Das Ende einer Ära

Gegen 150 Personen haben am Samstagnachmittag auf dem Barfi die Übergabe jener legendären blauen Telefonkabinen an das Historische Museum gefeiert.

Bald ist der beliebte Treffpunkt weg. Darum ein letztes Selfie für die Erinnerung. Foto: Florian Bärtschiger

Bald ist der beliebte Treffpunkt weg. Darum ein letztes Selfie für die Erinnerung. Foto: Florian Bärtschiger

Mit ihrem iPhone in der Hand steht sie auf dem Barfüsserplatz und fotografiert drei Freundinnen, die vor jener bekannten Basler Wegmarke posieren, der Telefonkabinenburg beim Stadtcasino. Die vier jungen Frauen sind in ihren frühen Zwanzigern.

Jo Vergeat von «Kulturstadt Jetzt» ist auch hier, sie ist in offizieller Mission gekommen, auch sie gehört augenscheinlich zur Generation Mobilkommunikation. – Oder etwa nicht? «Doch, das stimmt. Wenn es um das Telefonieren an sich geht, hatten die Kabinen für mich und meinen Freundeskreis keine Bedeutung mehr. Aber sie dienten auch uns, wie schon unseren Eltern, als Treffpunkt in der Stadt.»

«Kulturstadt Jetzt», jene überparteiliche Vereinigung, die sich seit vielen Jahren um kulturelle Anliegen in unserer Stadt kümmert, hat sich diesem eher aussergewöhnlichen städtischen Kulturgut angenommen, den blauen Kabinen auf dem Barfi. Sie hat auch das vorgestrige Fest, das im Zeichen des Abschieds und der Übergabe stand, auf die Beine gestellt. Deshalb sind viele bekannte Exponentinnen und Exponenten dieses Kultur-Komitees auf dem Barfüsserplatz erschienen, um 17 Uhr, an einem drückend heissen Samstagnachmittag. Einem Nachmittag, an dem viel los war in Basel-Stadt, von der Musikparade «Beat on the Street» über das Spiel des FC Black Stars gegen den FC Zürich bis hin zu einer Kurden-Demo, die kurz vor der Telefonkabinen-Zeremonie ihr Ende fand. Die Sommerferien sind zu Ende, die Leute wieder da, Basilea brummt.

Das Ende einer Ära

«Ich gehöre wohl zur letzten ­Generation, die diese Telefon­kabinen zu Kommunikationszwecken benutzt hat», sagt Alt-Grossrat Tobit Schäfer, der ebenfalls schon lange zu den Kulturstadtaktivisten gehört. «Weil das Echo auf das Verschwinden der Kabinen in den sozialen Medien so gross war, haben wir uns der Sache ­angenommen.» Und die Sache ist die: Das Ensemble wird ­Exponat des Historischen Museums Basel. Es bleibt also am Barfi.

Allerdings nicht mehr draussen, sondern drinnen, dort, notabene, wo man Eintritt bezahlen muss. «Ich heisse Doris und bin 79 Jahre alt», sagt eine Dame, die dem Fest neugierig beiwohnt. «In mir wecken diese Kabinen keine nostalgischen Gefühle, sie haben mir nie gefallen. Eigentlich stehen sie doch einfach nur im Weg. In meinen Jugendjahren haben wir am Barfi – oder Seibi, wie wir sagten – immer unter der Wurst abgemacht. Diesen Ort kannten alle. Denn unter dem Dach des Tramhäuschens hing damals eine grosse Wurst, als Werbung für die Firma Bell. ‹Unter der Wurst› hiess unser Treffpunkt.»

Nun ist der Moment der offiziellen Übergabe angebrochen. Jo Vergeat begrüsst die Anwesenden, sie stellt Esther Hüsler vor, Mediensprecherin der Swisscom, also der einstigen Inhaberin der Kabinen, und Manuel Eichenberger, den Kaufmännischen Direktor des Historischen Museums. Hüsler übergibt Eichenberger symbolisch einen roten Telefonhörer – und die Sache ist geritzt. Applaus. Nun singt der «Baizechor» einen berühmten Hit von Kiss, sie haben allerdings den Text abgeändert: «I was made for calling you babyyyyyy ...»

Das zweite, sanftere Lied, dass mit der phonetischen Nachahmung eines Besetztzeichens ­endet, das immer leiser wird, hat keine Chance gegen den Rotorenkrach, verursacht von einem Heli, der gerade über den Platz fliegt.

Nur ohne Ungeziefer

Schon drängt eine fröhliche ­Vierergruppe in eine der Kabinen der Telefonburg, Weissweinbecher in den Händen: «Und das mir ja keiner weint …», ruft eine von ihnen fröhlich. Drinnen lichten sie einander mit den Handys unter ausgelassenem Gelächter gegenseitig ab, mit jenen Geräten also, die diese Burg überflüssig gemacht haben. So richtig wehmütig ist hier niemand.

Esther Hüsler, die Dame von der Swisscom, hat einige Erinnerungen an die Kabinen: «Wenn wir früher im Ausgang waren, den letzten Zug nach Olten verpasst haben, konnten wir hier ein Beruhigungstelefon an die Eltern machen. Das war nicht immer angenehm», sagt sie und lacht. Es ist übrigens sehr speziell, dass die Basler Kabinen ins Museum gehen.

Wir haben in der Schweiz noch an die 300 Kabinen, die einer anderen Nutzung zugeführt werden sollen. Oft weil sie unter Denkmalschutz stehen. Sie werden dann zu Bücherschränken, allerlei Publikumsschaltern oder sogar Bars umfunktioniert.

«Die Kabinen gehen nun zunächst in unsere Restaurationsabteilung», sagt Manuel Eichenberger. «Schliesslich haben sie jahrzehntelang draussen gestanden, da kann allerlei Ungeziefer oder Unkraut drin sein. Das wollen wir keinesfalls ins Museum einschleppen.»

Basler Zeitung

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