aller Existenz», sagt Anna.

Sie haben einen beeindruckenden Drive, diese Jugendlichen, eine gnadenlose Entschlossenheit, eine visionäre Klarheit. Und doch, sind sie nicht eine Elite, eine Generation aus der privilegierten Schicht, viele aus dem Gymnasium, die später vielleicht in der Politik landen, bei den Sozialdemokraten, wo sie sich zermürbende Gefechte um jeden kleinsten Schritt mit den Bürgerlichen liefern?

«Unsere Bewegung zieht sich durch alle Parteien und alle Gesellschafts- und Kulturschichten», sagt Vincent. 80 Prozent der Schülerinnen und Schüler würden die Bewegung unterstützen. Nicht alle würden eine Absenz in Kauf nehmen wollen, doch vielen sei es unwohl mit der heutigen Entwicklung.

«Genau diejenigen, die sagen, die Jugend interessiere sich nicht für die Politik, sagen doch auch, wir sollten uns nicht am Klimastreik beteiligen. So absurd ist das», sagt Anna.

Es ist spannend, mit diesen jungen Leuten zu reden. Doch langsam neigt sich das Gespräch dem Ende zu. «Wir müssen jetzt Sitzung abhalten. Gibt es noch eine Frage?», fragt Livia.

Vielleicht noch das: Worum geht es an dieser Sitzung?

«Wir wollen eine Vollversammlung vom 27. Januar vorbereiten. Dort soll sowohl eine Petition verabschiedet als auch die allgemeine Stossrichtung der regionalen Bewegung beschlossen werden. Zudem wollen wir uns basisdemokratisch auf eine Organisationsform einigen.»

Pauline macht den Abschluss. «Das ist erst der Anfang. Wir werden wachsen», sagt sie, und es tönt nicht wie eine Drohung, es tönt wie der Beginn eines grossen Abenteuers, dessen Ziel die Veränderung ist.

Basler Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt