BVB-Skandal belastet den Fahrdienst

Die Turbulenzen in der Chefetage der Basler Verkehrsbetriebe erzürnen das Personal – auch Hans-Peter Wessels steht in der Kritik. Von den Fahrgästen bekommen die Chauffeure aber oft Zuspruch.

Endstation Hoffnung: Das Personal erwartet, dass den Worten der Leitung auch Taten folgen.

Endstation Hoffnung: Das Personal erwartet, dass den Worten der Leitung auch Taten folgen.

(Bild: Moira Mangione)

Franziska Laur

Unterwegs im 10er-Tram zum Theater. Langsam rollt es den Steinenberg hinunter und biegt – zur grossen Verblüffung der Fahrgäste – nicht links ab Richtung Heuwaage, sondern fährt auf den Barfüsserplatz. «Ich glaube, Sie sind falsch gefahren», informiert ein Fahrgast den Chauffeur. Dieser sitzt ­betreten in seiner Führerkabine, kann jedoch nicht rückwärts fahren, da hinter ihm ein weiteres Tram steht.

Doch nicht nur bei der BLT kommen solche Ereignisse vor, auch die Basler Verkehrsbetriebe (BVB) sind nicht vor Pannen gefeit: Ein Sonntag bei der Heiliggeistkirche. Zwei 15er-Trams stehen bereit. Wer einsteigt, hört in seiner Kabine den Chauffeur entnervt mit sich selbst hadern: «Zum ersten Mal seit 
25 Jahren Dienst bin ich falsch gefahren», sagt er durchs Mikrofon aufgelöst zu einem Kollegen. Dieser versucht ihn zu beruhigen, doch der Tag des altgedienten Tramchauffeurs ist verdorben.

Konzentration auf die Arbeit

Das BVB-Personal hat derzeit einen schweren Stand. Es muss hochkonzentriert sein, sonst gerät plötzlich ein Fussgänger mit dem Stöpsel im Ohr unter das Tram. Doch die Turbulenzen der vergangenen Wochen in der Chefetage sind nicht spurlos an den Chauffeuren vorbeigegangen. Zur Erinnerung: Zunächst kamen ungebührliche Privile gien zutage, die sich Mitglieder des Verwaltungsrates und der Geschäftsleitung leisteten. Dann stolperte der BVB-Direktor Jürg Baumgartner über Sex-SMS, die er ungefragt an Mitarbeiterinnen versandte.

Zeit für einen Augenschein also, um herauszufinden, was die Basis zu diesem Debakel meint. Bei der Endstation Kleinhüningen ist die Ausbeute nicht gross. «Mich selber belastet es nicht so», sagt ein Chauffeur, ein deutscher Grenzgänger. Für seine Kollegen jedoch seien diese Mauscheleien in der Chefetage ein grosses Thema. Die nächsten zwei geben sich zugeknöpft. Also weiter Richtung Innenstadt. Vorbei an trostlosen Gebäuden Kleinhüningens und des Klybecks. Das 8er-Tram nimmt immer mehr Menschen auf: hustende, verhärmte, traurige, solche mit abgewetzten Mänteln und mit kleinen Kindern.

«Jetzt muss sich etwas ändern»

Am Marktplatz trifft man wieder Chauffeure: «Jetzt muss sich dringend etwas ändern. Das ist ja nicht mehr zum Aushalten», sagt einer. Die unschönen Zustände in der BVB-Etage würden ja schon lange herrschen und die Basis sei immer mehr im Stich gelassen worden. «Nun brauchen wir zunächst einmal anständige Dienstpläne», sagt er. Doch er habe gehört, es solle jetzt besser werden. «Die neue Geschäftsleitung hat sich schon mit uns getroffen und versprochen, dass man sich mit uns abspricht.» Dies sei wichtig: «Wir sind ja diejenigen, die das Geld einbringen.»

Weiter gehts mit dem 15er-Tram aufs Bruderholz. Hierher fahren gepflegte Damen mit dauerwellengestärktem Haar, junge Intellektuelle, Schulmädchen und Expats. Eine knifflige Strecke, in den vergangenen Monaten ist in der Wolfsschlucht-Kurve zwei Mal ein Tram entgleist – allerdings auf einer Trainingsfahrt, Passagiere sassen keine im Wagen. Oben an der Endstation treffen sich die Chauffeure der 16er- wie der 15er-Linie und halten ein kleines Schwätzchen, bevor es wieder losgeht: «Ich sage nur, der dort oben muss als Nächster gehen», sagt der Chauffeur des 15er-Trams. «Der hat uns alles eingebrockt.» Er spricht vom Baudirektor Hanspeter Wessels.

Zuspruch von den Fahrgästen

«Selbstverständlich spürte man das Debakel im Alltag. Die einst stolzen BVB leiden», sagt sein Kollege. Doch die Basler seien ja nicht blöd. «Die können schon zwischen der Geschäftsleitung und uns unterscheiden.» So würde man als Chauffeur von den Fahrgästen häufig Zuspruch erhalten. Dann eilen die zwei von dannen: Der Fahrplan ruft. Schon kommen die nächsten, sieben Minuten Zwischenhalt haben sie. Der Ex-Direktor der BVB, Jürg Baumgartner, habe an den grossen Treffen immer grossartig von der «Champions League» gesprochen, in der sich die BVB bewege. «Das kam mir schon recht abgehoben vor. Zuerst muss es doch mal für die Basler und die Schweiz stimmen, bevor man in der europäischen Liga mitspielen will.» Ansonsten könne er sich nicht beklagen, sagt der junge BVB- Chauffeur: «Wir haben unseren Lohn stets Ende Monat.» Er wisse, was es heisse, arbeitslos zu sein.

Natürlich habe das Debakel in der Geschäftsleitung auch Auswirkungen auf den Alltagsbetrieb gehabt, sagt ­Josua M. Studer, Vorstandsmitglied der BVB-Gewerkschaft Feme. So seien viele unnötige Entscheide gefällt und das Personal nie mit einbezogen worden. Der Eklat in der Geschäftsetage sei für die Basis schlussendlich richtiggehend eine Erlösung gewesen: «Wir haben ja schon lange gespürt, dass etwas nicht stimmt.» Nun hoffe man, dass den schönen Worten der neuen Geschäftsleitung auch Taten folgen.

Basler Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt