Contis bitterste Stunde seines Lebens

Carlo Conti gab am Dienstag seinen Rücktritt bekannt, weil er Honorargelder nicht korrekt abgerechnet hatte. Doch in der bittersten Stunde seines Lebens zeigt er Grösse.

In die Leichtigkeit in seinem Gesicht haben sich Selbstvorfürfe eingegraben.

In die Leichtigkeit in seinem Gesicht haben sich Selbstvorfürfe eingegraben.

(Bild: Roland Schmid)

Das war im letzten Sommer im Restaurant Aeschenplatz, fast zwei Stunden Gespräch mit Carlo Conti über Gott und die Welt. Fast mehr Gott als Welt. Gegenüber sass ein Mann, der untadelig wirkte, der alles zu können schien ausser Piccolo spielen. Er bezahlte, beiläufig, selbstverständlich auch, bar, glaube ich. Jetzt, ein halbes Jahr später, wird die nette Geste beinahe zu etwas Verwerflichem. So wie aus Carlo Conti Carlo Konti wird.

Ein Mann sass da mit Schnauz und Seitenscheitel, Anzug, Krawatte, im Irgendwo zwischen Coiffeur und Staatsmann, ein Mann mit Dynamik und Tiefgang, einer, dessen Leben fast zu untadelig schien für diese Welt, keine Liebschaften, keine Skandale, kein Lärm, sondern unaufdringliche, christliche Rechtschaffenheit. Als ob eine Kraft dieses scheinbar mühelose Leben abschirmen würde von der Möglichkeit universeller Dramen und weltlicher Verlockungen: «Gott», sagte Carlo Conti.

«Gott?», fragte ich.

«Ja, Gott. Und natürlich der Glaube daran. Wir sind ja nicht im Nichts. Da ist eine Macht, die für Geschicke verantwortlich ist. Wir können das Erlebbare ja nicht planen. Es ergibt sich.»

Ein halbes Jahr später ergibt sich gerade der Sturz des Mannes. Es ist 16.10 Uhr, er sitzt er in der Andreas- Ryff-Stube in der Safranzunft. Er hat soeben seinen Fehltritt zugegeben, dann seinen Rücktritt, und jetzt gibt es nichts mehr zu sagen. Conti sprach gefasst, kein Zittern in der Stimme, keine Atemnot, er war wie die Geschichte, die man über ihn erzählt: Hätte Conti auf der «Titanic» gestanden, kurz vor dem Untergang, das Schiff mit dem Hintern schon bedrohlich in der Luft, und hätte ein Mann neben ihm gesagt, Mensch, Conti, wir saufen ab, dann hätte Conti geantwortet: «Das kann man so nicht sagen. Was wir sagen können, ist, dass das Schiff einen Neigungswinkel von 45 Grad aufweist.»

Der Verlust der Leichtigkeit

In der Luft in der kleinen Stube liegt ein Gemisch zwischen Sensation, ein wenig Trauer und vielleicht auch einem Hauch Schadenfreude, wie immer, wenn ein Paulus zum Saulus wird. Contis Lippen sind schmal, die Leichtigkeit, die stets nonchalant von ihm ausging, verflogen. Er spricht von Selbstvorwürfen und scheint zu bereuen. Ein Mann sitzt da, der versucht, seine eigenen Tugenden nicht ganz zu verlieren, Würde, Ehrlichkeit, Glaubwürdigkeit.

Ein Mann sitzt da, der gerade eine Bruchlandung auf den Feldern der weniger schönen Seiten des Menschlichen vollzieht, der aber trotz seiner Fehlbarkeit Respekt verdient. Weil er Grösse in der Schuld besitzt und nicht bereit ist, sich das Unverzeihliche selbst zu verzeihen und einfach «Entschuldigung» zu sagen und weiterzumachen, bis die Zeit die Wunde heilt. Dessen Gerechtigkeitssinn ein Massstab ist, den er auch bei sich selber anlegt. Weil er zurücktritt und nicht aussitzt.

Der Verlust der Oberaufsicht

Natürlich, Conti wird 60 Jahre alt am 1. Februar, die Vorboten des Herbstes seiner Existenz haben den Entschluss sicher erleichtert. Aber natürlich ist Conti, ein Arbeitersohn, einer, der sich stets alles selbst erarbeitet hat, trotzdem ein Idiot. Weil er während seiner Amtszeit pro Tag rund 25 Franken ins eigene Portemonnaie gesteckt hat. Das ist täglich ein Menü 1 mit Mineralwasser. 25 Franken. Einer, der fast 300'000 Franken im Jahr verdient. Wieso hat er das getan? Sorglosigkeit, Nachlässigkeit, Dummheit? Oder doch Gier oder Kompensationsgeschäfte für eine Kindheit in relativer Armut? Oder weil alle es getan haben oder noch tun?

59 Jahre und elf Monate lang war Contis öffentliches Leben so sattelfest wie sein Seitenscheitel, von dem gesagt wird, er sei mit ihm schon auf die Welt gekommen. Fast ein Musterleben war es. Sein Vater Portier bei Hoffmann-La Roche, seine Mutter führte eine Cantina für italienische Gastarbeiter, Männer ohne Frauen.

Mit 24 Jahren Geschäftsführer der CVP Basel

Als kleiner Junge fragte er seine Mutter, weshalb diese Männer keine Frauen hätten, die Mutter sagte, sie hätten sie nicht mitnehmen dürfen. Das weckte den Gerechtigkeitssinn des kleinen Carlo, der ihn später dazu brachte, sich aktiv für die «Mitenand- Initiative» zu engagieren, seiner Geburt als politischer Mensch.

Zuvor war er Handballspieler, Pfadfinder, Rover, Oberleutnant. Mit 24 Jahren Geschäftsführer der CVP Basel, Jurist, bei der Hoffmann-La Roche in gehobener Position in der Rechtsabteilung und der Öffentlichkeitsarbeit, daneben Grossrat, CVP-Präsident, seit 2000 ­Regierungsrat, Gesundheitsdirektor. Er selbst war als junger Mann sportsüchtig; heute joggt er, gerne morgens, 45 Minuten lang. Danach geht er energiegeladen ins Büro und wirbelt seine Mitarbeiter so durcheinander, dass die hoffen, er geht so schnell nicht wieder joggen.

Über Jahre hinweg eine weisse Weste

Tennisspieler ist er auch, FCB-Fan, Fasnächtler und Cabrioletfahrer. Er mag lieber die Beatles als die Stones, ist seit über 40 Jahren mit derselben Frau verheiratet, Christa, hat drei Kinder. Dr. jur. ist er auch. In seiner Dissertation schrieb er 356 Seiten zum Thema «Das Oberaufsichtsrecht des basel-städtischen Grossen Rats über Verwaltung und Justiz». Da wundert es schon, dass ausgerechnet er die Oberaufsicht über seine Geschäftskonten verloren hat.

Vier Fünftel seines Lebens ist Carlo Conti ohne Dummheiten ausgekommen. Jetzt sitzt er da, und dort, wo einst die Leichtigkeit in seinem Gesicht sass, haben sich Selbstvorwürfe eingegraben. Wer Conti kennt, weiss, dass die zur Schau gestellte Gefasstheit nur eine Hülle ist. Er hat die Notbremse gezogen, die moralische auch, und für seine Konsequenz im Umgang mit seiner persönlichen Niederlage gebührt ihm, nochmals, Respekt.

Vorbildliche Rücktrittskultur

Er hat die nicht korrekt bezogenen 111'000 Franken zurückbezahlt, und er hätte auch nichts sagen können und das Ding einfach aussitzen, und er wäre damit wahrscheinlich sogar durchgekommen. Für den Preis, dass er sich nicht mehr im Spiegel anschauen könnte, weil er aus dem Weltbild gefallen wäre, das ihm die Leitplanken für die lange anhaltende Sicherheit in seinem Leben und Handeln gab.

Im Restaurant Aeschenplatz damals vor einem halben Jahr, als sich Conti offenbar noch sicher fühlte und ein bisschen unbesiegbar auch, antwortete er auf die Frage, was seine beste Entscheidung war: «Meine Frau.» Jetzt ist eine weitere hinzugekommen. Wer Conti ein wenig kennt, weiss, dass es beides war, seine Schwerste und Leichteste zugleich. Wie soll man sagen? Seine Spesenkultur war ein Fiasko, seine Rücktrittskultur vorbildlich.

Ein Satz, der passen würde zum Schluss: «Wer frei von Schuld ist, werfe den ersten Stein.»

Basler Zeitung

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