Was will die BaZ?

Kommentar

Die liebste verhasste – die beste und schlechteste Zeitung von Basel. Was immer man von der BaZ hält, sie gehört nach wie vor zum emotionalen Inventar dieser Stadt.

Der politische Standort eines Journalisten spielt nicht bloss eine Rolle, wenn er einen Kommentar verfasst, sondern viel häufiger noch, aber unmerklicher offenbart sich die politische Orientierung in der normalen Berichterstattung.

Der politische Standort eines Journalisten spielt nicht bloss eine Rolle, wenn er einen Kommentar verfasst, sondern viel häufiger noch, aber unmerklicher offenbart sich die politische Orientierung in der normalen Berichterstattung.

Markus Somm@sonntagszeitung

Der Bundesrat hatte eben ­entschieden – sozusagen über Nacht – aus der Atomkraft auszusteigen, als sich die Redaktion der Basler ­Zeitung zu einem Gespräch mit ihrem damaligen Verleger Moritz Suter traf. Zugegen war auch ich als Chef­redaktor. Der Anlass fand irgendwann im Frühling 2011 statt.

Von mir wollten die Kollegen wissen, welche publizistische Strategie ich zu verfolgen beabsichtigte, so hatte es die Redaktionskommission vorher angekündigt. Wir sassen im eindrücklichen, etwas pompösen Sitzungszimmer, wo sich einst der Verwaltungsrat der Basler Lebens-Versicherung am Aeschenplatz versammelt hatte, in einem Gebäude, das kurz vor dem Ersten Weltkrieg errichtet worden war. Wenn auch dieser hohe Raum mit den prunkvollen Kronleuchtern und dem massiven Tisch stets eine fast festliche Stimmung verbreitet, dieses Mal setzte sich dessen Charme kaum durch: Die Atmosphäre war angespannt. Man hätte die Luft zerschneiden können. Der Saal war brechend voll.

Was als Austausch über die Ziele der Chefredaktion vorgesehen war, eskalierte rasch zu einem Abtausch von Unfreundlichkeiten. Man stritt über Politik, man warf sich Missverständnisse und Versäumnisse vor und manche Redaktoren monierten, das Betriebsklima sei noch nie so unterkühlt gewesen wie jetzt. Worauf ich, dem man diesen Wettersturz anlastete, entgegnete, ich hätte noch nie in einer Zeitung gearbeitet, in der die Stimmung gut gewesen sei. Diese Bemerkung, wenig durchdacht und in der Hitze des Gefechts achtlos hingeworfen, nahmen mir viele übel. Als ob es mir gleichgültig wäre, wie gern oder ungern man bei der Basler Zeitung arbeitete: So verstanden die meisten meine Aussage; als schnoddrige Rücksichtslosigkeit – während ich doch etwas ganz anderes gemeint hatte.

Die Kaste der Kritiker

Auf den meisten Redaktionen, auf denen ich bisher tätig gewesen war, gab es für uns Journalisten immer einen Vorgesetzten oder einen Missstand, über den wir uns stundenlang und seitenweise enervieren konnten. Wir Journalisten, so belegte es meine Erfahrung, lieben es, uns zu beschweren und uns permanent zu ärgern; schliesslich gehört das zum Beruf. Antiautoritär, schwer zu besänftigen, schwer zu befriedigen: Wir sind anspruchsvolle Zeitgenossen, so auch als Angestellte. Es ist uns zur zweiten Natur geworden.

Das war nicht ganz falsch. Doch angesichts der vielen turbulenten Ereignisse, die sich bis zu diesem Zeitpunkt bei der Basler Zeitung zugetragen hatten, seit ich als Chefredaktor angefangen hatte, war das trotzdem eine Bagatellisierung, wie ich jetzt im Rückblick zugeben muss. Über das übliche Mass an ständiger Kritik hinaus, wie sie für unsere Profession typisch war, hatten die Journalisten bei der BaZ gute Gründe, mir Vorwürfe zu machen. Innert kurzer Zeit hatte sich vieles bei der Zeitung verändert, und manches lag an mir, nicht zuletzt der publizistische Kurs, den viele als eine Art ungewohnte Politisierung erlebten.

