Das Drama mit dem herrenlosen Koffer

Suspekte Gepäckstücke sorgen in letzter Zeit Euro-Airport für Wirbel. Im Flughafen Zürich verlaufen Einsätze viel unauffälliger.

Einsame Koffer sorgen für Nervenflattern. Foto: Flurin Bertschinger/Ex-Press

Einsame Koffer sorgen für Nervenflattern. Foto: Flurin Bertschinger/Ex-Press

Martin Furrer

Ein ungeliebter Geselle macht dieser Tage auf dem Euro-Airport von sich reden. Er ist oft von unauffälliger Gestalt. Deshalb erregt er kaum Aufmerksamkeit. Doch wenn er einsam und verlassen irgendwo im Flughafengebäude herumsteht, wird er plötzlich beachtet, um nicht zu sagen: respektiert, ja gefürchtet.

Der herrenlose Koffer hat Chancen, den Oscar als bester Hauptdarsteller dieses Sommers in der Kategorie Drama auf dem Flughafen Basel-Mulhouse-Freiburg zu erhalten. In den vergangenen Wochen hatte er gleich vier spektakuläre Auftritte.

Am 9. August zog er am Vormittag die Blicke der Polizei auf sich: Mutterseelenallein stand er bei der Gepäckausgabe im ­Ankunftsbereich. Die Behörden schöpften Verdacht, der Koffer könnte Brisantes in sich bergen. Sie schlugen um 11.50 Uhr Alarm. Erst eine knappe Stunde später konnten sie Entwarnung geben.

Am 6. August sorgte ein Koffer-­Duo ohne Begleitung im schweizerischen und im fran­zösischen Sektor für Nerven­flattern. Die französische Polizei liess die Ankunft- und Abflug­hallen evakuieren und sperren. Dutzende von Passagieren verpassten deswegen ihre Flüge. Am 26. Juli war es dann wieder ein einzelnes Exemplar, das auf der Schweizer Seite wie von der Welt vergessen dastand und deshalb eine Evakuierung auslöste. Einen Monat zuvor, am 27. Juni, hatten die Uniformierten um 21.35 Uhr ein Gepäckstück in der Halle 4 entdeckt. Kurze Zeit später war die Halle geräumt.

Brutales Prozedere

Das Schicksal eines herrenlosen Koffers unterscheidet sich, wenn er erst einmal aufgegriffen worden ist, nicht gross von dem­jenigen einer herrenlosen Katze. Während die herrenlose Katze nach dem Einfangen oft von Amtes wegen kastriert wird, wird der herrenlose Koffer einem nicht minder brutalen Prozedere unterzogen. Spezialisten röntgen ihn und machen, falls in seinem Innern eine Bombe tickt und sie das Gepäck deshalb mit Gewalt öffnen müssen, seinen Inhalt ­unschädlich.

In Basel erzeugten die verdächtigen Gepäckstücke, auch wenn sie glücklicherweise nicht explodiert sind, grossen medialen Lärm. In Zürich hingegen tritt der herrenlose Koffer auf dem Flughafen so häufig auf den Plan, dass es die Medien nicht mehr für nötig halten, seinetwegen die Scheinwerfer einzuschalten.

«Mehrmals täglich», verrät Flughafensprecher Philipp Bircher der BaZ, «rücken Polizei­patrouillen und die sogenannte Bomb Squad wegen unbeaufsichtigt stehen gelassenem Gepäck aus.» Im Jahr 2018 kam das über 3000-mal vor. In Basel kommt es, wie Euro-Airport-Sprecherin Vivienne Gaskell kürzlich der «Basellandschaftlichen Zeitung» sagte, im Schnitt bloss zu 52 Einsätzen pro Jahr.

Nur Teilbereiche gesperrt

Anders als auf dem Euro-Airport ist es jedoch in Zürich laut Bircher bisher «noch nie» vorgekommen, dass die Polizei ein ganzes Terminal, sondern höchstens Teilbereiche sperren musste. Da der Zürcher Flughafen viel grösser ist als der Euro-Airport, verläuft ein Einsatz unauffälliger, und der Flugbetrieb wird auch nicht so schnell beeinträchtigt wie in Basel.

Hier haben die Passagiere das Nachsehen – während der herrenlose Koffer immer wieder eine grosse Show abziehen kann.

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