Aufstieg und Fall des Carlo Conti

Kommentar

Was bedeutet die jüngste Affäre rund um den Basler Rücktritt des Gesundheitsdirektors Carlo Conti für die Schweiz? Nur Gutes! Ein Kommentar.

Beklagenswert und richtig: Carlo Contis Rücktritt.

Beklagenswert und richtig: Carlo Contis Rücktritt.

(Bild: Keystone)

Markus Somm@sonntagszeitung

Es hat etwas Widersinniges: Gerade weil Carlo Conti, der Basler Gesundheitsdirektor der CVP, so rasch und tapfer Fehler eingestanden und ­seinen Rücktritt in Aussicht gestellt hat, hinterlässt er neben vielem andern, ob An­erkennung oder Bedauern – auch Misstrauen. Kann es sein, dass er nur des­wegen geht? Muss nicht mehr dahinter stecken? Welche Leichen verrotten noch in seinem Keller?

Es waren solche Fragen, die ich diese Woche sehr häufig hörte, als ich an den traditionellen Neujahrsempfängen der Basler Wirtschaftsverbände teilnahm, wo man an hohen Tischchen stand und zwischen Weisswein und Canapés über Contis tiefen Fall grübelte. Niemanden liess die Affäre kalt, alle hatten eine Meinung, viele fragten sich, war das alles? Ein Politiker hat so gehandelt, wie man es immer wieder verlangt – und wird mit wilden Spekulationen bestraft.

Ambulante Behandlung

Gewiss, ebenso sonderbar wirkt, wie gut er bisher davonkam, besonders wir Journalisten hielten uns wie erschütterte Krankenpfleger zurück. Traurig verband man die Wunden Contis, niemand mochte in ihnen stochern. Von einem «tragischen Helden» wurde gesprochen, eine neue Rücktrittskultur zelebriert, Respekt gezollt. Auch das ist zu viel des Guten. Immerhin hat er Geld genommen (ob bewusst oder fahrlässig oder warum auch immer), das ihm nicht zustand. Die Reaktionen darauf fühlen sich surreal an: Als ob das Publikum einem Schnell­fahrer applaudieren würde, der sich bereit erklärt hat, die Busse vollumfänglich zu zahlen. Conti, der Held, Conti, der Schlaumeier?

Für Basel und besonders seine dominante Pharma-Industrie ist Contis unorthodoxes ­Spesengebaren und sein darauf folgendes Ausscheiden keine gute Nachricht: Kaum ein Politiker hat in Bern die Interessen des Standorts Basel in den vergangenen Jahren so wirkungsvoll ver­teidigt. Wer immer Contis Nachfolge als Präsident der Gesundheitsdirektorenkonferenz übernimmt: Er dürfte die vielen legitimen Anliegen der be­­deutendsten Exportindustrie unseres Landes weniger effizient und mit weniger Leidenschaft durchsetzen – weil es ihm an der Basler Vertrautheit damit mangelt. Conti arbeitete vorher jahrelang bei Roche. Es ist ein Verlust, ohne Frage. Wenn ein Basler Politiker auf nationaler Ebene etwas zu sagen hatte, dann Conti. Er ist vermutlich derzeit der mächtigste Basler in Bern.

Stunde der Katharsis

Was aber bedeutet Contis Niedergang für die Schweiz? Nur Gutes. Auch wenn ich seinen ­Rücktritt beklage, weil ich Carlo Conti für einen fähigen, intelligenten und starken Regierungsrat halte, ist diese Götterdämmerung in der Politik und im staatlichen Sektor, wie wir sie derzeit vor allem in der Nordwestschweiz erleben (siehe Baselland: Ballmer, Zwick, siehe Solothurn: Wanner, siehe Basel-Stadt: BVB und Kantonalbank), ein heilsamer Vorgang. In gewissem Sinne ernten die Politiker nun den Sturm, den sie gesät haben – auch wenn es im Einzelnen nicht die jetzt Betroffenen sein mögen, die dafür verantwortlich sind.

Was haben wir Journalisten, was haben so viele Politiker in den vergangenen Jahrzehnten auf die Chefs der Privatwirtschaft eingeprügelt, die sich für ihre (überrissenen) Saläre und ihre (stratosphärischen) Boni rechtfertigen mussten, als hätten sie diese armen Schluckern entwendet. «Abzocker», dieses hässliche, neudeutsche Wort, wurde beinahe zum Synonym für Manager. Hass, Neid, Missgunst, diese dunklen Leidenschaften unglücklicher Menschen – Laster, denen man sich sonst nur im Verborgenen hingab, galten auf einmal als salonfähig. Wer an einer Cocktailparty über Bankiers schimpfte, wie man früher über Betrüger und Mörder herzog, konnte mit Wohlwollen rechnen. Man nahm ihn ernst als empfindsamen, moralisch einwandfreien Zeitgenossen.

Überfällige Einsichten

Damit keine Missverständnisse entstehen: Es war an der Zeit, dass in grossen Publikumsgesellschaften die Aktionäre sich vermehrt um ihr Eigentum kümmerten und nicht jeden fantasievollen Lohn des Managements abnickten; es war auch an der Zeit, dass die sogenannte Wirtschaft merkte, dass was in den Weiten der USA noch angehen mochte, hier in der engen Schweiz, wo jeder über die Grösse des Gartens seines Nachbarn wacht, auf längere Sicht nicht zu ertragen war. Löhne dürfen hier nicht ins Unermessliche wachsen, selbst wenn der Markt dies zuliesse. Wir sind soziale Kontrolleure hierzulande, Virtuosen der nach­barlichen Spionage, mit allen Vorteilen und Nachteilen. Olympische Grosszügigkeit gehört nicht zu unseren Stärken, stattdessen Bescheidenheit, etwas Geiz und Detailtreue. An dieser Detailtreue scheitert nun auch der öffentliche Sektor.

