Auch vorgeschriebenes Notsystem zur Steuerung des Frachters ist ausgefallen

Die Basler Verkehrspolizei untersucht das Frachtschiff «Camaro VI». Laut Behörden hätte es über ein zweites System steuerbar bleiben müssen.

Der Frachter «Camaro VI» liegt nach der Unglücksfahrt unterhalb der Dreirosenbrücke auf Kleinbasler Seite.

Der Frachter «Camaro VI» liegt nach der Unglücksfahrt unterhalb der Dreirosenbrücke auf Kleinbasler Seite.

(Bild: Keystone)

Martin Regenass

Zwei Schifffahrtsexperten, sie wollen namentlich hier nicht genannt werden, winden dem Lotsen, dem Kapitän und dem Besatzungsmitglied auf dem am Donnerstag verunglückten Frachtschiff «Camaro VI» ein Kränzchen. «Der Lotse am Steuer hat sicher sein Bestes gegeben und hat mit etwas Glück in der Mittleren Brücke ein Loch gefunden.» Seiner Meinung nach hätte es bei der Mittleren Brücke auch schlimmer kommen und sich der Frachter querstellen können. Wie 1984 die «Corona», hätten die Wassermassen das Schiff im schlimmeren Fall auf der Südseite gegen die Mittlere Brücke gedrückt und die Durchfahrten blockieren können. Damals war die Brücke und die Rheinschifffahrt während 17 Tagen blockiert und der wirtschaftliche Schaden ging in die Millionenhöhe.

Der zweite Schiffskapitän, den die BaZ anfragte, sagt: «Ich muss dem Lotsen ein riesen Kompliment machen, dass er es geschafft hat, das Schiff mehr oder weniger heil durch die Mittlere Brücke hindurchzusteuern.»

Nicht Motor, sondern Steuerung ausgefallen

Wie das Justiz- und Sicherheitsdepartement Basel-Stadt am Freitag bekannt gab, sei bei dem 110 Meter langen und 11,5 Meter breiten Schiff allerdings nicht der Hauptmotor für die Heckschraube ausgefallen, wie ursprünglich vermeldet. Vielmehr habe bei dem manövrierunfähigen Schiff die Steuerung ihren Dienst versagt. «Das ist dumm gelaufen und kann einmal passieren», sagt der zweite Kenner der Materie und stellt dann allerdings eine wichtige Frage in den Raum. «Eigentlich müssen derartige Schiffe für einen solchen Fall mit einem Notsystem ausgerüstet sein. Wenn das Hauptruder nicht mehr funktioniert, müsste das Schiff über eine Notsteuerung manövrierbar bleiben. Weshalb dieses Notsystem nicht funktioniert hat, ist jetzt die grosse Frage.» Bei Grossschiffen sei es wie bei Flugzeugen. Auch in der Luftfahrt seien Notsysteme vorgeschrieben.

Der andere Fachmann bestätigt diese Aussage. «Schiffe brauchen ein Notsystem. Wenn das Ruder beispielsweise über die elektronische Steuerung ausfällt, dann sollte es über ein zweites hydraulisches System steuerbar bleiben, was hier offenbar nicht der Fall war.» Die «Camaro VI» hat laut dem Experten von den Schifffahrtsbehörden eine Sondergenehmigung für die Fahrt auf dem Basler Abschnitt des Rheins. Dies sei so verlangt, weil es sich beim verunglückten Frachter um eine zweiteilige Kombination handle, deren Vorder- und Hinterteil unabhängig voneinander gesteuert werden können.

Notsystem wäre vorhanden gewesen

Die Schweizerischen Rheinhäfen (SRH) bestätigen diese Aussagen der beiden Experten zu dem Notsystem, das die Steuerbarkeit des Schiffs beim Ausfall des Hauptsystems aufrechterhalten kann. «Diese Feststellung ist richtig», sagt SRH-Sprecher Simon Oberbeck. Die Systeme seien vorgeschrieben und vorhanden. Dass beide Systeme den Dienst versagt haben, könnte gemäss Oberbeck ein Hinweis darauf sein, dass in der Mechanik für die Steuerung etwas ausgefallen sei. «Diesbezüglich hat die Polizei eine Untersuchung eingeleitet», sagt Oberbeck. Zuständig für dieses Schiffsunglück ist die Verkehrspolizei Basel-Stadt.

Wie das Justiz- und Sicherheitsdepartement schreibt, seien Lotse, Kapitän und das Besatzungsmitglied negativ auf Alkohol getestet worden. Ob und wie gross der Crash die Pfeiler der Mittleren Brücke und der Johanniterbrücke in Mitleidenschaft gezogen hat, sei Gegenstand aktueller Abklärungen. Die Kantonspolizei sperrte nach dem Unfall den Rhein streckenweise für Schwimmer. Verletzte seien aktuell keine bekannt.

Das Schiff konnte nach dem Unglück mit Hilfe des Bugstrahlruders und dem Feuerlöschboot nach der Dreirosenbrücke vertäut werden.

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