Basel muss bei «intelligenter Stadt» Gas geben

Parkplätze mit Sensoren, intelligente Strassenlaternen und kommunizierende Abfallcontainer. St. Gallen ist auf dem Weg zur «smart City» – Basel versucht aufzuholen.

Intelligente Container in der Ostschweiz: In der Mitte des Fotos links ist ein Kästchen mit Sensor zur Datenübermittlung zu sehen. Rechts die Anlage von aussen.

Intelligente Container in der Ostschweiz: In der Mitte des Fotos links ist ein Kästchen mit Sensor zur Datenübermittlung zu sehen. Rechts die Anlage von aussen.

(Bild: zvg)

Martin Regenass

Mit dem Auto abends nicht mehr fünf Runden im Quartier drehen müssen, auf der Suche nach einem Parkplatz: Die Situation, die heute in Basel-Stadt in gewissen Quartieren gang und gäbe ist, könnte sich in Zukunft ändern. «smart City» heisst das Zauberwort und steht für die Verknüpfung der Infrastruktur und Häuser der Stadt mit ihren Bewohnern mittels Sensoren und Handys.

Mit anderen Worten: Die Behörden bauen in die Parkplätze Sensoren ein, die erkennen, ob ein Parkplatz frei oder besetzt ist. Der Sensor leitet die Information per Funk an einen Computer weiter. Ein Autofahrer kann dann mit einem Mobiltelefon oder Navigationsgerät in Erfahrung bringen, wo ein Parkplatz frei ist und diesen auf direktem Weg ansteuern – ohne lange im Quartier herumkurven zu müssen.

Was in Basel Zukunftsmusik ist, befindet sich in der Stadt St. Gallen bereits auf Stufe Pilotversuch. Auf rund 100 Parkplätzen sollen Sensoren auf ihre Tüchtigkeit geprüft werden. Möglich wird dies, da das St. Galler Stadtparlament im letzten August einen Kredit über 186 000 Franken für den Aufbau eines Funknetzes mit rund 40 Antennen gesprochen hat. Darüber können die Sensoren die Informationen an Computer weiterleiten, verarbeiten und mittels einer App auf dem Handy empfangen werden.

Die Kosten für den Betrieb dieses intelligenten Netzes in St. Gallen belaufen sich auf weitere knapp 73 400 Franken pro Jahr. Das Pilotprojekt mit den Parkplätzen wird laut Franz Osterkorn, Abteilungsleiter Netzwerk-Betrieb bei den St. Galler Stadtwerken, von der Polizei betrieben. «Das Parkplatzmanagement mit Sensoren ist eine relativ komplexe Angelegenheit. Es muss beweisen, dass es unterschiedlich grosse Autos ebenso erkennt wie Autos mit Anhänger.»

Weniger Stau, weniger Strom

Ein weiteres Projekt, das die St. Galler testen, sind intelligente Strassenlaternen. Diese sollen mittels Sensoren unterschiedlich stark leuchten und sich am Verkehr ausrichten. Fliesst kein Verkehr, könnten sie ganz ausgeschaltet werden und wenn sich Fahrzeuge nähern, wieder aktiviert werden. Osterkorn: «Damit liesse sich Strom sparen oder die Lebensdauer der Leuchten verlängern.» Dies ist denn auch eines der Ziele der Anbieter von sogenannten intelligenten Netzen (Smartnet). Sie sollen in Zukunft den Energieverbrauch senken oder den Verkehrsfluss intelligent steuern, sodass weniger Stau und geringerer Stromverbrauch resultieren.

Die intelligenten Systeme sollen allerdings nicht nur im öffentlichen Raum, sondern auch im Privatleben Einzug halten. Gemäss Osterkorn könnte ein Bewohner einer Siedlung beispielsweise bei Sonnenschein um 15 Uhr nachmittags darüber informiert werden, dass er einen Waschgang in der Maschine mit Strom von den Solarzellen vom Dach starten könnte. «Er weiss dann, dass er mit 100 Prozent erneuerbaren Energie waschen kann.»

Eine weitere Anwendung, die aktuell in St. Gallen mit dem Funknetz getestet wird, sind die Blech- und Flaschensammlungen. Sensoren melden, wenn die Container voll sind und rufen den Lastwagen herbei für die Leerung. Damit lassen sich Leerfahrten und Diesel einsparen. «Wir haben heute zwar schon Sensoren, die über den Füllstand informieren. Diese brauchen allerdings viel Strom und daher müssen die Akkus oft ausgewechselt werden», sagt Osterkorn. Dies sei bei der Kommunikation zwischen dem Funknetz und den Sensoren voraussichtlich nicht der Fall. Zudem sei die Kommunikation zwischen Funknetz und Sensoren nicht so kostenintensiv und berge keine Gefahren durch Strahlung.

In der Stadt St. Gallen heisst es, dass die intelligente Verknüpfung der Sensoren über Funk und Handys mit den Bürgern dazu beitragen solle, das Energiekonzept 2050 zu erreichen und St. Gallen zu einer «lebenswerten» und «ökologischen» Stadt zu machen.

Basel fühlt sich angestachelt

Solche Aussagen müssen natürlich beim Energiespar-Musterkanton Basel-Stadt den Ehrgeiz anstacheln. Um den Anschluss in diesem Bereich nicht zu verpassen, haben der Gewerbeverband Basel-Stadt und die Industriellen Werke Basel (IWB) voriges Jahr gemeinsam den Verein Smart Regio Basel gegründet. Als Präsident und prominentes Aushängeschild konnte die Organisation den LDP-Nationalrat Christoph Eymann gewinnen.

An einer Informationsveranstaltung vom vergangenen Montag sagte der ehemalige Regierungsrat: «Wir stehen vor einer enormen Herausforderung. Wir können uns der smarten Technologie und der Digitalisierung nicht entziehen.» Ziel des Vereins ist es, dass Unternehmen und Behörden aus der Region ihre Ideen bezüglich konkreten Projekten im Bereich der intelligenten Vernetzung einem Gremium von Smart Regio Basel vorlegen. Dieses prüft dann, ob die Idee sinnvoll und in der Praxis umsetzbar ist. Den IWB kommt die Rolle zu, analog den St. Galler Stadtwerken, für die Funkinfrastruktur zu sorgen, die ans bestehende Glasfasernetz angehängt werden kann.

Eigene Anwendungen entwickeln

Von der BaZ befragte Unternehmer betonten nach der Veranstaltung die Notwendigkeit und die Chancen eines intelligenten Netzes für verschiedenste Anwendungen. Lorenz Beyeler von der Firma Actimage, die intelligente digitale Systeme anbietet, kritisierte den späten Zeitpunkt des Einstiegs Basels in die «smart City». «Die Stadt Basel liegt bezüglich intelligenten Netzen weit hinter anderen Städten zurück, weil sich bis jetzt niemand dafür verantwortlich gefühlt hat.»

Christoph Bratschi, Geschäftsführer des App-Herstellers Appamics GmbH, sieht den Konkurrenzkampf der Stadt Basel allerdings nicht nur gegen andere Städte, sondern gar gegen Unternehmen aus dem amerikanischen Silicon Valley. «Von dort kommen grosse Monopole wie Uber oder Airbnb.» Dagegen müsse die Smart Regio Basel mit eigenen Anwendungen ankämpfen, um in Zukunft nicht gänzlich den Amerikanern das Feld überlassen zu müssen.

www.smartregiobasel.ch

Basler Zeitung

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