Seit Jahren auf Löhne, Zahlen, Boni, Nebeneinkünfte sensibilisiert, akzeptieren die Bürger inzwischen gar keine Frivolität mehr, was das Geldverdienen anbelangt, ganz gleich ob es sich um Novartis oder die UBS handelt, oder eben um die BVB oder den Regierungsrat. Eine Art Backlash erfährt die politische Elite, die es lange vorzog, sich wegzuducken, wenn die Manager wie Ver­urteilte vorgeführt wurden. Manch Politiker schwieg, manch Bürgerlicher legte kein gutes Wort mehr für sie ein – und mag insgeheim triumphiert haben: War man zuvor nicht von den Herren des Geldes und Meistern der Rendite als Langweiler und Bürogummi ausgelacht worden?

Im Schlamassel des Staates

Nach Jahren der Kritik an Missständen in der Privatwirtschaft hat sich nun der Zorn der Bürger (und die Aufmerksamkeit der Medien) den Unterlassungen und Machenschaften im öffentlichen Sektor zugewandt. Als Liberalen freut mich das. Aus mancherlei Gründen: Was in der privaten Wirtschaft schiefläuft, wird immer zutage treten, spätestens dann, wenn die Firma den Bankrott anmeldet. Wettbewerb, der Markt, der Kostendruck: Eine Firma mag noch so korrupt sein, ihre Manager noch so selbstverliebt und überfordert, nie können sie sich diesen brutalen Gesetzen der Marktwirtschaft auf Dauer entziehen.

Daher bin ich immer etwas weniger empört, wenn ich von Skandalen in einem Unternehmen höre, sondern eher deprimiert, weil am Ende stets Arbeitsplätze untergehen – und die falschen, die unschuldigen Leute ihre Stelle verlieren. Im privaten Sektor korrigieren sich Fehler meistens von selbst – schmerzhaft, aber immerhin innert nützlicher Frist. Wenn aber im Staat etwas faul ist, dann können Jahre, Jahrzehnte oder Jahrhunderte ver­streichen, bis jemand etwas davon bemerkt. Man stürzt ab – in homöopathischen Sinkflügen, unsichtbar, aber unumkehrbar.

Der Fluch des Imperiums

Spanien galt im 16. Jahrhundert als reichstes Land der Erde, tatsächlich war es schon damals unproduktiv, und seine Könige nie in der Lage, einen ausgeglichenen Staatshaushalt vorzulegen. Besinnungslos häuften sie Schulden an, erklärten Bankrott und verschuldeten sich erneut. Weil man Spanien trotzdem als reich betrachtete, waren manche Bankiers dumm genug, dem Land von Neuem Geld zu leihen, um es erneut zu verlieren. Im 18. Jahrhundert, als es endlich auffiel, wie arm das spanische Weltreich trotz seines Eldorados in Südamerika geworden war, hatten es die Politiker nicht mehr in der Hand, die über Jahrhunderte gefestigten Fehler zu korrigieren.

Nichts gegen den Staat, es braucht ihn, wenn auch in moderaten Dosen, aber was der Staat festsetzt, lässt sich kaum mehr ändern. Seit 1848 hat die Schweiz nur neue Gesetze, Behörden und Regulierungen geschaffen, kaum je wurde etwas davon aufgehoben. Mit anderen Worten, weil alles bleibt, ist höchste Vorsicht geboten. Weil nie eine Bestrafung durch den Markt droht, muss man den Politikern und Beamten viel öfter und genauer über die Schultern schauen als den Managern, ganz gleich ob es sich um «Abzocker» handelt oder nicht.

Um die 300'000 Franken verdient ein Basler Regierungsrat heute. Das ist ein sehr guter Lohn. Es besteht kein Anlass, ihn unter Ausschluss der Öffentlichkeit etwas aufzubessern, mit Sitzungsgeldern für Treffen, die heute als so anspruchsvoll dargestellt werden, als hätte man dort regelmässig die Relativitätstheorie von Albert Einstein widerlegt. Was entscheidender ist: Politik darf sich finanziell nicht auszahlen. Hier darf man nicht reich werden. Wenn zu viel Geld im Staat zu holen ist, zieht das die falschen Leute an, Korruption, Zerfall und Machtmissbrauch folgen fast natürlich. Im Staat zu dienen ist eine Ehrensache und der immaterielle Lohn, den man dafür erhält, besteht immerhin in der Chance, in die Geschichte einzugehen oder sie zu gestalten. Das muss genügen – und genügt offensichtlich den meisten Politikern.

Selbst der amerikanische Präsident verdient mit rund 520'000 Dollar nicht wesentlich mehr als ein schweizerischer Bundesrat (rund 450'000 Franken) oder Carlo Conti (317'000 Franken). Es ist richtig, dass die Schweizer sehr kleinlich werden, wenn es um das Geld geht, das sie den Politikern anvertrauen – und daher ist es richtig, dass Carlo Conti, bei allen Verdiensten, die er hat, seinen Rücktritt bekannt gegeben hat.

Basler Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt