Wenn plötzlich alle Türen zufallen

Ruth Elser und ihre 12-jährige Tochter leben in einer Mansarde – eine richtige Wohnung gibt ihnen keiner.

Das letzte Dach. Ruth Elser mit Katze Erdbeeri und Hund Bobby in ihrer engen Mansarde.

Das letzte Dach. Ruth Elser mit Katze Erdbeeri und Hund Bobby in ihrer engen Mansarde.

(Bild: Pino Covino)

Der kleine Lift zuckelt in die oberste Etage des grauen Wohnhauses. Vor der Tür steht Bobby. Er wedelt nur wenig mit dem Schwanz – der Hund hat längst gelernt, dass für grosse Gesten in der elf Quadratmeter kleinen Mansarde kein Platz ist. Neben ihm lebt hier auch Katze Erdbeeri – und die Familie Elser*. In der engen Mansarde drängt sich ein Leben, das einst eine Vierzimmerwohnung füllte. Doch das ist lange her.

In einer richtigen Wohnung haben die Mutter und ihre 12-jährige Tochter seit fast zwei Jahren nicht mehr gelebt. Niemand will sie als Mieter. Das liegt ein bisschen an Hund Bobby und Katze Erdbeeri – Haustiere sind nicht immer willkommen. Vor allem aber an Elsers Betreibungsregisterauszug: Sie schuldet ihren Gläubigern 60 000 Franken.

Eine Dusche gibt es nicht

«Ich war früher nicht schlecht situiert», sagt Ruth Elser. Sie sei gar in der Lage gewesen, anderen zu helfen. Genau das wurde ihr 2012 zum Verhängnis: «Ich hatte ein Ladenlokal gemietet und zur Untermiete vergeben. Die Untermieterin war Asiatin und das gefiel der Verwaltung nicht – man warf sie hinaus.» Dumm nur, dass Elsers Vertrag auf fünf Jahre unterschrieben worden war. So lange sie keinen passenden Nachmieter fand, zahlte sie weiter.

Der Rechnungsberg wurde hoch und höher, bis ihn eines Tages die erste Betreibung krönte. Heute reicht das Geld nicht einmal mehr, um Konkurs anzumelden. «Aber ich habe einen Sparplan, in drei Monaten habe ich genug Geld für den Konkurs», sagt Elser, während sie auf dem Campingherd kocht – bald kommt die Tochter hungrig aus der Schule. Ihr möchte die Mutter ein ganz normales Leben bieten: ein eigenes Bett, eine Zimmertür, die sie auch mal zuknallen kann. Ein Klo, das nicht draussen auf dem Gang steht und eine Dusche, für die sie nicht bei der Familie einer Freundin klingeln muss. Oft stehen die beiden mit Shampoo und Duschtüchern bepackt bei der anderen Familie. Die Tochter beklagt sich nicht. «Aber ich weiss, dass sie sich gerne mal zurückziehen würde.»

Doch auch ohne Schreibtisch, eigenes Zimmer oder Dusche, die sie nur mit der eigenen Familie teilen muss: Das Mädchen ist ehrgeizig, laut der Mutter Klassenbeste mit hohen Zielen. Ab Sommer beginnt sie die Oberstufe, Leistungsauszug P, gemacht für Schüler, die höchste Anforderungen erfüllen. Die Mutter ist sehr stolz. Und froh: «Das zeigt, dass es meiner Tochter trotz unserer schwierigen Situation gut geht.» Elser tut alles dafür, dass der Alltag Alltag bleibt. Auch auf elf Quadratmetern.

Vier Bewohner, elf Quadratmeter

Das scharfe Pizzaöl steht neben der Zahnpastatube, die Gewürzfläschchen auf Puderdöschen, das Spülmittel neben Kugelschreibern und Zahnstochern. Jeder Winkel der kleinen Mansarde wird genutzt. Muss genutzt werden. Kleider und Schuhe, Bücher und Ordner, alles stapelt sich. Trotzdem hat nicht alles Platz – die meisten Möbel stehen eingepackt auf dem Balkon. Zwei musste Elser bereits wegschmeissen – der Regen hat sie zerstört.

Eng beisammen hängen einige Ikea-Bilder an der Wand. Eine Decke ist über das Schlafsofa ausgebreitet. Wüsste man nicht um die Odyssee, die Mutter und Tochter bereits hinter sich haben – das Zimmer, das Wohn-, Schlaf- und Esszimmer ist, Küche, Kinder- und Badezimmer, es hätte einen heimeligen Charme. Elser hat sich viel Mühe gegeben, ein Zuhause zu schaffen. Das pinke Sofa ist Dreh- und Angelpunkt: Hier wird gegessen und hier macht die 12-Jährige auch ihre Hausaufgaben, während die Mutter in dem kleinen Lavabo den Abwasch erledigt. Neben den nassen Pfannen putzen die beiden in demselben Lavabo bald ihre Zähne. Danach wird aus dem pinken Sofa mit wenigen Handgriffen, vielen Kissen und Decken ein Ausziehbett.

