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«Da hats mir den Ärmel reingenommen»

Werner Röthlisberger beschäftigt sich leidenschaftlich mit gestalterischen Erzeugnissen des Steindrucks. Im Verlaufe seines Lebens hat er dabei eine erstaunliche Sammlung zusammengestellt.

In Röthlisbergers Galerie ist eine weltweit bekannte Sammlung an Plakaten zu finden. Foto: Nicole Pont
In Röthlisbergers Galerie ist eine weltweit bekannte Sammlung an Plakaten zu finden. Foto: Nicole Pont

Plakate gehören auch in Zeiten von Social Media zur visuellen Kommunikation im öffentlichen Raum. Zugegeben, weniger als auch schon. Litfasssäulen sind grösstenteils verschwunden. Werbung wird heute vor allem digital verbreitet, beispielsweise über Influencerinnen, die in selbstverliebten Filmchen gegen Bezahlung für Produkte werben, die sie im Rahmen ihres aufregenden Lebensalltags präsentieren. Hochkonjunktur haben ­Plakate heute bei uns vor allem noch bei Wahlen und Abstimmungen. Da allerdings tun sie vor allem eines: nerven.

Plakate können einen besonderen Reiz ausstrahlen. Vor allem Lithografien, die mit viel Handarbeit hergestellt wurden. Dies meist in gegenseitig befruchtender Zusammenarbeit von Künstlern und Lithografen.

Werner Röthlisberger sieht in den Plakaten, Farblithos, Originalgrafiken und Künstlerplakaten aus dieser Zeit wahre Schätze. Er sammelt und zeigt sie in immer neuer Betrachtungsweise an seinem Lebensmittelpunkt, in der Galerie am Spalenberg. So auch in seiner neuesten Ausstellung mit dem Titel «Das Original und sein Druck», wo Plakate und ihre Vorlagen von Künstlern aus dem 20. Jahrhundert zu frischem Glanz erstrahlen: Arbeiten etwa von Herbert Leupin, Charles Hindenlang, Niklaus Stöcklin oder Peter Birkhäuser. Keine Verkaufsausstellung, sondern, eine von Röthlisberger kuratierte Museumsausstellung, bestückt aus dem eigenen Fundus sowie mit Leihwerken – und dies mit dem alleinigen Ziel, die prächtigen Vorlagen und die daraus entstandenen Plakate auch einem jüngeren Publikum näherzubringen.

Originalplakate von Picasso

Seine Begeisterung für die Kunst beginnt bereits in jungen Jahren, als er eine Lithografie von Niklaus Stoecklin geschenkt erhielt. Es ist der Start einer Sammlung aus dem bildnerischen Werk des Basler Malers. Über die Galeristin Erna Breitmaier stösst er später auf Arbeiten von Chillida, ­Tàpies und Le Corbusier. «Wir kauften damals Kunst auf Pump und zahlten in monatlichen Raten ab.» Er lernt Künstler in Spanien kennen – Jaume Ribas und Pep Trujillo – und organisiert Ausstellungen in der Galerie Breitmaier, die er später übernimmt.

Die grosse Leidenschaft für Plakate entfacht allerdings der Besuch eines Freundes und Galeristen. «Er zeigte mir wunderbare Plakate von Chagall und ­Picasso. Da hat es mir von einer Sekunde auf die andere den Ärmel reingezogen.» Das war 1999.

Heute ist der jung gebliebene 77-jährige unter anderem im Besitz sämtlicher Originalplakate von Picasso – eine von zwei weltweit bekannten Sammlungen. Die eine befindet sich in seiner Galerie, die andere im Picasso-Museum in Heidenheim. «Künstler wie Picasso, Braque, Miro und Chagall haben das Plakat aus dem Bereich der Werbung auf künstlerisches Niveau gehoben», so Röthlisberger.

Das Faszinierende an den Plakaten «ist die klare, einfache, einsichtbare Darstellung». Bei vielen Bildern müsse man sich ihre Aussage überlegen. Bei Plakaten hingegen «ist die Aussage herausgearbeitet. Es möchte auf etwas hinweisen – auf ein Produkt, Ausstellungen, auf einen gesellschaftlichen Anlass.»

Nebst dem Resultat gefällt ­Röthlisberger vor allem die Technik. Rund 150 Jahre lang bietet die Lithografie die Möglichkeit, Bildgestaltungen zu vervielfältigen. Hiervon waren viele Künstler begeistert, die so, wie etwa Honoré Daumier im ersten Teil des 19. Jahrhunderts, ihre künstlerischen Arbeiten verbreiten.

Künstler sind es auch, die sich im vergangenen Jahrhundert gerne der Technik bedienen, da sie von den Gestaltungsmöglichkeiten fasziniert sind. Sie gestalteten Kunstlithos. Die ersten Abzüge sehen dabei meist anders aus, als die 100er- oder 400er-Serie, die letztlich publiziert wird. Röthlisberger: «Eine Lithografie musste stimmig sein, da sie nicht nur einmal, sondern in einer bestimmten Auflage hergestellt wird.»

Wandelhafte Wertschätzung

Der lithografische Druck sei interessanter als Originale, ist Röth­lisberger überzeugt. «Er ist nicht nur mit einem grossem Aufwand verbunden. Durch Reduktion schafft er eine klare Aussage: «Der Künstler musste auf der Strasse bestehen.»

Dennoch hatte das Plakat kaum einen Stellenwert im Kunstbetrieb. «Plakate wurden weggerissen – bis man sich bewusst wurde, dass ein Teil dieser Plakate Originalgrafiken sind – mit einer Werknummer im Verzeichnis des Künstlers.» Heute seien diese am Markt kaum mehr zu finden.

Künstler werden in dieser Zeit gerne von Lithografischen Anstalten beauftragt, Entwürfe und Vorlagen als Grundlagen für ein Plakat zu liefern. Eine gute Möglichkeit, um nebst der Malerei und verwandten künstlerischen Arbeiten, die oftmals nicht allzu viel Geld einbringen, mit einem verwandten Metier die Existenzgrundlage aufzubessern. Basel und Zürich sind für die Sachplakate Hotspots in Europa.

Bei einer Originallithografie spielt die künstlerische Intention eine wichtige Rolle. Hierbei bearbeitet der Künstler den Stein oder die Platte selbst. Er wählt die Farben aus und ist beim Druck nahe dabei. Viele Künstler zeichneten oftmals ohne Vorlage direkt auf die Platte. Noch während des Druckvorgangs werden dabei Formen und Farben verändert und optimiert.

Für heutige Plakate interessiert sich Röthlisberger nicht. Es wäre zu viel. Ausserdem: «Ich finde es nicht interessant: ein Foto, ein PC, ein paar Striche, ein PDF.» Das ist für den leidenschaftlichen Sammler nicht mehr die Kunst, wie sie Künstler und Lithografen hervorgebracht haben.

«Das Original und sein Druck»: Galerie am Spalenberg, Petersgraben 73. Ab 13. Februar (Vernissage, 18 Uhr) bis 7. März. Mi–Fr, 17–18.30, Sa 11–16 Uhr.

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