Wie Therapie zur Tyrannei wird

Der Justiz ist das Augenmass beim Festsetzen von Strafe und Therapie abhandengekommen. Sie ist nicht mehr in der Lage zu sagen, wer gefährlich ist.

Die Justiz liess zahlreiche Verbrechen zur Krankheit umdeuten, entsprechend rückt anstelle der Strafe die Therapie.

Die Justiz liess zahlreiche Verbrechen zur Krankheit umdeuten, entsprechend rückt anstelle der Strafe die Therapie.

(Bild: Keystone)

Meine verstorbene Grosstante war Hotelbesitzerin in Murten. Als die stämmige und raue Beizerin erfuhr, dass der Pfarrer ihren Sohn begrabscht hatte, packte sie das schwarze Männlein am Schopf und am Hosenbund, stiess mit seinem Kopf die Hoteltür auf und tunkte den Geistlichen dreimal kräftig im Stadtbrunnen vor dem Restaurant. Das Wort «Waterboarding» gab es damals noch nicht. Grosstante und Pfarrer wurden Fasnachtssujet. Ich würde nicht behaupten, dass damit die Neigungen des Mannes wegtherapiert waren. Aber er war gestraft, und die Tat war gesühnt. Der Pfarrer sei nie mehr übergriffig geworden, hiess es.

Heute gehört es zur gesellschaftlichen Vereinbarung, dass anstelle der Selbstjustiz die staatliche Justiz das Heft übernimmt. Doch die steckt seit dem Fall Pasquale Brumann (Mord am Zollikerberg, 1993) in einer ernsthaften Krise. Sie weiss nicht mehr, wie mit gefährlichen Tätern umzugehen ist, und lässt wie im vergangenen Jahr in Genf einen Killer auf dem Weg zur Reittherapie ein Messer kaufen; er konnte damit seine Therapeutin abstechen. Oder sie erlaubt einem Sexualstraftäter, die Strafe im Hausarrest abzusitzen, und ermöglicht so die Ermordung der 19-jährigen Marie im Waadtland.

Schutz vor der Öffentlichkeit

Diese Orientierungslosigkeit der Justiz, der das Augenmass beim Festsetzen von Strafe und Therapie abhandengekommen ist, hat eine zweite dunkle Schattenseite: Sie ist im Gegenzug auch nicht mehr in der Lage zu sagen, wer gefährlich ist. So kommt es, dass sie einen Jungen wie Carlos, der seine Strafe abgesessen und seine Tat gesühnt hat, nach anderthalbjährigem gutem Verlauf wieder hinter Gitter bringt. Nicht weil dieser insbesondere vom Therapeutenstaat verwöhnte Bursche gefährlich wurde, wie der Zürcher Justizdirektor, ohne rot zu werden, argumentierte, sondern weil er Schutz vor der Öffentlichkeit brauche.

Und es kommt auch dazu, dass die Basler Strafvollzugsbeamten zum Sicherheitsaspekt des pädophil veranlagten Chris­toph Egger schweigen, der seine Strafe wegen Kinderschändung vor 16 Jahren längst abgesessen hat und der auch seinen schäbigen Exhibitionismus vor der Webcam mit 15 Monaten Gefängnis nach hiesigem Strafrecht über Gebühr verbüsst hat.

Zur Treibjagd freigegeben

Man bringt ihn hinter Gitter – im Namen der Therapie. Dabei kann man ihn nur vordergründig therapieren, denn verschiedenste Gutachter erklären ihn als «austherapiert». Der entsprechende Verlaufsbericht der Universitären Psychiatrischen Kliniken ist eine einzige Bestätigung dafür. Die Absicht ist klar: Selbst nachdem Egger zwei volle Jahre als Kastrierter in einem Therapiesetting erfolgreich ein Leben in Freiheit aufbauen konnte, soll er weggesperrt werden – um dem Sicherheitsbedürfnis der Bevölkerung zu entsprechen. Therapie ist nicht mehr Therapie, sie ist zum Ersatz der Strafe geworden.

Es geht doch darum: Die Justiz und ihr Vollzug sollen inzwischen Delinquenten vor einer Bevölkerung präventiv schützen, die ihr inzwischen gänzlich misstraut und die zur Treibjagd aufruft. Auch im Fall von Christoph Egger, der gestern in Berlin auf der Flucht gefasst wurde. Der neue Pranger ist das Internet: Verbrennt die Hexe Egger. Der Selbstjustizmob – der auch Carlos (er ist Schweizer!) ausschaffen will – erhält auf Facebook innert Stunden 30'000 Zustimmungen.

Zugegeben: Als Vater von drei Töchtern und einem Sohn würde auch ich für den pädophil veranlagten Christoph Egger die Hand nicht ins Feuer legen wollen. Und dennoch muss die Praxis unserer Justiz dringend hinterfragt werden: Wie kommt es zu dieser Orientierungslosigkeit und Verunsicherung?

Ein moralisches Problem

Es ist diese Unschärfe zwischen Strafe und Therapie, die in den vergangenen Jahrzehnten Einzug im humanen Strafvollzug gehalten hat: Zuerst liess sie zahlreiche Verbrechen zur Krankheit umdeuten, entsprechend rückt anstelle der Strafe die Therapie. Von einer Therapie erwarten wir indessen nicht, dass sie bestraft, sondern Besserung bewirkt. Wenn wir nun nicht mehr fragen, welche Strafe ein Krimineller verdient, sondern nur noch, was ihn bessert (oder die Gesellschaft schützt), dann haben wir ihn aus dem Bereich des Rechts und der Gerechtigkeit herausgenommen. Es ist das, was die Menschen so erzürnt und teure Reittherapien und das Mandala-Zeichnen so ungerecht erscheinen lässt. Die Festsetzung einer Strafe hingegen ist aber ein moralisches Problem, das die Gesellschaft sehr wohl diskutieren kann und es tagtäglich tut: Wir sprechen über die Höhe von Geschwindigkeitsbussen und die Verhältnismässigkeit, nach der Festnahme Einbrecher wieder laufen zu lassen. Dadurch, dass unsere Richter von Parteien aufgestellt werden, unterliegt diese Diskussion der Kontrolle des öffentlichen Gewissens, während sich eine Debatte über Länge und Sinn einer Therapie erübrigt: Cuiquam in sua arte credendum – jedem Fachmann ist auf seinem Gebiet Glauben zu schenken. Was gut für einen De­linquenten ist, entscheidet der Therapeut. Im Fall Egger schreiben die Fachleute, ohne es zu begründen, ungünstige Langzeitprognosen – und sichern sich damit eine Langzeittherapie.

Guter Mensch als Ziel

Wenn wir einen Menschen therapieren, um ihn zu bestrafen oder um die Öffentlichkeit vor ihm zu schützen, dann benutzen wir ihn als Mittel zum Zweck. Das haben Eggers Anwälte und behandelnde Ärzte erkannt und sprechen von «Perspektivlosigkeit». Mit Verlaub: Gegenüber Egger ist eine solche Behandlung nichts anderes als Tyrannei. Da lobe ich meine Grosstante, die mit einem «Waterboarding» die Sache erledigte. In einer Therapie hingegen bleibt der Delinquent in Gewahrsam, bis er geheilt ist. Oder bis er in den Augen der Therapeuten ein guter Mensch ist.

Die unerträglichste aller Tyranneien ist aber die, die aufrichtig nur das Beste für ihre Opfer will. Sie setzt dafür im Fall Egger monatlich 30'000 Franken ein. Und ihre Lohnbezüger therapieren, unermüdlich und ihr Gewissen bestärkend, auf dass sie nur gute Menschen hervorbringen.

baz.ch/Newsnet

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