Die Mansarde war eine Notlösung, davor hatte Elser sich in einem Laden­lokal in der Nähe eingemietet. Dass sie in dem Lädeli keine Haarentfernung anbot, sondern der Tochter ein Daheim schuf, hatten die Hausbesitzer nach knapp zwei Monaten bemerkt. Ein Brief, grosszügig gesalzen mit Paragrafen, legte Elser nah, umgehend auszuziehen. «Ich ging immer von mir aus, nie wegen eines Räumungsbefehls», betont sie. «Ich weiss schon selber, wenn es nicht mehr geht.» Weil es jetzt wieder nicht mehr geht, endgültig nicht mehr geht, hat Elser bei der Sozialhilfe eine Notwohnung beantragt. Fünf Wochen ist das her – ebenso lange lebt sie nun schon in der kleinen Mansarde. Doch der behördliche Weg ist voller Hürden. Betroffene müssen beweisen können, dass sie auf der Strasse landen, wenn der Kanton ihnen nicht hilft.

Treffen kann es jeden

Wie der Familie Elser geht es vielen: 95 Prozent aller Notwohnungsbeziehenden haben einen vollen Betreibungsregisterauszug. Auf jede freie Wohnung in Basel bewerben sich zahlreiche Interessenten. Wer aus einem Haufen Bewerbungen aussuchen muss, dem kann keiner verübeln, sich für einen Mieter ohne Betreibung zu entscheiden. Nun muss der Staat helfen.

Nicole Wagner, Leiterin der Basler Sozialhilfe, umreisst die Kriterien für eine staatliche Hilfestellung: «Notwohnungen sind für Familien mit mindestens einem minderjährigen Kind gedacht. Zudem muss ein Räumungsbefehl vorliegen – als Beweis, dass akute Wohnungsnot besteht und die Betroffenen sonst auf der Strasse landen.» Auch Trennungen oder Umbauten gefährden urplötzlich das Dach über dem Kopf: Betroffene sind längst nicht immer Sozialhilfeempfänger. Die Notwohnung ist keine permanente Lösung, sondern eine Verschnaufpause. «Das Mietverhältnis dauert sechs Monate – nur in besonderen Fällen wird es verlängert.» Solche besonderen Fälle gibt es immer öfter. «Bei einem Wohnungsleerstand von 0,2 Prozent ist es nicht einfach, eine günstige Wohnung zu finden», sagt Wagner. Die Sozialhilfe bietet darum auch Kontakte zu Stiftungen, die auf dem freien Wohnungsmarkt Monatsmieten vorschiessen, Bürgschaften übernehmen oder Kautionen bezahlen.

Neben dem fehlenden Dach über dem Kopf sei es das Gefühl, das an ihr nage, sagt Elser. Sie fühle sich, als hätte die Gesellschaft ihr den Rücken gekehrt. «Es ist eine geschlossene Front. Alle Türen sind zu, ich bringe sie einfach nicht mehr auf.» Das lähme sie.

Ein bisschen Happy End

Katze Erdbeeri springt von einem Regal zum nächsten, streift eine Tasse – von der Tochter bemalt, als die Familie noch in einer Vierzimmerwohnung lebte. Als es noch Schränke gab, in welche Teller und Tassen gehörten. Das Porzellan balanciert einen Augenblick gefährlich am Regalrand, dann zerspringt es auf dem Boden. Aber diese Scherben bringen endlich Glück: Kurz nach dem Gespräch mit der BaZ klingelte bei Elser das Telefon: Die Sozialhilfe hat die Familie auf die Liste für eine Notwohnung gesetzt. Heute dürfen Mutter und Tochter auf das Amt. «Vielleicht ziehen wir am Montag schon um», ruft Elser euphorisch aus.

Sie weiss, dass die Schulden ihr noch immer im Nacken sitzen und sie spätestens im November wieder auf der Strasse stehen wird. Aber sie weiss jetzt, dass die Rücken der Gesellschaft nicht ganz so geschlossen vor ihr stehen, wie es den Anschein hatte. Sie weiss jetzt, dass manchmal wieder ein Türchen aufgeht. Elser, die eine Pflegeausbildung beim Roten Kreuz absolviert hat und für die Spitex Nachtwachen macht, atmet tief durch. Vielleicht gibt es ja irgendwo jemanden, der eine Untermieterin sucht. Mit Hund, Katze und Kind. Elsers Augen blitzen. «Ich könnte auch für jemanden kochen und putzen, einkaufen und Rasen mähen oder einfach ein bisschen da sein.» Sie lächelt. Damit hat sie während ihrer ganzen Geschichte niemals aufgehört.

* Name von der Redaktion geändert

Basler Zeitung

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