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«Damit wird de facto ein Numerus clausus geschaffen»

Katja Christ kritisiert die Massnahmen von Erziehungsdirektor Conradin Cramer zur Senkung der Gymnasialquote.

Christian Keller
«Die Chefs im Erziehungsdepartement entschieden am Schreibtisch – die meisten von ihnen sind übrigens bezeichnenderweise Akademiker», sagt Katja Christ.
«Die Chefs im Erziehungsdepartement entschieden am Schreibtisch – die meisten von ihnen sind übrigens bezeichnenderweise Akademiker», sagt Katja Christ.
Dominik Plüss

Noch nie war die Gymnasialquote mit 45 Prozent in Basel-Stadt so hoch wie in diesem Jahr. Um die Übertritte auf rund 30 Prozent zu reduzieren, hat Erziehungsdirektor Conradin Cramer (LDP) letzte Woche mehrere Massnahmen präsentiert. An der Primarschule soll die Schraube angezogen werden, damit der Wechsel ins höchste Sekundarschulniveau P schwieriger wird. Wenig anfangen mit Cramers Absichten kann GLP-Grossrätin und Bildungspolitikerin Katja Christ.

BaZ: Conradin Cramer will die rekordhohe Übertrittsquote ins Gymnasium senken. Was soll daran falsch sein?

Katja Christ: Darum geht es nicht. Ich unterstütze Bemühungen ausdrücklich, die zu einem höheren Bildungsniveau führen. Aber die hierfür geplanten Massnahmen sind nicht zielführend. Vielmehr werden sie sich kontraproduktiv auswirken.

Wie kommen Sie darauf?

Eine der Anpassungen sieht bekanntlich vor, dass beim Übertritt von der Primar- in die Sekundarstufe in der 6. Primarklasse sowohl das Zeugnis im Januar wie im Juni als Bewertungsgrundlage gilt. Wer beispielsweise eine Einteilung ins höchste Niveau P anstrebt, muss neu in beiden Zeugnissen einen Notendurchschnitt von 5,25 erreichen. Bislang genügte es, diese Vorgabe während des 6. Schuljahres einmalig zu erfüllen. Man kam in einem solchen Fall zwar nur provisorisch in eine P-Klasse. Wer sich jedoch ins Zeug legte und bei den Prüfungen nicht ungenügend abschnitt, konnte bleiben. Diese Option wird es im revidierten Beförderungsmodell nicht mehr geben.

Welche Auswirkungen befürchten Sie?

Man muss sich vorstellen, was in der Praxis nun geschieht: Verpasst ein Schüler der 6. Primarklasse aufgrund seiner Leistungen im Januar knapp das Niveau P, kann er sich bis zu den Sommerferien noch so sehr anstrengen: Es bringt ihm nichts. Weil er im Januar die Anforderungen nicht erfüllte, hat er keine Chance mehr, sich doch noch für das Niveau P zu qualifizieren. Motivierend ist ein solches System sicherlich nicht. Gleich geht es übrigens auch den Schülern, die nach der Primar ins mittlere Niveau E übertreten möchten. Stimmen im Januar ihre Schulnoten nicht, bleibt ihnen nur der Gang ins tiefste Niveau A: Alle Bemühungen, sich bis im Juni zu bessern, sind für die Katz.

Was sind die Folgen?

Die 6. Primarklassen werden in zwei Lager gespalten: Diejenigen, welche im ersten Semester den benötigten Notendurchschnitt für die Niveaus P oder E verfehlen, werden im Anschluss abschalten. Für sie ist die Sache ja sowieso gelaufen. Umgekehrt ist die Situation für jene Schüler, die im Januar-Zeugnis dem Leistungsniveau P oder E gerecht werden: Sie müssen schuften wie die Wilden, um ihre Leistungen im zweiten Semester zu bestätigen. Ich frage mich: Wie soll unter diesen Bedingungen der Unterricht noch funktionieren? Es gäbe eine viel bessere Variante.

Welche?

Es wäre sinnvoller, pro Schuljahr nur noch ein verbindliches Zeugnis mit Notenabschluss im Juni auszustellen. Im Winter gäbe es ein Zwischenzeugnis, um Schüler und Eltern darauf vorzubereiten, in welches Leistungsniveau die Einteilung voraussichtlich erfolgt. Dies würde dem Erziehungsdepartement zudem eine gewisse Planungssicherheit ermöglichen.

Lehrer müssen sich gegenüber der Schulleitung erklären, wenn der Notendurchschnitt ihrer Klasse über 5 liegt. Damit soll eine strengere Bewertung der schulischen Leistungen durchgesetzt werden. Was halten Sie davon?

Ein weiterer Beschluss des Erziehungsdepartements, den ich nicht nachvollziehen kann. Er führt dazu, dass Lehrpersonen zu Notendurchschnittstechnokraten degradiert werden. Auf den Umstand, dass eine Schulklasse einmal stärker und einmal schwächer ist, kann auf diese Weise natürlich nicht mehr eingegangen werden. Das Erziehungsdepartement verfolgt mit dieser Vorgabe stur das Ziel, dass die Schüler pro Jahrgang je zu einem Drittel in die Niveaus A, E und P übertreten. Volkswirtschaftlich mag das durchaus Sinn machen. Sich jedoch jedes Jahr strikt an die Drittelsaufteilung zu halten, ist eine unflexible Haltung. Damit wird de facto ein Numerus clausus eingeführt, was politisch nicht abgesegnet ist. Ich sehe hier auch die Chancengleichheit gefährdet.

Inwiefern?

Weil die Lehrer seitens des Erziehungsdepartements jetzt unter Druck stehen, den Notenschnitt 5 nicht zu übersteigen, werden sie das Niveau der Notengebung entsprechend der Klassenstärke anpassen. Damit werden die Aussichten, ins Niveau P zu gelangen, zu einer reinen Glückssache: In einer Klasse mit mehrheitlich guten Schülern sind die Chancen schlechter als in einer Klasse mit mehrheitlich schwächeren Schülern. Das geht doch nicht.

Wie beurteilen Sie das Vorgehen der Verantwortlichen im Erziehungsdepartement?

Conradin Cramer steht wegen der hohen Gymnasialquote unter Druck. Er muss Lösungen präsentieren. Leider wurde einmal mehr nicht der Dialog mit den verschiedenen Schulgremien wie Elternräten und Lehrerverband gesucht, sondern ein «Befehl» an die Schulen erlassen. Die Chefs im Erziehungsdepartement entschieden am Schreibtisch – die meisten von ihnen sind übrigens bezeichnenderweise Akademiker. Ich hoffe, dass der Basler Erziehungsrat an seiner Sitzung vom kommenden Montag gegen die Pläne Widerstand leistet.

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