Aufstand der Anwohner

Das Komitee «Erhalt der Trottoirs!» stellt die Begegnungszone in der St.-Alban-Vorstadt infrage. Die Anwohner haben fast 4000 Unterschriften gesammelt.

«Kostspieliges» Projekt. Den vorgesehenen Belag in der St.-Alban-Vorstadt lehnen die meisten Anwohner ab.

«Kostspieliges» Projekt. Den vorgesehenen Belag in der St.-Alban-Vorstadt lehnen die meisten Anwohner ab.

(Bild: Nicole Pont)

«Da muss ich lachen», winkt Claudio Bachmann ab. «Das ist schon lange eine Begegnungszone. Hier sind wir alle per Du.» Bachmann ist Mitglied des Komitees «Erhalt der Trottoirs!», das sich gegen das «sehr kostspielige» Ansinnen der Basler Regierung und eines grossen Teils des Grossen Rats wendet. Die St.-Alban-Vorstadt soll im Zuge von Leitungserneuerungen zwischen der Malzgasse und dem St.-Alban-Graben ein neues Gesicht erhalten: Sie soll zur Begegnungszone ohne Trottoirs mit flächendeckendem Tempo 20 werden. Aussehen soll die Strasse vor mittelalterlicher Kulisse künftig ähnlich wie die Rittergasse mit ihren Wackensteinen.

«Unser Credo lautet: lieber ein schmales Trottoir als gar keines», sagt Bachmann. Aus Sicherheitsgründen, wie er betont. Darum hat das Komitee im September, als der Grosse Rat die nötigen 3,1 Millionen Franken bewilligt hatte, das Referendum ergriffen und kräftig Unterschriften gesammelt. «Wir konnten 3900 Unterschriften statt der erforderlichen 2000 einreichen», erzählt Claudio Bachmann, «unter den Anwohnern herrscht Einigkeit.»

Nicht nur die Direktbetroffenen denken so. Im Komitee sitzen mit Patricia von Falkenstein (LDP) und Joël Thüring (SVP) auch Mitglieder des Grossen Rats, die nicht unmittelbar in ihrer Wohnsituation tangiert werden.

Das Komitee rührt die Werbetrommel. Am Samstag an der Ecke Rittergasse und Bäumleingasse. Komitee-Mitglied Schwester Beatrice Schweizer vom Alters- und Pflegeheim Ländliheim bringt Rollstühle und Rollatoren mit. Die Passanten sollen sich selbst ein Bild davon machen, wie unangenehm damit ein Fortkommen auf Kopfsteinpflaster sein kann.

Nicht gut für Kinder

Hans Rudolf Flügel lebt seit Jahrzehnten in der St.-Alban-Vorstadt. Dort betreibt er auch sein Geschäft. Er warnt vor dem Entfernen der Trottoirs: «Sowohl Kunden als auch Anwohner stehen direkt auf der Strasse, wenn sie aus dem Haus treten.» Er möchte nicht spüren, wie sich die Lenkstange eines Velos in seine Magengrube gräbt. «Das Trottoir ist die klare Trennung zwischen Fussgängern und Verkehr.»

Komme hinzu, dass der Schöneck-Brunnen an der Ecke Mühlenberg und St.-Alban-Vorstadt im Sommer von vielen Kindern als Planschbecken genutzt wird. Er steht auf einem Sockel, der wiederum auf einer Fläche Kopfsteinpflaster steht. Das Komitee erklärt den Passanten, die Kinder orientierten sich an diesen Ebenen. Darum komme es nicht zu Unfällen mit Autos. Gibt es keine unterschiedlichen Ebenen mehr, gebe es weniger Orientierungspunkte und damit weniger Sicherheit.

Lukas Linder, Obmann des Komitees, sagt: «Wir wurden überrascht, vor vollendete Tatsachen gestellt.» Das sei nicht nur unfein, sondern gar verfassungswidrig. Linder beruft sich auf die Verfassung des Kantons Basel-Stadt, die besagt, «der Staat bezieht die Quartierbevölkerung in seine Meinungsbildung ein, sofern ihre Belange besonders betroffen sind».

Fragwürdige Behördenlogik

Kantonsarchitekt Beat Aeberhard sagte zu diesem Kritikpunkt im November gegenüber Radio SRF 1: «Im Fall der St.-Alban-Vorstadt ist die Situation so, dass wir einfach nicht so einen grossen Gestaltungsspielraum haben.» Gehe es darum, ein neues Stadtquartier zu entwickeln, sei es «selbstverständlich» sowie «sinnvoll», dass die Bevölkerung daran mitwirken könne. Aber: «Wenn die Entscheidungsgrundlagen so festgezurrt sind, dass sich eigentlich nur ein sehr kleiner Spielraum eröffnet, dann ist es unter Umständen nicht sinnvoll, die Bevölkerung zu befragen.»

Dass die Trottoirs, die an manchen Stellen bloss 50 Zentimeter breit sind, nicht mehr den geltenden Normen entsprechen, lässt Lukas Linder nicht gelten: «Folgt man dieser Logik, müssten sämtliche mittelalterliche bis barocke Gebäude einer Vorstadt abgerissen werden, weil sie nicht den heutigen baulichen Normen entsprechen.»

Die Anwohner wollen ihre Trottoirs erhalten. Dafür gehen sie auf die Strasse. Entschieden wird am 10. Februar an der Urne.

Basler Zeitung

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