«Amokartiges Verhalten eines sozialen Verlierers»

Hätte der Doppelmord in der Basler Breite verhindert werden können? Ein Experte nimmt zu dieser brisanten Frage Stellung und wagt einen Blick auf die psychischen Hintergründe des Täters.

Doppelmord im Breite-Quartier im Jahr 2014. Einen potenziell gefährlichen Täter kann man erst einsperren, wenn es bereits zu spät ist.

Doppelmord im Breite-Quartier im Jahr 2014. Einen potenziell gefährlichen Täter kann man erst einsperren, wenn es bereits zu spät ist.

(Bild: Keystone)

BaZ: Herr Knecht, hätte der Doppelmord im Basler Breite-Quartier vom Gesundheitswesen verhindert werden können?
Thomas Knecht: Wenn die Konsequenzen bereits bekannt gewesen wären, hätte man eingegriffen. Das ist klar. Dann wäre der Mann in eine Fürsorgerische Unterbringung (FU) gekommen. Er hätte seine Medikamente gegen die Psychose stets eingenommen und keinen Zugang zu ­Drogen gehabt. Das hätte das Risiko ­massiv verringert.

Wie konnte es denn zu dieser folgenschweren Fehleinschätzung kommen?
Schizophrene haben zwar die Tendenz, die Schuld auf andere zu schieben. Meist sind das allerdings die nächsten Angehörigen. Gegen sie und gegen sich selber richtet sich ihr aggressives Gebaren, das oftmals im Suizid endet. Amokartiges Verhalten gegen Dritte ist bei diesen Patienten selten. In der Schweiz gab es einen solchen Fall. Solange nahe Familienangehörige angeben, die Situation meistern zu können, ist eine Zwangseinweisung bei Schizophrenie selten.

Aber sie wäre möglich gewesen?
Ja. Dann wäre der Mann für maximal sechs Wochen in eine FU gekommen, bevor die Kesb basierend auf psychiatrischen Gutachten entschieden hätte, ob diese Massnahme verlängert werden soll. Damit man jemanden langfristig unterbringen kann, muss eine Straftat oder doch ein sehr klares Indiz vorliegen. Man kann keinen (noch) Unschuldigen einsperren.

Welche Kriterien müssen für eine Zwangseinweisung erfüllt sein?
Der (Notfall-)Psychiater kann einen Patienten einweisen, wenn schwere Verwahrlosung oder eine psychische Störung vorliegt, welcher er und sein Umfeld scheinbar hilflos gegenüberstehen. Unmittelbare Tötungsbereitschaft gegenüber sich oder anderen muss dagegen keine vorliegen.

Welche Sicherheit kann ein psychiatrisches Gutachten überhaupt bieten?
Gerade wenn es sich um ein einmaliges Ereignis handelt, ist das sehr schwer. Man kann nicht vorhersagen, ob jemand straffällig wird.

Die Staatsanwaltschaft beantragt aber eine stationäre psychiatrische Behandlung. Das heisst: Sollte der Mann sich bessern, kommt er basierend auf solchen unsicheren Gutachten wieder frei.
Mit Bluttests kann in diesem Fall kontrolliert werden, ob der Betroffene seine Medikamente korrekt einnimmt und kein Drogenkonsum vorliegt. Das wären in diesem Fall wichtige Indizien. Das passiert aber erst, wenn er alle Stufen seiner Behandlung erfolgreich durchlaufen hat und sich kooperativ und zuverlässig zeigt. Bisher war das ja nicht gerade der Fall.

Hat der hohe Marihuana-Konsum des Angeklagten die Situation verschärft?
Das kann ich überwiegend mit «Ja» beantworten. Während dem Kiffen normalerweise eine aggressionsdämpfende und beruhigende Wirkung zugeschrieben wird, wirkt es bei Leuten mit Risikoveranlagungen wie als Auslöser für Wahn und Angst.

Der Angeklagte sprach von Stimmen. Haben diese ihn zur Tat getrieben?
Stimmen zu hören, gehört zwar bei 70 Prozent aller an Schizophrenie Erkrankten zu den Symptomen. Dass sie die Morde «befohlen» haben, halte ich für unwahrscheinlich.

Warum?
Man hört das sehr oft – in Filmen zum Beispiel. Betrachtet man die Gesamtsituation, waren da andere psychologische Triebkräfte am Werk.

Was mag den Mann also sonst zum Doppelmord getrieben haben?
Hier kommt das amokartige Verhalten eines sozialen Verlierers mit psychischen Defiziten aufgrund der frühen Trennung der Eltern und des akuten Realitätsverlustes einer Psychose zusammen – möglicherweise ausgelöst durch Absetzen der Medikamente und gleichzeitigen Konsum von Drogen. Ein «normaler» Amokläufer hätte sich eher selber umgebracht, als sich nach der Tat wie ein Kind vor der Polizei unter dem Bett zu verstecken.

Basler Zeitung

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