«Ceci n’est pas un jardin»

Dominik und Hildegard Wiesers Blumen-, Busch- und Waldreich in der Nähe der Pauluskirche.

Um die Frauenskulptur – möglicherweise die Allegorie des Glücks – wachsen Chinaschilf, Ahorn, Taglilien und Ginster.

Um die Frauenskulptur – möglicherweise die Allegorie des Glücks – wachsen Chinaschilf, Ahorn, Taglilien und Ginster.

(Bild: Nicole Pont)

Dominik Heitz

Es ist heiss, an diesem Tag. Sehr heiss. Kühlung verschaffen einzig noch Schatten und eine leichte Brise. Beides findet sich im versteckten Garten von Hildegard und Dominik Wieser. Ihre Villa liegt keine hundert Meter von der Pauluskirche entfernt. Das repräsentative Gebäude ist Teil eines dreiteiligen Häuser­ensembles, das vom Architekten Heinrich Tamm stammt. Dieser hatte es 1892 für den Kaufmann César Victor Strohl-Schouller errichten lassen, der es um einen Saalanbau erweitern liess.

Wie der Garten dieser Villa ­damals ausgesehen hat, ist nicht mehr zu rekonstruieren. Als Dominik und Hildegard Wieser vor bald 50 Jahren einzogen, war da von einem angelegten Garten kaum noch etwas zu sehen. Da war bloss eine winzige Grotte, die Wieser als kleines Vogelbad bezeichnet. Und über dieser künstlich gebauten Tuffstein­formation stand eine in Bronze gegossene, nackte Frauenskulptur auf einer Kugel – möglicherweise die Allegorie des Glücks. Sonst aber breitete sich da einzig eine grüne Rasenfläche aus.

Mit Grün belebt

Von Anfang an respektierte Wieser die alten, mit Natursteinen eingefassten Weglein, begann aber nach und nach den leeren Garten mit Grün zu beleben. Der linken Längsseite entlang pflanzte er zusätzlich einzelne Büsche und in deren Schatten japanischen Metallfarn. Vor der Grotte legte er einen kleinen Weiher mit Seerosen an. Darum herum setzte er Ginster, einen kleinen Tannenbaum und einen niedrigen roten Ahorn sowie freigelassene Bonsaibäume. Hinzu kamen ­Chinaschilf und orange Taglilien.

Im Rücken der Frauenskulptur installierte der ehemalige ­Augenarzt einen kleinen Sitzplatz – mit Ginkgo und Tanne, einem japanischen Fingerahorn, Salomonssiegel, Christrosen und Taglilien in Gelb und Orange. Rechts daneben breitet sich ein kleines Blumenbeet mit Flockenblumen, Rosen und Pfingstrosen aus. ­Dazwischen aber hat Wieser eine kleine leere Rasenfläche als stillen Punkt stehen gelassen.

Grün in all seinen Abstufungen

Blumen spielen in diesem Pflanzenreich eine untergeordnete Rolle. Wieser weiss das: «Es ist kein Blumengarten, aber es blüht immer etwas.» In erster Linie ist dieser Stadtgarten grün. Doch Grün muss nicht langweilig sein. Im Gegenteil: Vom dunklen Moos, über grüngelben Farn bis zum hellen Graublau des ­alles überragenden Thuja-Baumes finden sich die unterschiedlichsten Nuancierungen. Und genau diese Grünschattierungen sind es, die den Hobbygärtner faszi­nieren: «Ich liebe das Grün in all seinen Abstufungen.»

Das Ende des Gartens be­grenzen Eiben. Einst klein und buschförmig, sind sie zu hohen Bäumen gewachsen, und ihre fallende Nadeln lassen den hinteren Gartenpfad wie einen Waldweg aussehen. Für Wieser und seine Frau mutet denn dieser Teil auch an wie ein schattiges Wäldchen.

In dieser eher dunklen Ecke begeistert Wieser aber noch etwas anderes: Steine. «Sehen Sie, dort haben die Steine die Formen, wie sie in chinesischen Gärten zu finden sind. Und die schlanken hier gleichen Steinen mit japanischen Formen.» Die Steingruppe existiert seit Bestehen das Gartens. Und Wieser vermutet: «Wahrscheinlich war es früher einmal ein Alpengärtlein.»

Hildegard und Dominik Wieser in ihrem Steingarten.

Topfpflanzengarten

Der Steingarten liegt hinter dem Gartensaal, dessen eine Längsseite auch die des Gartens begrenzt. Die Fassade, durchbrochen mit hohen Fenstern, ist den ganzen Tag der Sonne ausgesetzt. Deshalb wachsen hier Akanthus und Feigenbaum besonders gut und ranken sich zwei kräftige Reben hoch – bis zur Dachterrasse, deren Topfpflanzengarten Hildegard Wieser überlassen bleibt, während ihr Mann für den eigentlichen Garten verantwortlich ist.

«Ich habe in meinem Garten eigentlich banale Pflanzen und Blumen», sagt Dominik Wieser. «Ich bin kein Botaniker, sondern ein Ästhet. Ich möchte eine Atmosphäre schaffen.» Gleichzeitig weiss er – und das ist Teil der Gartengestaltung –, dass ­genau diese Atmosphäre immer wieder ändern kann. Denn Pflanzen ­beeinflussen sich, passen sich an oder verdrängen auch mal andere.

Und es ist gerade diese Lebendigkeit, die in Wieser die Frage aufkommen lässt, wann ein Garten ein Garten ist. Für sich hat er die Frage insofern beantwortet, als er auf eine schmale Holzlatte geschrieben hat: «Ceci n’est pas un jardin.»

Basler Zeitung

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