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Böller, Tanz und Gryffemähli

Mit dem Vogel Gryff hat heute das Kleinbasel seinen grossen Feiertag.

Tanz im Café Spitz. Die drei Ehrenzeichen Wild Maa, Leu und Vogel Gryff am Gryffemähli. Ausschnitt aus dem Ölgemälde von Rudolf Weiss, um 1885, im Besitz der Drei Ehrengesellschaften.
Tanz im Café Spitz. Die drei Ehrenzeichen Wild Maa, Leu und Vogel Gryff am Gryffemähli. Ausschnitt aus dem Ölgemälde von Rudolf Weiss, um 1885, im Besitz der Drei Ehrengesellschaften.

Böllerschüsse, der rheinabwärts auf einem Floss fahrende Wild Maa, die vier Ueli, gemeinsame Tänze von Leu, Vogel Gryff und Wild Maa, dazu drei ruessende Tambouren und die wehenden Banner der Drei Ehrengesellschaften – alles bildstarke Eindrücke, die sich in unseren Köpfen zum Kleinbasler Brauch des Vogel Gryff zusammenfügen; für uns eine althergebrachte Tradition.

Doch ganz so alt ist dieser volkstümliche Kleinbasler Feiertag in dieser Form nicht. So wie wir den Vogel Gryff heute kennen, existiert er erst seit den 1830er-Jahren. 1833 erwarben die Gesellschaft zum Rebhaus, die Gesellschaft zur Hären und die Gesellschaft zum Greifen vom Staat das nicht mehr in Gebrauch stehende Richthaus bei der Mittleren Brücke und bauten es zu ihrem gemeinsamen Gesellschaftslokal um. Heute heisst es Café Spitz. Dieses Zusammengehen hatte zur Folge, dass nicht mehr jede Gesellschaft einzeln einmal im Jahr durchs Kleinbasel zog, sondern dass ein gemeinsamer Umzug und ein gemeinsames Gryffemähli stattfanden.

Separate Waffenmusterungen

Seinen Ursprung hat der Umzug in den im Mittelalter jährlich stattgefundenen Waffenmusterungen der für die Bewachung der Stadtmauer verantwortlichen Ehrengesellschaften. Diese Musterungen wurden bis 1938 durch jede Ehrengesellschaft separat durchgeführt – nach festen Terminen: am 13. Januar die Gesellschaft zum Rebhaus mit ihrem Tier, dem Leu; am 20. Januar die Gesellschaft zur Hären mit ihrem Wappenhalter, dem Wild Maa; am 27. Januar die Gesellschaft zum Greifen mit ihrem Tier, dem Vogel Gryff. Diese Termine sind geblieben – mit stets wechselndem Vorsitz; am heutigen Samstag, 26. Januar, hat ihn die Gesellschaft zum Greifen. Weil der 27. Januar auf einen Sonntag fällt, wird der Vogel Gryff auf den Vortag verlegt.

Wann der Wild Maa auf einem Floss erstmals den Rhein hinunterfuhr, ist unklar. Aus Schriftstücken geht hervor, dass er «am 20. Januar 1720 nach altem Brauch den Rhein hinabfuhr».

Einst startete der Wilde Mann seine Talfahrt von der Solitude aus. Als diese in staatlichen Besitz überging, fanden die Drei Ehrengesellschaften einen anderen Abfahrtsplatz 300 Meter oberhalb der St.-Alban-Brücke. Der Ort wurde Sumaki genannt – warum? In der alten Extraktfabrik der J. R. Geigy AG, die auf dem Areal der jetzigen Mustermesse am Riehenring stand, wurden unter anderem in grossen Quantitäten die gerbstoffhaltigen Sumachblätter extrahiert. Dabei fielen derart grosse Mengen Rückstände an, dass die Arbeiter die Erlaubnis erhielten, dieselben gegenüber dem Rankhof in den Rhein zu werfen. Die Rampe, auf der dies geschah, war im Geschäft als Sumachrampe bekannt – daher wohl Sumaki. Seit 1941 startet der Wilde Mann seine Flossfahrt vom Wild-Maa-Horst, einer Fischerhütte, die dem damaligen Hären-Vorgesetzten gehörte und 1952 in den Besitz der Drei Ehrengesellschaften überging.

