Apotheken werden zu Arztpraxen

Das Basler Gesundheitsdepartement treibt die Patienten zum Apotheker und schürt damit den Unmut unter den Hausärzten.

Mit Argwohn registrieren Hausärzte, dass sich Apotheken auf ihrem Terrain breitmachen.

Mit Argwohn registrieren Hausärzte, dass sich Apotheken auf ihrem Terrain breitmachen.

(Bild: Keystone)

Daniel Wahl

Das Mass war voll, als Hausärzte in einer Broschüre des Basler Gesundheitsdepartements lesen mussten: «Bei unkomplizierten Erkrankungen wie Augen- oder Blasenentzündungen sind die netCare-Angebote der Apotheken hilfreich.» Die staatliche Empfehlung an die erkrankte Bevölkerung folgt auf Fuss: Die Erstberatung sei in Apotheken vorzunehmen, wobei je nach Ergebnis gleich die erforderliche Medikation vorgenommen werden könne. Hausärzte bleiben aussen vor.

Jetzt hat die Medizinische Gesellschaft (MedGes) beim Vorsteher des Gesundheitsdepartements, Lukas Engelberger, Protest eingelegt. Der Grundtenor: Die unter Druck stehenden Hausärzte würden umgangen.

Es entspricht in der Tat einem Trend, der nun vom Gesundheitsdepartement offenbar gefördert wird: Apotheken funktionieren ihre Geschäfte zu Arztpraxen um. Der Apotheker holt bei Bedarf sogar zusammen mit dem Kunden den ärztlichen Rat direkt per Bildschirm an die Theke; er diagnostiziert, behandelt, berät und verschreibt – alles ohne die medizinisch-universitäre Ausbildung eines Arztes.

Mit Argwohn registrieren Hausärzte, dass sich das Apothekerfräulein auf ihrem Terrain breitmacht. In Basel bieten beispielsweise die Coop-Amavita-Apotheken Ohrenchecks an. In anderen Apotheken-Ketten werden Cholesterinspiegel getestet und Herzrhythmusstörungen diagnostiziert. Zunehmend wird auch in den Apotheken geimpft.

Das führt zu Schluckauf bei den Allgemeinmedizinern. Vor allem darum, weil es den Hausärzten in Basel verboten ist, in ihren Praxen Medikamente an die Patienten direkt abzugeben. Ein Doktor FMH, er möchte anonym bleiben, macht seinem Ärger Luft: «Wenn die Apotheker den Ärzten den Verkauf von Medikamenten nicht gönnen, dann sollten sich die Apotheker im Gegenzug gefälligst aus der Beratung und Behandlung von Patienten heraushalten. Oder aber es herrscht freier Markt, wo jeder in seiner Kompetenz behandelt und Medikamente abgibt. Ansonsten herrscht meines Erachtens Ungerechtigkeit.»

«Hausarztförderung torpediert»

Inzwischen hat sich auch die Medizinische Gesellschaft eingeschaltet. In einem deutlichen Brief an den Vorsteher des Gesundheitsdepartements, Lukas Engelberger, trägt MedGes-Präsident und FDP-Grossrat Felix W. Eymann den Unmut vor: «Wieder einmal mehr wird die von Euch so gepriesene Förderung der Hausarztmedizin nicht wahrgenommen. Im Gegenteil wird sie von hinten durch Aufruf zum Gang in die Apotheke torpediert. Zudem empfinden wir es als Affront, dass wir nicht in eine Vernehmlassung zu diesem Brief an die Bevölkerung mit Hinweis auch auf unsere bewährte Medizinische Notrufzentrale eingebunden worden sind.»

Eine Blasenentzündung als unkomplizierte Erkrankung zu taxieren, wie es das Gesundheitsdepartement in seiner Broschüre tut, bezeichnet Eymann als Beleidigung gegenüber den Ärzten und als Fahrlässigkeit gegenüber den Patienten. «Blasenentzündungen können mitunter komplizierte Fälle sein; Ohrenchecks üben wir Mediziner in Praktika, während nun nicht routiniertes Apotheker-Personal solche Test an Kunden vornehmen darf.»

Lukas Engelberger verweist auf das neue Heilmittelgesetz, das vom Bundesparlament verabschiedet worden ist und den Apothekern mehr Freiraum gibt: «Es hat eine Logik, wenn einfache Krankheitsfälle in den Apotheken abgeklärt werden können», sagt Engelberger. «Damit entlasten wir die Hausärzte.» Der Departementsvorsteher verweist in diesem Zusammenhang auf den drohenden Hausärztemangel – ein Indiz dafür, dass der Hausarzt weiterhin sehr gefragt sei. Es sei darüber hinaus auch nicht so, dass das Gesundheitsdepartement vom Besuch beim Hausarzt abrate. «Im Gegenteil: Wir unterstützen die Hausarztmedizin und empfehlen auch die Hausarztmodelle der Krankenkassen.»

Auf die Frage, ob die Bestimmung der Medikamentenabgabe durch Ärzte, die sogenannte Selbstdispensation, aufgrund der Entwicklung in den Apotheken in Basel nicht gelockert werden könne, sagt Engelberger: «Das steht nicht zur Diskussion.» Im Gegensatz zur Situation auf dem Land habe Basel-Stadt ein dichtes Apothekennetz. Dem Patienten könne zugemutet werden, das Medikament beim Apotheker zu kaufen. Und man lässt durchblicken, dass es ein Systemfehler sei, wenn der Arzt an den Medikamenten verdient, die er selber verschrieben hat.

Medikamentenabgabe durch Arzt

Umgekehrt aber verweisen die Hausärzte auf eine Studie im Auftrag des Bundesamtes für Gesundheit: Dort kommt «Polynomics» im Februar 2014 zum Schluss, dass «Selbstdispensations-Patienten» niedrigere Medikamentenausgaben hätten und die Medikamentenabgabe durch Ärzte «statistisch nicht signifikant» auf die Kosten im Gesundheitswesen durchschlagen. Mit anderen Worten: Die Diskussion um die Selbstdispensation sollte man in Basel wieder entfachen.

Aber dennoch: Der Burgfrieden, den MedGes mit den Apothekern in Basel geschlossen hat, möchte Felix W. Eymann vorderhand nicht unnötig stören: «Wir haben mit dem Apothekerverband ein gutes Einvernehmen, unsere Anliegen stossen bei den Vertretern auf Verständnis.» Das Problem seien vielmehr die neuen Apotheken-Ketten, die ihre eigene Branche unter Druck setzten. Dieser Druck würde nun an die Hausärzte weitergereicht.

Vergeblich erwartet Eymann von Engelberger mehr Unterstützung für die Hausärzte. In einem weiteren Mail an den Gesundheitsminister moniert er, dass dessen Departement im neuen Büchlein «Patientenrechte» «einmal mehr die Basler Ärzteschaft nicht in irgendeiner Form eingebunden oder erwähnt hat». In Zusammenhang mit Patientenrechten unterschlägt die Behörde, dass die Mediziner eine Patientenanlaufstelle für sexuelle Übergriffe führen, einen Ombudsmann für sämtliche Streitfälle finanzieren und einen Ehrenrat haben, der die strikte Einhaltung der ethischen Regeln überwacht. «Wir bedauern diese Alleingänge», schreibt Eymann enttäuscht an die Adresse des Gesundheitsdepartements.

Basler Zeitung

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