Andreas Meyer hat Basel (fast) nichts gebracht

Eine Punkt-für-Punkt-Bilanz gegen Ende der Amtszeit des SBB-Chefs aus Birsfelden.

April 2017 auf der Pfalz: Andreas Meyer (links) im Gespräch mit Basels Baudirektor Hans-Peter Wessels. Foto: Kostas Maros

April 2017 auf der Pfalz: Andreas Meyer (links) im Gespräch mit Basels Baudirektor Hans-Peter Wessels. Foto: Kostas Maros

Am 1. April übernimmt Vincent Ducrot an der Spitze der SBB. Andreas Meyer tritt ab, ist jetzt im Grunde schon eine «lame duck». Bis der nächste SBB-Chef aus der Region Basel kommen wird, werden vermutlich 193 Jahre vergehen. So wie es ja auch sehr, sehr selten vorkommt, dass eine oder einer der Hiesigen Bundesrat beziehungsweise Bundesrätin wird.

Allerhöchste Zeit also, Bilanz zu ziehen. Bilanz nach 13 Jahren, während deren der Birsfelder Meyer als sogenannter CEO die Geschicke der Schweizerischen Bundesbahnen leitete. Was hat das für die Nordwestschweiz bedeutet? Haben Basel-Stadt und Baselland von einem Strippen­zieher aus der Region in solch mächtiger Position profitiert? Eine kleine Analyse Punkt für Punkt – oder Baustelle für Baustelle, comme vous voulez!

Ein dritter Juradurchstich?

Als Meyer sein Amt per 1. Januar 2007 antrat, geisterte noch die Idee eines dritten Juradurchstichs herum. Der Wisenbergtunnel hätte zu einem Ausbau der Kapazitäten auf der Nord-Süd-Achse führen sollen, speziell für den Güterverkehr auf Schienen. Davon redet heute fast niemand mehr. Andreas Meyer präsentierte stattdessen 2010 die Idee, die Bözbergroute auszubauen. Dort sind derzeit die letzten Ausbauarbeiten beim zweiten Tunnel im Gang. Eine pragmatische, eine praktische Lösung. 1 Pluspunkt.

Ein Projekt von ähnlicher Dimension ist das Herzstück in Basel. Also der massive Ausbau des S-Bahn-Angebots inklusive einer Untertunnelung der Innenstadt und einer Rheinquerung tief im Boden drin. Die Eckpunkte des Projekts waren immer der Bahnhof SBB und der Badische Bahnhof. Die grosse Frage: Wie verbindet man die beiden in idealer Weise?

Die Planer des Basler Baudepartements lieferten immer wieder neue Varianten. Die ­Diskussionen mit den SBB entstanden unter anderem deshalb, weil unklar blieb, ob dieses Herzstück auch von den Zügen des internationalen Verkehrs befahren werden soll oder nicht. Die Anforderungen an maximale Steigungen und minimale Kurvenradien ändern eben, je nachdem ob man S-Bahn-Züge oder ICE fahren lassen will.

Andreas Meyer hat sich stets vage zum Herzstück geäussert. Ich hatte stets den Eindruck, er spiele auf Zeit, stehe jedenfalls nicht voll dahinter. Angesichts der Tatsache, dass die Planer in der Region tatsächlich immer wieder Varianten vorlegten, statt sich endlich einmal festzulegen, war das clever. Vor allem scheint Meyer immer auch mit der Deutschen Bahn im Gespräch geblieben zu sein.

Andreas Meyer hat sich stets vage zum Basler S-Bahnprojekt «Herzstück» geäussert.

Und von dieser Seite zeichnet sich ab, dass sie wiederum andere Ideen für die Anbindung des Badischen Bahnhofs an den internationalen Verkehr hat als die Schweizer. Ein totales Wirrwarr, obwohl das Herzstück unlängst in die Liste der Bauprojekte des Bundes aufgenommen wurde. Vielleicht wird es auch in diesem Fall am Schluss eine günstigere, bessere Lösung geben. 1 Pluspunkt.

Bleiben wir beim grenzüberschreitenden Verkehr im Dreiland. Wie die BaZ diese Woche mit der Berichterstattung über den Bahnhof St. Johann aufgezeigt hat, ist der Austausch mit Frankreich ein Trauerspiel. Keine durchgehenden S-Bahn-Züge nach Mülhausen mehr, kein Halt beim St. Johann – auf Jahre hinaus nicht.

Bahnanschluss an den Euro-Airport

Der Bahnanschluss an den Euro-Airport soll zwar kommen, aber mit grosser zeitlicher Verzögerung. Hat Meyer als SBB-Chef mit direkten Verbindungen zu den Bahnchefs der Nachbarländer alles gemacht, was menschenmöglich war? Sieht nicht so aus. 1 Minuspunkt.

Hat Meyer dafür gesorgt, dass die Nordwestschweiz besser ans Netz jenseits des Juras angebunden wurde? Nein. Die Nord-Süd-Verbindungen ab Basel in Richtung Gotthard und Italien sind noch ein Schatten ihrer selbst. Kein Vergleich mit der Bedeutung dieser Route in früheren Zeiten. Und die Linie in Richtung Laufen und Biel ist immer noch einspurig, fristet ein Mauerblümchendasein. 2 Minuspunkte.

Die Nord-Süd-Verbindungen ab Basel in Richtung Gotthard und Italien sind noch ein Schatten ihrer selbst.

Profitierte die Bahninfrastruktur in den beiden Basler Halbkantonen von Meyer? In Liestal ja. Die Umgestaltung ist im vollen Gang. Daumen rauf! 1 Pluspunkt

Schauen wir in die Stadt. Der Bahnhof SBB war mal für gefühlte zwei Wochen hübsch und richtig ansehnlich. Die grossen Wandgemälde waren frisch renoviert, die Halle endlich leer geräumt und mit einem gewissen Flair. Tempi passati. Mit dem Beginn der Restauration des Westflügels des Bahnhofs breitete sich die Migros in der Halle aus. Kommerz war wichtiger als alles andere. Ein Desaster.

Zudem: Von der zweiten Passerelle, die auch schon mal gross angekündigt wurde, um den Menschenfluss zu optimieren, sieht man immer noch nichts. Stattdessen Gedränge, Geschupfe, Gemenge, Tag für Tag. 1 Minuspunkt.

Smart City

Fassen wir ein wenig weiter. Wie siehts mit der Arealentwicklung aus? Lysbüchel ist aufgegleist, beim Wolf bestehen hochtrabende Pläne – Stichwort Smart City. Statt des bestehenden Rangierareals soll ein hoch­moderner Stadtteil entstehen. Andreas Meyer, der sich während seiner Amtszeit immer mehr mit futuristischen Ideen zu beschäftigen begann, mit Digitalisierung, Prozessoptimierung und ferngesteuerten Fahrzeugen, schwebt ein futuristischer Wolf vor, der so gar nichts mehr mit dem von heute zu tun hat. Viel heisse Luft oder tolle Vision? Wir lassen es offen.

Schliesslich der Hafen. Oder wie es so schön heisst: Gateway Basel-Nord. Das trimodale Umschlagterminal an der Schnittstelle von Eisenbahn, Autobahn und Rhein an der Grenze zu Weil am Rhein. Alles schien auf gutem Weg, vor allem da es Andreas Meyer gelungen war, auch Doris Leuthard, damals noch Verkehrsministerin, ins Boot zu holen. Bedenken der Naturfreunde wegen seltener Pflanzen? Hätte man irgendwie lösen können. Bis Mitte Oktober das Bundesverwaltungs­gericht entschied, dass aus wett­bewerbsrechtlichen Gründen nicht vorwärtsgemacht werden kann.

Die Baselbieter Firma Swissterminal wurde offenbar in unzulässiger Weise übergangen. Die Bundesgelder sind momentan blockiert. Das Ganze liegt auf Eis. Meyer und Konsorten hatten falsch taktiert. 1 Minuspunkt.

Die Bilanz: 3 Plus- und 5 Minuspunkte. Die Region hat von SBB-Chef Andreas Meyer viel zu wenig profitiert. Er fokussierte in seinen 13 Jahren voll auf die Ost-West-Achse im Mittelland, konnte die Fertigstellung des Gotthard-Basistunnels feiern, aber setzte sich hier, bei uns, in der Nordwestschweiz kein Denkmal.

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