Die Flossfahrt, überhaupt der ganze Umzug, kennt eine wichtige Devise: Das Spiel der Ehrengesellschaften setzt keinen Fuss ins Grossbasel. Und das Floss darf bei der Abfahrt nicht über die Mitte des Rheins hinaus geraten. Das ist seit über 100 Jahren so.

1901 betrat das Spiel letztmals «ausländischen Boden»: Es nahm am Festspiel zum 4 00-Jahr-Jubiläum von Basels Beitritt zur Eidgenossenschaft teil. Dieses fand auf der Festwiese von St. Margarethen statt. Dabei wurde den Damen nahegelegt, während der Aufführung auf aussichtsraubende Hüte zu verzichten.

Ja – Frauen: Sie spielten stets eine Rolle bei den Drei Ehrengesellschaften, aber eine im Schatten. Seit dem 1. Januar 2019 ist das nun anders: Frauen können in die drei Kleinbasler Ehrengesellschaften aufgenommen werden. Eine Änderung im Reglement über die Organisation der drei Basler Ehrengesellschaften macht es möglich. Neu steht darin: «Durch Beschluss der Allgemeinen Versammlung können Frauen den Männern gleichgestellt werden. In diesem Fall gelten die in dieser Ordnung umschriebenen Rechte und Pflichten auch für Frauen.» Unter anderem gehört es zu den Bedingungen eines Mitglieds, im Kleinbasel zu wohnen oder eine Liegenschaft zu besitzen.

Vergeblich versuchte vor Jahrzehnten ein Neubürger, Mitglied zu werden – und blitzte ab. Ein Vorgesetzter der Gesellschaft zu Hären hielt fest: «Vor Jahren meldete sich ein Neubürger zu den Gesellschaften; die Unterschrift auf dem Bürgerbrief war kaum trocken, Referenzen konnte er keine angeben. Der Herr Meister liess ihn deshalb zu sich heimkommen. Als er ihn frug, was ihn eigentlich bewogen habe, sich bei ihnen zu melden, sagte er in schönstem ‹Schwobedialekt›: ‹Ja wisse se, Herr President, mei Freind, der Hans, hat zu mer gsagt, jetz bisch du Baslerbirger, da musst du unbedingt in den Verein nei, das sind alles noble Leit. Iberhaupt, Herr President, ich hab immer e Saufreid ghett, wenn ich gsehn hab, wie die Viecher in Glaibasel rumhopse.› Der Herr Meister war von dieser Begründung nicht sehr begeistert.»

Funkenschlag und Verbrennungen

Es ist nicht die einzige Anekdote, die es zum Vogel Gryff zu erzählen gibt. Einige handeln auch von Unfällen. So soll 1865 Rudolf Lang, der den Leu tanzte, «aus unerfindlichen Gründen» eine Schusswunde erhalten und vier Wochen arbeitsunfähig gewesen sein.

Und 1885 notiert ein Chronist, dass bei der Rheinabfahrt durch Funkenschlag bei einem der Böllerschüsse der Rest des Schiesspulvers explodierte, «wodurch demjenigen, der den Böller bediente, das Gesicht und die Hände arg verbrannt wurden. Einer der Mitfahrenden wurde durch die Explosion ins Wasser geschleudert, jedoch ohne erhebliche Verletzungen sofort wieder herausgezogen». Wünschen wir den morgigen Aktiven also viel Glück.

Literatur:

Schoellkopf, Siegfried, Vogel: Vogel Gryff. Birkhäuser Verlag 1971 Eugen A. Meier: Vogel Gryff. Litera Buch- und Verlags-Aktiengesellschaft, 1986

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