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Autofreie Innenstadt funktioniert nur teilweise

Ladenbesitzer wünschen sich grosszügigere Zufahrten und kritisieren Lieferwagen in der zuparkierten Freie Strasse.

Martin Regenass
Unberechtigte abhalten. Solche Poller wie am Spalenberg sind ein Mittel, um Autos ohne Bewilligung von der autofreien Innenstadt fernzuhalten.
Unberechtigte abhalten. Solche Poller wie am Spalenberg sind ein Mittel, um Autos ohne Bewilligung von der autofreien Innenstadt fernzuhalten.
Dominik Plüss

Kurz vor halb zwölf, Freie Strasse, am letzten Freitag. Seit drei Jahren ist die Innenstadt autofrei oder «verkehrsberuhigt», um das Wort der Behörden zu benutzen. Damit müssten ab 11 Uhr eigentlich die letzten Lieferwagen aus der Freien Strasse verschwunden sein. Doch dies ist oft nicht der Fall. Die Einkaufsstrasse ist mit Lieferwagen zuparkiert. Rolf Hämmerlin, Inhaber des Fotohauses Wolf Hämmerlin im unteren Teil der Strasse, stört sich an diesen Fahrzeugen.

Zumeist sind es Handwerker, die Läden umbauen, dort, wo neue Geschäfte hineinkommen: «Wenn den ganzen Tag Fahrzeuge vor den Schaufenstern stehen, dann behindert das die Sicht von Kunden auch auf meine Kameras, die ich verkaufen will.» Hämmerlin beobachte immer wieder Lieferwagen, die den ganzen Tag lang in der Freien Strasse stünden, obschon sie nicht gebraucht würden. Der Fotofachmann fordert die Behörden auf, Möglichkeiten zu schaffen, diese Autos ausserhalb der Einkaufszone zu parkieren. Dass der Autoverkehr in den letzten drei Jahren seit Einführung der autofreien Zone abgenommen habe, diese Meinung teilt Hämmerlin nicht. «Hierbei von autofrei zu sprechen, ist weit entfernt von der Realität.»

Verlängerung der Zufahrtszeiten gefordert

Auch Mathias F. Böhm, Geschäftsführer von Pro Innerstadt Basel, stellt fest, dass das Fahrzeugaufkommen trotz Fahrverbot teilweise zu hoch ist. «Es hat manchmal viele Autos in der Innenstadt, berechtigte und unberechtigte.» Eine Lösung für das Problem könnte laut Böhm ein Zufahrtssystem schaffen, wie beispielsweise die Montage von Pollern. Nicht zufahrtsberechtigte Autos müssten so aussen vor bleiben.

Kritikpunkte meldet auch René Capaul an, obschon eine autofreie Innenstadt grundsätzlich eine «gute Sache» sei. Capaul verkauft im oberen Teil der Freien Strasse, an der angrenzenden Bäumleingasse, Männermode. «Man müsste die Anlieferzeiten anstatt bis 11 Uhr bis um 13 Uhr verlängern. Die meisten Geschäfte öffnen um 9 bis 9.30 Uhr. Da herrscht in der Freien Strasse ein Gedränge an Lieferanten, sodass es manchmal Stau bis in die Bäumleingasse gibt.» Mit einer Verlängerung der Zufahrtszeiten könnten sich die Lieferanten besser verteilen. Ebenso hätten Kunden, die grössere Warenposten bei den Geschäften mit dem Auto abholen müssten, etwas mehr Spielraum und könnten kurz über Mittag zufahren. Capaul fordert zudem eine Möglichkeit, ab 18.30 Uhr wieder zufahren zu können. «Nach Ladenschluss sind die Freie Strasse und die Bäumleingasse tot. Jede Strasse im Kleinbasel ist belebter. Das war früher, als man abends noch in der Strasse parkieren durfte, nicht so. Da kamen die Männer mit ihren Autos und holten ihre Frauen von der Arbeit ab und verweilten mit Freunden beim Apéro.» Auch könnten die Geschäfte noch notwendige Lieferungen erledigen.

Abbau von Bürokratie

Zu Beginn der Einführung der autofreien Innenstadt, Anfang 2015, gab es zahlreiche Ungereimtheiten für den Detailhandel, das Gewerbe und Kulturbetriebe in der Zone. Das Stadtcasino beispielsweise hätte bei der Kantonspolizei 600 bis 700 Sonderbewilligungen jährlich beantragen müssen, um seine Konzerte logistisch abwickeln zu können. Dank einer politischen Begleitgruppe und Vorstössen im Grossen Rat konnten solche bürokratischen Auswüchse eingedämmt werden. Gemäss dem Gewerbeverband Basel-Stadt hätte sich ein Grossteil der Betriebe durch schnellere Bewilligungsverfahren, ein Kundenkonto oder die Anpassung des Perimeters mit der autofreien Innenstadt arrangieren können. Gewerbeverband-Sprecher David Weber: «Die Zusammenarbeit mit den Behörden funktioniert gut.»

Dennoch gibt es immer noch Gewerbebetriebe, die sich vom Justiz- und Sicherheitsdepartement unter FDP-Vorsteher Baschi Dürr eine «kulantere» Praxis beim Erteilen von Bewilligungen für Sonderzufahrten wünschen. So beispielsweise l’enoteca, Liechti-Weine, an der Schneidergasse. Geschäftsführerin Astrid Salzmann wünscht sich Ausnahmebewilligungen für die Weihnachts- und verkaufsstarke Zeit, damit die Weinhandlung ihren Kunden einen noch besseren Lieferservice bieten könne. Salzmann: «Wenn ich mir schon die Mühe mache, bei den Behörden eine Ausnahmebewilligung zu beantragen, dann geschieht das nicht einfach, um zum Vergnügen in die autofreie Zone zu fahren. Es hat einen Grund.» Ob die Einführung der autofreien Zone die Umsätze geschmälert habe, ist gemäss Salzmann schwierig zu beantworten. «Sicherlich aber kaufen die Schweizer seit der Aufhebung des Mindestkurses vermehrt im nahen Deutschland ein, wo sie das Tram noch bequem hinfährt. Die Umsätze im Einzelhandel sind seither eingebrochen.»

Missachtete Begegnungszone

Betroffen von der autofreien Zone ist auch Tino Krattiger an der Rheingasse auf der anderen Seite im Kleinbasel. Der Anwohner, Mitorganisator der Adväntsgass und Gründer des Konzertflosses im Sommer sagt zur Menge der Autos vor und nach der Einführung: «Die Stadt ist sicher autofreier geworden.» Allerdings würden immer noch viele Autos, die das Kleinbasel verliessen, und Velos durch die Rheingasse fahren. «Dabei nehmen sie aber keine Rücksicht auf die Besucher der Bars und Restaurants in der Strasse, die sich in einer Begegnungszone befinden und Vortritt haben», sagt Krattiger. Das Tempo, auch bei Velofahrern, sei ständig zu hoch. Krattiger: «Die Leute merken gar nicht, dass es sich um eine Begegnungszone handelt. Dennoch weigern sich die Behörden vehement, die Worte ‹Fussgänger Vortritt›, auf den Boden zu schreiben. Diese Buchstaben würden den Leuten die Augen öffnen.»

Gemäss der Kantonspolizei würden die Zufahrtsregeln vom grössten Teil der Bevölkerung akzeptiert. 2017 verteilten Beamte 5126 Bussen wegen Missachtung des Fahrverbots. 2016 waren es noch 6101 und 2015 sogar 8204 Ordnungsbussen.

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