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Alles begann in der Rheingasse

Schon bei der grossen Schlägerei in den 50er Jahren wurde nicht der Polizei, sondern dem Radaubruder geholfen.

In der Rheingasse kamen schon vor 70 Jahren immer wieder mal Krawalle vor.
In der Rheingasse kamen schon vor 70 Jahren immer wieder mal Krawalle vor.
Dominik Plüss

Vor zwei Wochen war an dieser Stelle von einer grossen Schlägerei in der Rheingasse die Rede. In den 50er-Jahren soll es gewesen sein. Nur, damals in den 80ern, als ich immer wieder davon hörte, war niemand wirklich dabei gewesen; alle kannten diese legendäre Schlägerei nur vom Hörensagen. Als ich der Sache nachging, stiess ich auf einen Artikel des früheren Staatsschreibers Robert Heuss, und in diesem Artikel wurde vom Greifengasse-Krawall erzählt – in der Nacht vom 16. auf den 17. Januar 1954. Die Geschichte stimmte also, nur war der Ort des Geschehens nicht die Rheingasse, sondern die Greifengasse, die Basler Reeperbahn.

Jetzt aber haben sich Zeitzeugen gemeldet, mit grossen Erinnerungen oder auch nur mit Erinnerungsfetzen. So Peter Wirz, ein Urkleinbasler, der die grosse Schlägerei miterlebt hat, noch keine zehn Jahre alt, an der Hand seines Vaters. Er erinnert sich, dass der Greifengasse-Krawall an der Rheingasse begonnen hat, ganz oben, fast schon beim Waisenhaus. Die Polizei wollte einen Betrunkenen ins Auto verfrachten und auf den Posten bringen. Ein stadtbekannter Radaubruder, erinnert sich ein anderer Zeitzeuge. «Ich glaube, er hatte einen französisch klingenden Namen, bin mir aber nicht mehr ganz sicher.»

Das muss die Polizisten empfindlich in ihrem Stolz gekränkt haben.

Egal. Schräg gegenüber beobachteten Gäste in der Linde, wie die Polizei den Betrunkenen ins Autos schieben wollte, rannten aus der Beiz und wollten helfen – nicht der Polizei, wohlverstanden. Es kam zum Handgemenge, einer der «Schugger» soll im Brunnen gelandet sein. Der Radaubruder, gerissen wie er war, nutzte die Gelegenheit, haute ab und ward nicht mehr gesehen.

Das muss die Polizisten empfindlich in ihrem Stolz gekränkt haben. Sie machten sich auf den Weg, rheingasseabwärts, und stürmten in jede Beiz und hielten Ausschau nach ihrem «Klienten». Wie ein Lauffeuer muss sich die Geschichte von der Rangelei vor der «Linde» im Unteren Kleinbasel verbreitet haben. Jedenfalls wurden die Polizisten in keiner Beiz sehr freundlich empfangen. Es wurde gejohlt, gepöbelt, gehauen – ein richtiges Volksfest bahnte sich da an.

Das war erst der Anfang

Die Polizisten liessen sich nicht beirren, zogen weiter von Beiz zu Beiz; es waren einige damals (Linde, Pensiönli …), bogen in die Greifengasse ein und fanden den Übeltäter schliesslich im Odeon. Hazy Osterwald soll an diesem Abend im Odeon gespielt haben, glaubt sich ein anderer Zeit­zeuge zu erinnern, und «Röbeli», der spätere Türsteher im Gifthüttli, soll auch dabei gewesen sein. Item. Die Polizei packte den Radaubruder erneut, bugsierte ihn nach draussen und versuchte, ihn ins Polizeiauto zu verfrachten. Da ging er dann so richtig los, der Greifengasse-Krawall. Was sich zuvor in der Rheingasse abgespielt hatte, war nur ein Vorspiel gewesen, zu einem Krawall, der erst in den frühen Morgenstunden mit einer Hundertschaft an Polizisten, mit Knüppeln bewehrt, beendet wurde.

«Polizei und Öffentlichkeit blieben nach diesem ungewohnten und überraschenden Gewaltausbruch und Ungehorsam ratlos, insbesondere darüber, warum so viele Leute sich der Polizei widersetzt und Radaubrüdern Unterstützung geboten hatten», wunderte sich Robert Heuss später. Peter Wirz bestätigt, dass sich ganz normale Bürger in den Händel gemischt hatten, auch sein Vater: «Mit der linken Hand hielt er mich fest, mit der rechten prügelte er auf Polizisten.»

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