Im Lauf der Auseinandersetzung kamen wir fast unvermeidlich auf die Frage der politischen Ausrichtung der Basler Zeitung zu sprechen. Links, rechts, in der Mitte oder über den Parteien? Nachdem ich einige Male erläutert hatte, dass ich mir vor allem mehr Pluralismus in dieser Zeitung wünschte und dass es zu meinen publizistischen Zielen zählte, mehr davon durchzusetzen, wehrten sich einige Journalisten: «Wir sind nicht so einseitig, wie du uns unterstellst. Wir sind nicht alle links!» «Gut», sagte ich und blickte zu Moritz Suter, meinem Chef, der neben mir sass, «dann lasst uns abstimmen: Wer hält den Atomausstieg für richtig?» Rund neunzig Hände gingen in die Höhe. «Wer findet, es sei ein Fehler?» Moritz Suter und ich streckten auf. Neunzig zu zwei. Suter war erschüttert.

Worum geht es bei der neuen Basler Zeitung? Seit ich im August 2010 mein Amt als Chefredaktor angetreten habe, versuche ich, diese Zeitung umzubauen, ein altes Blatt, das mit seinen beiden Vorgängerinnen, der National-Zeitung und den Basler Nachrichten, auf eine jahrhundertalte ­Tradition zurückblickt. Erneuerung an Haut und Haaren: Wir frischten das Layout auf, wir führten eine Meinungsseite ein und setzen thematisch neuerdings jeden Tag Schwerpunkte, nun stehen wir kurz davor, mit der BaZ Kompakt im Februar ein neues Experiment zu wagen. Vor allen Dingen aber bemühte ich mich, neue Perspektiven, andere Standpunkte und mehr Kontroversen ins Blatt zu bringen. Wenn bisher eher eine Sicht von links der Mitte vorgeherrscht hatte, so war es mir ein Anliegen, diese jetzt mit rechten, liberalen und konservativen Positionen zu bereichern. Mir kam es nie darauf an, eine einseitig bürgerliche Zeitung zu machen, aber ja, wir arbeiten daran, eine im Zweifelsfall bürgerliche Zeitung zu machen, ohne den Platz zu schmälern, den linke Journalisten, linksliberal gefärbte Texte oder linke Kommentare einnehmen.

Was viele Journalisten unterschätzen – gerade wenn sie so denken, wie die Mehrheit dieses Berufsstandes das tut, also überwiegend links der Mitte –, hat eine grosse Bewandtnis für unsere Tätigkeit: die eigene Weltanschauung. Der politische Standort eines Journalisten spielt nicht bloss eine Rolle, wenn er einen Kommentar verfasst, sondern viel häufiger noch, aber unmerklicher offenbart sich die politische Orientierung in der normalen Berichterstattung. Welche Dinge ich als Probleme ansehe und deshalb betone, welche Aspekte mich weniger beschäftigen, hat sehr viel mit unseren Werten zu tun, ob moralischen oder politischen. Bevor ich zu recherchieren beginne, muss ich wissen, wonach ich überhaupt suche. Unsere politische Position, ob bewusst oder unbewusst, leitet unsere Arbeit an. In der Wissenschaft spricht man vom Erkenntnisinteresse, und dieses leitet sich von einer umfassenderen Weltsicht ab.

Wenn ich als Journalist der Meinung bin, Kernkraft ist eine Energieform, auf die man verzichten muss, dann finde ich die Frage, ob in einem Atomkraftwerk die Sicherheit eingehalten wird, relevanter. Während derjenige, der zum Beispiel der Windkraft skeptisch gegenübersteht, mehr Anlass sieht, die vielen toten Vögel zu zählen, die unter den Masten liegen und verrotten. Probleme des Landschaftsschutzes und des Lärms beschäftigen ihn mehr als die radioaktive Strahlung. Beides: Die Sicherheit im AKW und die Risiken der Windkraft sind lohnende Geschichten – aber über alles kann ein Journalist unmöglich schreiben, also wählt er aus – je nach politischer Präferenz.

