Das «Chnächt» wird immer wieder zerstört

Vier Mal wurde in Sandra Knechts Häuschen am Hafen eingebrochen, jetzt sieht die Künstlerin keine Lösung mehr.

«Chnächt» by Night. Leider wollten auch die Vandalen allzu oft von der Behaglichkeit des Häuschens profitieren.

«Chnächt» by Night. Leider wollten auch die Vandalen allzu oft von der Behaglichkeit des Häuschens profitieren.

(Bild: Nicole Pont)

Franziska Laur

Wie ein Rancher steht Arpad Anderegg vor der heimeligen Hütte mit der Leuchtschrift Chnächt. Wir befinden uns mitten im Hafengebiet und das Werk steht auf dem von Shift Mode vermieteten Zwischennutzungsgebiet. «Jedes Mal, wenn ich mich morgens dem Häuschen nähere, wird mir warm ums Herz», erzählt der Geschäftsführer Anderegg, ein Hüne von einem Mann.

Kommenden Sonntag um 18 Uhr wird im «Chnächt» vorläufig das letzte Essen stattfinden. Dabei geht es um die Wurst. Im kulinarischen wie auch im übertragenen Sinn. Denn Sandra Knecht kann nicht mehr. Zu oft wurde eingebrochen, zu oft verwüstet, was sie mit viel Herzblut aufgebaut hat. Es folgen Stunden und Tage mit dem Gang zur Polizei, mit Verhandlungen mit der Versicherung und Handwerkern, mit Aufräumarbeiten und vielem mehr.

Keine Versicherung mehr

«Ab 20. März haben wir keine Versicherung mehr», sagt Arpad Anderegg. Vier Mal sei im Häuschen eingebrochen worden. Im Februar gleich zwei Mal. Jedes Mal hinterliessen die Vandalen ein Riesenchaos, Verwüstungen und Schäden. Jetzt will die Versicherung nicht mehr bezahlen. «Wir haben jedes Mal Anzeige gemacht», sagt Anderegg. Gebracht habe es nicht viel. Einen der Täter hat die Polizei zwar gefasst, doch gebessert hat sich nichts. Was bekannt ist: Oft ist eine Jugendgang aus Weil am Rhein namens WAR 79 im Spiel. Diese habe auch das Häuschen versprayt.

Mindestens ein Jahr Arbeit hat die Künstlerin Sandra Knecht in den Aufbau der Scheune gesteckt. Diese stand seit den 1930er-Jahren am selben Ort. Knecht konnte sie für einen Franken ersteigern, liess sie im jurassischen Boncourt abbauen und baute sie an der Uferstrasse 40 in Basel im Original wieder auf. Das war vor drei Jahren.

Heute gestaltet sie die Landschaft auf eine unaufdringliche, doch berührende Art und bietet Raum für Experimente. So kocht Sandra Knecht unter der Bezeichnung «Immer wieder sonntags» regelmässig fünf Gänge für 30 Leute und manchmal auch für Firmen. Jedes Dinner ist einem Tier, einer Pflanze oder einer Zubereitung gewidmet. Und jedes Gericht ist einzigartig. Vorher wurde es noch nie und danach wird es nicht mehr genau so zubereitet. Das Fleisch stammt aus Buus und Umgebung. Alle anderen Zutaten bis auf die Gewürze kommen von nicht weiter als zehn Kilometer rund ums Baselbiet oder von befreundeten Bauern und Fischern.

Die Existenz verloren

Sandra Knecht ist aufgewühlt. «Ich habe meine Existenz verloren», sagt sie. «Alles, inklusive meiner Kunst.» Der Verband der Schweizer Künstler sprach ihr Mut zu, doch die grösste Härteprobe steht ihr noch bevor. Sie muss sich an einem anderen Ort wieder etwas aufbauen, weiss noch nicht wo und wie und auch nicht, was jetzt mit der Scheune des «Chnächt» geschieht. Von den Verantwortlichen am Hafen hätte sie in dem ganzen Schlamassel mehr Unterstützung erwartet. «Es ist wichtig, marodierenden Jugendlichen klare Grenzen zu setzen», sagt sie. Schliesslich sei es kein Problem, das nur sie betreffe, sondern strukturbedingt.

Auch andere sehen schwarz: «Es ist nur ein kleiner Teil der Zerstörung. Ich bin grad echt frustriert über die Entwicklung am Hafen», schreibt beispielsweise Caroline Rouine, Betreiberin der Marina Bar, auf Facebook.

Keine Garantie auf Sicherheit

Leider könne man nicht viel machen, sagt Katja Reichenstein, Sprecherin von Shift Mode. In der Arealversicherung sei Eigenverantwortung festgehalten. «Natürlich schauen wir hin und intervenieren, wenn wir dort sind und etwas beobachten», sagt sie. Einige hätten auch Bewegungsmelder installiert. Doch es sei unmöglich, voll auf Sicherheit zu setzen.

Das liege ein Stück weit auch im Sinne einer solchen Zwischennutzung. Die Mieten sind sehr moderat, sie bewegen sich von 50 Franken bis unter 300 monatlich, je nach Grösse und Art der Nutzung, doch eben Garantie auf Sicherheit sei nicht gegeben. «Ein Stück weit muss man sich vom Materiellen verabschieden und mit Unsicherheit leben.» Das Areal sei ein Freiraum, da könne man nicht mit Securitas auffahren. Erstens sei es zu teuer und zweitens entspreche es nicht der Philosophie eines solchen Zwischennutzungsprojekts. Es werde immer wieder eingebrochen oder randaliert auf dem Areal.

Die Kunden werden sie vermissen

So stoisch können Sandra Knecht und Arpad Anderegg die Angelegenheit nicht ertragen. Es geht um ihre Existenz. Und mit ihnen werden die vielen Besucher des «Chnächt» traurig über die Entwicklung sein. Die Kritiken zu den Events der Künstlerin waren stets hervorragend: «Was Sandra hier macht, ist einfach nur herausragend und viel zu selten geworden! Lokale Zutaten mit viel Kreativität verkocht. Einfach köstlich! Ich hoffe sehr, bald persönlich dabei sein zu können», schreibt einer auf Facebook. Und ein weiterer: «Fröhlicher ‹heisser› Abend, hervorragende und spontane Köchin, kulinarischer Höhenflug und Sonnenuntergang samt Pyramiden! Herzlichen Dank.»

Und eine Berlinerin möchte die Kochkünstlerin und Künstlerin am Bau am liebsten abwerben: «Einfach lecker und was für eine Location! Weitermachen (oder nach Berlin an die Spree kommen).

Basler Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt