Besichtigung eines Monsters

In den Neubau der Architekten Herzog & de Meuron im Gundeldingerquartier ist Leben eingezogen. Ein Rundgang um das Gebäude und ein Blick ins Innere.

Das Meret-Oppenheim-Hochhaus, vom Centralbahnplatz aus gesehen (ganz oben).

Das Meret-Oppenheim-Hochhaus, vom Centralbahnplatz aus gesehen (ganz oben).

(Bild: Florian Bärtschiger)

Martin Furrer

Aus der Ferne wirkt es wie ein Wesen aus einer fremden Galaxie. Abweisend erscheint es und je nach Lichteinfall mehr oder weniger bedrohlich.

Unverrückbar steht es da, das Meret-Oppenheim-Hochhaus, ein Koloss, und man denkt: In die Hamburger Hafencity, wo der Himmel weit und das Meer nahe ist, würde ein solches Bauwerk perfekt passen. Es erinnert an nachlässig aufeinandergestapelte, überdimensionierte Schiffscontainer. Aber ist das Basler Gundeli, das Viertel im Schatten des Bruderholz mit engen Seitenstrassen und kleinen Quartierläden, der richtige Ort für diese wuchtige Art von Architektur?

Nähert man sich dem Bau, meint man, ein Gravitationsfeld zu spüren, das einen erschreckt und fasziniert. Dieses Monster wollen wir besichtigen. Aber wie kommen wir in sein Inneres?

Die Südfront an der Güterstrasse hat zwei Eingänge, 1A und 1B. Der erste ist verschlossen. An einer Konsole ist ein Display angebracht. «Zielperson finden», heisst es auf dem Monitor. Wenn man ihn berührt, erscheint nur ein Name: «Max Mustermann».

Auf das Drücken der elektronischen Klingel folgt keine Reaktion. Der Gebäudeteil ist noch nicht vermietet, die Etage im vierten Stock leer.

Wir gehen ein paar Meter ­weiter, Eingang 1B: Die Schiebetür gleitet zur Seite. Wir stehen vor dem Empfangsdesk der ­neuen SRG-Radiostudios. Ein Mitarbeiter sagt: «Der Haupteingang 1 C/D befindet sich an der Nordfront, wo die Meret-Oppenheim-Strasse verläuft. Er ist attraktiv gestaltet, Sie werden es gleich selber sehen.»

«Ein Hochsicherheitstrakt»

Im September 2018 war es, als wir das Hochhaus erstmals aus der Nähe betrachteten. Es war noch nicht fürs Publikum zugänglich. Die Anwohner glaubten, hinter den Bauschranken wachse ein Ungeheuer in den Himmel. «Man sollte es sprengen», sagte damals ein Passant zur BaZ. Das Hochhaus sehe aus «wie ein Gefängnis», wie ein «Hochsicherheitstrakt». Ein Anwohner erklärte: «Diese Architektur ist etwas vom Hässlichsten, das ich je gesehen habe.»

Als hätten sie ein schlechtes Gewissen, liessen die SBB als Eigentümerin des Gebäudes in der Weihnachtszeit ein Herz aus Lichtern an der Fassade erstrahlen. Sie signalisierten der Bevölkerung: Dieser Bau hat mehr Wärme, als ihr denkt. Das Zeichen liess die Menschen kalt. Für sie blieb das Hochhaus «ein Schandfleck».

Jetzt sind vor vielen Fenstern die Jalousien aus Metall, die dem Komplex den Charakter einer Festung geben, wenn sie zu­gezogen sind, geöffnet. Im ­Erd­geschoss an der Ostseite ist das Restaurant Tibits eingezogen. Das Monster ist zum Leben erwacht.

Wir stehen nun vor dem Eingang 1 C/D und tippen den Namen eines Bewohners ein, der uns netterweise gestattet hat, einen Blick in seine Wohnräume zu werfen. Aus Gründen der Diskretion will er hier nicht genannt werden. Seine Stimme ertönt im Lautsprecher: «Willkommen. Gehen Sie nach dem Entree nach links, und fahren Sie in den 13. Stock. Bis gleich!»

Elegante Gestaltung

Der SRG-Mann hatte recht: Die Eingangshalle ist innenarchitektonisch elegant gestaltet, mit Sichtblenden und je achtzig Briefkästen aus Holz. Ein Traum fürs Auge, ein Albtraum für Pöstler, die richtigen Adressaten zu finden. Im Lift fährt ein Elektriker mit nach oben. «Ich muss die Kabelbuchsen in ­sämtlichen Wohnungen auswechseln», klagt er, «man hat die falschen montiert.» Im 13. Stock öffnet uns der Mieter die Tür zu seinem Dreieinhalbzimmerappartement.

«Feriengefühl»

Der Blick geht vom Wohnzimmer über die Dächer der Häuser im Gundeli hinauf zum Bruderholz und bis zum Blauen. Man kommt sich vor, als sitze man in einem riesigen Flugzeug und schaue während des Landeanflugs auf Basel hinunter. Wenn man vom schmalen Balkon aus in die Tiefe blickt, kribbelt es im Bauch. Trams und Passanten wirken klein wie Spielzeuge.

«Es ist ein Traum, in solcher Höhe zu leben», sagt der Mann. «Ich fühle mich hier wie von der Welt entrückt. Man erlebt spektakuläre Sonnenauf- und -untergänge, es ist ein permanentes Feriengefühl.» Die Erfüllung dieses Traums vom Wohnen, mit Minergie-Standard und 2,60 Meter hohen Räumen, kostet knapp 3000 Franken pro Monat.

Wenn die Sonne scheint, lassen sich die Jalousien aus Metall per Knopfdruck vor die Fenster schieben. Stürmt es, schliessen sie sich automatisch. Schaut man durch die Gitter nach draussen, kommt man sich trotzdem keine Sekunde wie in einem Gefängnis vor. Das hier ist ein Paradies. Das Monstrum zeigt sich im Innern von seiner charmanten Seite. Man ist geneigt, sich mit dem Bauwerk zu versöhnen.

Auch die Anwohner scheinen sich allmählich an das Hochhaus zu gewöhnen. «Der Bau ist toll», sagt Adriana Mariano, Inhaberin des Modegeschäfts Second Floor an der Güterstrasse. «Je nach Stimmung wirkt er auf mich zwar manchmal wie ein wackliger Turm. Aber dank der vielen neuen Bewohner habe ich mehr Kundschaft als früher.»

Stefano Filippini vom Café La Columbiana vis-à-vis der Bahnhofspasserelle zeigte sich im September gegenüber der «Basler Zeitung» nicht gerade begeistert über die Fassade. Jetzt ist er des Lobes voll: «Bei uns kehren viel mehr Leute ein, und der ­Kontakt mit den Mitarbeitern des Radios ist super.»

Die Basler haben gelernt, das Monster zu lieben, das in einer Affiche in der Bahnhofspasserelle schon unbescheiden als «neues Wahrzeichen» angepriesen wird.

Basler Zeitung

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