Als der Westen die Russen fürchtete

Mit dem unterirdischen Spital unter dem Unispital verschwindet ein Relikt des Kalten Krieges aus Basel. Es wurde nie gebraucht – zum Glück.

  • loading indicator
Serkan Abrecht

Richard Birrer presst einen Fuss an die Wand, um mit beiden Händen eine schwere graue Panzertür aufzu­ziehen. Der Leiter Infrastruktur am Universitätsspital drückt auf einen Schalter, und ein lautes Brausen hallt durch den Raum. «Ups, das war die Lüftung.» Birrer drückt einen weiteren Schalter. Flackernd springen die Neonröhren an der Decke an. «Hier sind die zwei Notstromaggregate. Für 20 Tage können sie unabhängig vom öffentlichen Netz den Spitalhaushalt aufrechterhalten.» Die gigantischen Dieselgeneratoren von Brown Boveri, 20 Meter unter dem Unispital, erinnern an Schiffsturbinen.

5400 Liter Diesel schlucken sie pro Tag. 110'000 Liter können unterirdisch aufbewahrt werden. Momentan stehen sie dem Unispital als Notfallgeneratoren zur Verfügung. «Doch wir arbeiten an einem Projekt, um sie zu ersetzen», sagt Birrer. Die meisten Einrichtungen und Gerätschaften hier im fünften Untergeschoss des City Parking neigen sich dem Ende ihrer Lebenszeit zu – ohne jemals benutzt worden zu sein. Geschützte Operationsstelle (Gops), werden diese unterirdischen Spitäler genannt. Per Bundesbeschluss von 1963 wurden alle Schweizer Spitäler verpflichtet, solche unterirdischen Spitäler zu errichten.

1971 stimmte der Grosse Rat dem Bau zu und zehn Jahre später wurde die Gops fertiggestellt. Bereit, um in Dienst genommen zu werden. Bereit für die nukleare Apokalypse. Heute, 35 Jahre später, muss die Gops Parkplätzen weichen. 864 Patienten konnte das Spital beherbergen. Die darüber liegende Zivilschutzanlage bietet für knapp 3000 Liegestellen Platz, wovon die Hälfte bei einem Betrieb vom Spitalpersonal belegt worden wäre.

Fondue-Stübli unter Stahlbeton

Im Vorbereitungsraum, wo im Ernstfall bei den Patienten die Narkose eingeleitet worden wäre, sieht es nach Abbruch aus. Der Raum ist leer, abge­sehen von fast 100 Schachteln Verbandsmaterial aus vergangenen Jahrzehnten. Die niedrige Decke und die Wände sind in einem dunklen Beige gestrichen, der Boden ist aus Gussbeton. Links und rechts liegen zwei Operationssäle. Im Ernstfall hätten die Ärzte dort rund um die Uhr je drei Patienten betreuen können. Die OP-Säle unterscheiden sich farblich kaum vom Rest der Anlage. Nur der Boden ist gefliest. Verloren steht ein Operationstisch in der Mitte des Saals, daneben einige Instrumente und zwei OP-Leuchten. Alles noch intakt und ungebraucht.

Angrenzend an den Vorbereitungsraum gibt es einen Röntgensaal mit Dunkelkammer und einen Raum, um gebrochene Arme oder Beine zu gipsen. Dazu kommt eine Apotheke, deren Personal verpflichtet gewesen wäre, bei Katastrophen oder Kriegszeiten die notwendigen Medikamente bereitzuhalten, um den Betrieb des unterirdischen Spitals bei voller Belegung knapp drei Wochen am Stück bei totaler Abschottung sicherzustellen.

Für den Spitalbetrieb erforderlich sind zudem ein komplett ausgestattetes Labor, Sterilisationsräumlichkeiten und eine Notaufnahme, in der Militärmedizin auch Triage genannt. Auch ein ­Reanimationssaal war vorhanden, um die Patienten unter ständiger Aufsicht zu betreuen. Der Speisesaal mit seinen hölzernen Wänden, dem Lineoleum-Buffetmobiliar und den mit Vorhängen verzierten Fenstern wirkt wie ein Fondue-Stübli. Durch die Fenster dringt kein Tageslicht. Nur eine Betonwand mit einem Anlagenplan steht vor den Glasscheiben.

Immer auf neustem Stand

Die Anlage von 145 Metern Breite und 51 Metern Länge wirkt gespenstisch verlassen. Wie ein ausverkaufter Flohmarkt. «Die meisten Instrumente haben wir an gemeinnützige Institutionen gespendet», sagt Birrer. Gebrauchsmaterial wie Bettpfannen, Verbandspackungen und die kratzigen braunen Armeedecken wurden bei internen Führungen den Spitalangestellten zum Verkauf angeboten. Nur die Liegestation sieht aus wie brandneu.

Säuberlich aufgereiht stehen die Hochbetten betriebsbereit nebeneinander. Die Militärdecken sind eingeschweisst, die Matratzen wie frisch aus der Fabrik. «Zu Friedenszeiten hatte die Gops den Auftrag, im Falle eines Grossandrangs kurzfristig 170 nicht vital gefährdete Patienten aufzunehmen», sagt Birrer. Deshalb wurden die Liegestationen immer auf dem neusten Stand gehalten und die gesamte Anlage monatlich gewartet. Ebenfalls intakt ist das Lüftungssystem, das Frischluft durch die Bunkeranlage pumpt. Zischend verteilt sie sich über kleine Röhren in die verschiedenen Räume. Um das Eindringen chemischer Kampfstoffe und radioaktiven Ausfalls in den Gops zu verhindern, wäre die Luft durch Aktivkohle gefiltert worden.

Doch der Kalte Krieg ist vorbei, die Gops, deren Bau vor drei Jahrzehnten 18 Millionen Franken gekostet hat, scheint obsolet geworden zu sein. Die Bedrohungslage hat sich geändert. Bis Ende Oktober soll die Gops geräumt werden. Ab 2017 sollen hier Autos parkiert werden können.

Mehr Bunker in Basel

Birrer scheint nicht enttäuscht über das Verschwinden des Gops zu sein. «Es war natürlich immer ein grosser Unterhaltsaufwand nötig, um die gesamte Anlage in Stand zu halten. Das hat Geld und Zeit gekostet.» Die grosse Schutzanlage wurde nie für ihren eigentlichen Zweck genutzt. Auch während der Militärübung Conex nutzen die Soldaten die Gops nur als Verpflegungsraum und Materialdepot. Die Zivilschutzverordnung von 2012 schreibt den Kantonen vor, für mindestens 0,6 Prozent der Wohnbevölkerung Patientenplätze und Behandlungsmöglichkeiten in geschützten Spitälern zur Verfügung zu stellen. Mit dem Wegfall der Gops unter dem Unispital ist dies nicht mehr gewährleistet. Rechnet man mit 200'000 Einwohnern, müssten mindestens 1200 Patientenplätze zur Verfügung stehen. Das Claraspital verfügt zwar ebenfalls über eine Gops, bietet jedoch nur Platz für 240 Patienten. Doch der Bundesrat hat bereits eine Revision des Gesetzes beantragt, das wahrscheinlich 2018 in Kraft tritt. Darin soll der Mindestprozentsatz neu festgesetzt werden.

Die Gops unter dem Unispital wird jedoch nicht abgebrochen, sondern zwischengenutzt. Ein kompletter Abbruch wäre nicht erlaubt. Gemäss Konzept des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz muss die Parkanlage im Falle eines Krieges innert nützlicher Frist wieder in ihren Ausgangszustand versetzt werden können. Anders sieht es mit den Basler Zivilschutzanlagen aus. Das Bevölkerungs- und Zivilschutzgesetz schreibt vor, dass für jede Anwohnerin und jeden Anwohner ein Schutzplatz bereitzustellen ist. Der Kanton Basel-Stadt erfüllt diese Richtlinie momentan nicht. «Zurzeit stehen in Basel zirka 80 Prozent der ständigen Wohnbevölkerung Schutzräume zur Verfügung. Deshalb wird der Bestand stetig ausgebaut», sagt Polizeisprecher Martin Schütz.

Nach dem Rundgang führt uns Richard Birrer zum Lift, der direkt an die Erdoberfläche und in den Garten des Unispitals fährt. Die Bauarbeiter machen sich nach kurzer Pause im Garten wieder an die Arbeit. Machen sich an die Demontage einer gigantischen Risikoversicherung, die in der Hoffnung gebaut wurde, dass sie nie gebraucht wird. Und das wurde sie auch nicht.

Basler Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt