Zwei Diven für das Basler Rathaus

Zum 500-Jahr-Jubiläum des Basler Rathauses gönnt die Stadt sich vier Tonnen Kunst. Am Dienstag wurde mit der Enthüllung der beiden Bronze-Skulpturen von Thomas Schütte das Jubiläumsjahr eröffnet.

Schöne Aussicht für die Basler Regierung: Die Skulpturen des deutschen Künstlers Thomas Schütte stehen im Hof des Rathauses. Zusammengebunden sind die Figuren laut Künstler, «weil das besser aussieht».

Schöne Aussicht für die Basler Regierung: Die Skulpturen des deutschen Künstlers Thomas Schütte stehen im Hof des Rathauses. Zusammengebunden sind die Figuren laut Künstler, «weil das besser aussieht».

(Bild: Nicole Pont © Pro Litteris)

Fast wäre Basel zwischen den Fronten zerrieben worden, als im Jahre 1499 zwischen dem Schwäbischen Bund, dem mächtigen Habsburg und der Alten Eidgenossenschaft der Schwabenkrieg losbrach. Die Eidgenossen trugen den Sieg davon und 1501 beschloss die Stadt Basel, sich als elfter Ort den Siegern anzuschliessen. Schutz vor ­Österreich-Habsburg und der gierigen Hand des Bischofs versprachen sich die einen, wirtschaftliche Vorteile die andern. Da man nun also Eidgenosse war, sollte zur Unterstreichung der neuen Zugehörigkeit ein besonderer Bau her.

Am Rande des Marktplatzes, flammend rot und imposant, thront seit 1514 das Basler Rathaus. «Das Geld für diesen Bau war nur dank dem Beitritt vorhanden», erklärt Guy Morin in seiner Rede anlässlich der Eröffnung des Jubiläumsjahres zum 500. Geburtstag des Rathauses und hängt die Frage an: «Waren die Basler stolz auf ihre eidgenössischen Bande und bauten darum ihr Rathaus, oder wollten sie Geld für ein Rathaus und traten darum dem Bund bei?» Selbstverständlich, schliesst Morin diplomatisch, war es ein bisschen von beidem. Wichtig sei, dass die Politiker bereits im 16. Jahrhundert ihre unterschiedlichen Beweggründe, Ideen und Ziele zu einer gemeinsamen Kraft haben vereinen können.

Optisch und symbolisch passend

Die Vereinigung von Kräften, die nicht immer gleiche Stossrichtungen verfolgen, symbolisieren auch die beiden Skulpturen «United Enemies» des Künstlers Thomas Schütte. Noch im vergangenen Februar standen die Skulpturen in der Fondation Beyeler, wo der Regierungsrat sie bei einem Besuch entdeckte und kurz entschlossen in den Hof des Rathauses beorderte. Man sei dabei einem «Bauchgefühl» gefolgt, sagt Morin, weil die Figuren optisch und symbolisch wunderbar in den Hof des Rathauses passen, treffen doch hier verschiedenste Meinungen aufeinander, die für das Gemeinwohl einen gemeinsamen Weg finden müssen.

«Thomas Schütte war einverstanden – das ist nicht selbstverständlich», erklärt Kuratorin Theodora Vischer mit Nachdruck. Sie hat den Kontakt zum Künstler hergestellt und damit die Leihgabe der Skulpturen möglich gemacht. Schütte, der Anfragen nach seiner Kunst gern ablehnt, habe vor allem darum zugesagt, weil die Anfrage nicht von einem Museum, sondern von einer Stadt gekommen sei.

Von Rom über New York ans Rheinknie

Entstanden sind die je zwei Tonnen schweren Bronzefiguren in ihrer Urform bereits 1992. Damals lebte Schütte in Rom, war fasziniert von den vielen Gesichtern und begann, sie mit Knete nachzubilden. Gesichter, das ging. Körper dagegen nicht. So steckte Schütte seine Knetköpfe auf jeweils drei Stäbchen, umwickelte diese mit den Fetzen seines letzten Hemdes. Als er Jahre später die Gelegenheit erhielt, die Knete zu Bronze werden zu lassen, griff er zu. «Diven» seien Schüttes Figuren, die bereits vor einem Palast in Rom und am Eingang des New Yorker Central Parks standen, bevor sie ihren Weg vor die Fenster der Basler Regierung fanden. Hier lassen sie uns nun über die Gegenwart sinnieren und erinnern gleichzeitig symbolgeladen an Basels Vergangenheit. Sie war ereignisreich.

Das Rathaus stand da, als 1529 die Reformation ausgerufen wurde und Basel zu einer Hochburg des neuen protestantischen Glaubens wurde. Im Zuge der Französischen Revolution wurde 1790 innerhalb der Rathausmauern heftig diskutiert. Schliesslich beschloss der Grosse Rat, die Leibeigenschaft in der Landschaft aufzuheben. Anfang der 1830er-Jahre brach in den roten Mauern des Rathauses ein schon lange schwelender Konflikt los: Das Ungleichgewicht zwischen Stadt und Land. Dass die Stadt über unverhältnismässig viele Sitze im Grossen Rat verfügte, war dabei die Spitze des Eisbergs. Die Landschaft hatte genug. Am 26. August 1833 wurde die gewaltsame Trennung des Kantons Basel vollzogen. Als zehn Jahre später der erste Zug von St-Louis nach Basel fuhr, breitete sich im Rathaus wieder Stolz aus, war dies doch die erste Bahnlinie auf eidgenössischem Boden.

Auch die Gegenwart hat Grund, stolz zu sein. Im August wird der 500. Geburtstag des Rathauses als grosses Volksfest gefeiert. Aktiv mit dabei: Soulsängerin Nicole Bernegger, diesjährige Gewinnerin des «Swiss Music Awards».

Basler Zeitung

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