Autonomie als Lebenselixier für Lehre und Forschung

Beim Podium «Autonomie der Universität – Utopie oder Realität?» im Ackermannshof wurde über ein weites Panorama an Zukunftsfragen diskutiert.

Die Schweizer Unis haben in den letzten Jahren an Autonomie gewonnen.

Die Schweizer Unis haben in den letzten Jahren an Autonomie gewonnen.

(Bild: Keystone)

Das Einführungsreferat des Historikers Caspar Hirschi von der Universität St. Gallen enthalte «Nitroglyzerin». Ja sogar als «Sprengmeister» bezeichnete ihn Caspar Zellweger, Vorsteher der Freiwilligen Akademischen Gesellschaft (FAG) Basel, nicht ganz ohne trockenen Schalk in seine Sprechmelodie zu legen.

Natürlich bezogen sich diese Explosionsmetaphern in Zellwegers Begrüssungsansprache auf das Thema, das sich die ­Veranstalter ausgedacht hatten: «Autonomie der Universität – Utopie oder Realität?». Die FAG ist eine der drei Institutionen, die den Abend im Ackermannshof an der St.-Johanns-Vorstadt auf die Beine gestellt haben. Die anderen beiden sind der Förder­verein Universität Basel (FUB) und die Alumni Basel, die Ehemaligenvereinigung der Universität Basel.

Sprengstoff und Heilmittel

Dem Nitroglyzerin-Vergleich fügte Zellweger gleich noch einen erhellenden Gedanken hinzu, diese Substanz tauge bekanntlich als Sprengstoff, aber auch als Heilmittel. Und dem Leitmotiv der universitären Autonomie attestierte er, dass es einen konkreten Klang habe, bei näherer Betrachtung allerdings immer komplexer, immer nebulöser werde.

In dieses neblige Feld führte uns Hirschi nun hinein. Anschliessend wurde in der Runde – eine komplett männliche übrigens – diskutiert. Sie bestand neben Hirschi aus Bernhard Nievergelt, Studiengangleiter «CAS Leadership und Governance an Hochschulen» an der Universität Zürich, Beat Oberlin, Vizepräsidente des Universitätsrats Basel, sowie Rolf Richterich, ehemaliger Landrat und Fraktionspräsident der FDP Baselland. Moderator der Runde war Jean-Luc Nordmann, Präsident des Uni-Fördervereins. Am Ende fasste Roland Bühlmann, Präsident der Ehemaligenvereinigung, die ganze Geschichte dann noch kurz zusammen. Ein sattes Programm.

Die Schweizer Unis hätten in den letzten Jahrzehnten an Autonomie gewonnen, attestierte Hirschi.

Zu Beginn seines Referats begab sich Hirschi sogleich ins ­semantische Feld, auf dem das Begriffspaar Universität und Autonomie steht. «Autonomie», erklärt er, sei eben nicht gleich Souveränität, so agiere – vergleichsweise – Schottland, dem Vereinigten Königreich gegenüber, durchaus autonom, müsse sich aber trotzdem in mancherlei Hinsicht unterordnen. Genau so verhalte es sich auch mit den Universitäten und ihren staatlichen Eignern: Die Autonomie der Unis beruhe auf einem Ver­trauensvorschuss des Eigners, welche die Unabhängigkeit von Lehre und Forschung gewährleiste, der die Autonomie der Universität letztlich nachgeordnet sei.

Die Schweizer Unis hätten in den letzten Jahrzehnten an Autonomie gewonnen, attestierte Hirschi. Und weiter: «Sie sind der Politik gegenüber autonomergeworden, dies jedoch keineswegs vollständig.» So seien etwa bereits nationale Forschungsschwerpunkte eine Einschränkung universitärer Selbstbestimmung. Hirschis diesbezügliches Fazit: «Auch eine strukturell stärkere Autonomie könnte einer Kultur der Einmischung nicht standhalten.»

Und aus dieser Gedankenwolke regneten nun die mannig-faltigen Themen, die den Rest des Referats sowie die anschliessenden Diskussionen bestimmen sollten. Das Firmensponsoring von Universitäten war Thema, die ­Bedingungen, unter denen es zulässig sei, wurden angeleuchtet. Die Moralisierung der Wissenschaft, wie sie in den USA unter dem Druck einer gesellschaftlichen Polarisierung stattfinde, in deren Rahmen Rechtspopulisten das Konzept einer ­expertenbasierten Politik angrei­fen, kam zur Sprache. Die vielen Universitätsskandale der letzten Jahre und deren mediale Aufbereitung sowie die damit verknüpften Informationsstrategien der Unis wurden ins Feld geführt.

Wie führt man eine Uni?

All diese Beispiele führten die Veranstaltung dann, folgerichtig, auf eine weitere Ebene, jene der Governance, der Führung von Universitäten nämlich. Darum drehte sich dann auch ein grosser Teil der Diskussion. Nievergelt wies darauf hin, dass viele Universitätsleitungen aus gewählten Professoren bestehen, die nie gelernt haben, wie man einen Betrieb führt. Oberlin betonte die Notwendigkeit, einen «Leadership-Dialog zwischen bottom-up und top-down» zu pflegen. Richterich ist der Meinung, dass sich die Politik nicht zu stark ins Daily Business der Unis einmischen solle, obwohl sie dies gerne tue.

Die Diskussionen riss ein weites Panorama an Fragen auf, die in der Zeit, die zur Verfügung stand, nur gerade angeschnitten, aber keinesfalls geklärt werden konnten. Doch, zweifelsohne, handelt es sich um zentrale Zukunftsfragen, die uns noch lange beschäftigen werden.

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