Selbst in der Recherche ist nicht bloss die Fragestellung geprägt vom eigenen Standpunkt, sondern meistens auch das Vorgehen: Wer eine These aufstellt – und jeder gute Text sollte von einer These ausgehen –, hat sehr lange eine höhere Motivation, die eigene These zu bestätigen als sie zu widerlegen. Weil wir an unseren Thesen hängen, ist der Aufwand, den wir betreiben, um eine Interpretation zu verifizieren, immer erheblicher als die Energie, die wir einsetzen, um unsere liebgewordene Annahme zu untergraben.

Journalisten sind auch nur Menschen

Es gehört zur intellektuellen Redlichkeit eines Publizisten, dass er sich eingesteht, sobald er irrt, wenn also eine These empirisch beim besten Willen nicht zu erhärten ist. Viele Journalisten sind redlich. Doch die bessere Qualitätskontrolle, die uns Journalisten viel unbarmherziger dazu nötigt, unsere Thesen zu überdenken, ist der freie Wettbewerb. Dieser kann aber nur dann eine ­disziplinierende Wirkung ausüben, wenn genug Journalisten daran teilnehmen, die tatsächlich unterschiedlicher Auffassung sind.

Mit anderen Worten, Diversität auf einer Redaktion und in einer Zeitung sollte nicht einzig darin bestehen, dass junge und alte Journalisten schreiben, dass Frauen und Männer vertreten sind, oder dass Schweizer und Ausländer und Secondos hier wirken, das alles ist unabdingbar – sondern auch politisch müssen wir uns unterscheiden. Widerspruch, Spannung, Kontroversen innerhalb einer Zeitung, Streit unter Kollegen und die Debatte im Newsroom: Ohne sie erhält der Leser eine langweilige, weil einseitige Zeitung. Wenn 90 Redaktoren den Atomausstieg gutheissen, und zwei Chefs das anders sehen, dann reicht das nicht, um eine anregende Zeitung zu machen.

Inzwischen haben viele Redaktoren der BaZ es vorgezogen, bei einem anderen Blatt zu arbeiten, was mir die Möglichkeit verschaffte, die Diversität meiner Redaktion auch in politischer Hinsicht deutlich zu vertiefen. Der Personalpolitik kommt daher eine überragende Bedeutung zu. Im Grunde schwebt mir vor, in einer einzigen Zeitung die zwei alten Ahnen der BaZ, die Basler Nachrichten und die National-Zeitung, wieder aufleben zu lassen. Der Gefahren bin ich mir bewusst, erfolgreiche Vorbilder fehlen: Oft erlagen in der Vergangenheit diese sogenannten Forums­zeitungen der Versuchung, es möglichst allen an allen Tagen recht zu machen. Wer nicht aneckt, geht unter. Am Ende herrscht die Langeweile.

Die Aufmüpfigen

Vielfalt, Spannung und Ringen um den besten Kommentar und dessen schärfsten Widerspruch ist das eine, das andere ist die Distanz zu allen ­Seiten, aber auch die Opposition gegenüber jeder Art von Machtballung. Gerade in Basel existierten über Jahrzehnte hinweg mehrere Zeitungen, die der Regierung, ob sie einmal bürgerlich dominiert war oder überwiegend links, das Leben schwer machten. Mit der Fusion der National-Zeitung und den Basler Nachrichten ging dieser beständige Druck vonseiten der Presse zurück. Auch hier beflügelt der Wettbewerb die oppositionelle Lebendigkeit, erringt ein Blatt das faktische Monopol, wie das der BaZ für eine lange Ära gelang, verlieren die Journalisten den Anreiz, sich unnötig Feinde zu schaffen. Niemand ist gerne unbequem, niemand wird gerne gehasst: Man tut es und nimmt es in Kauf, um aufzufallen, um die Konkurrenz auszustechen.

Hier haben wir noch vieles zu tun. Noch schlafen die Regierenden in Basel und im Baselbiet meistens zu gut: Eine Zeitung wie die BaZ möchte Unruhe stiften – auch im Wissen darum, wie stark der Geist des Widerspruchs in der DNA dieser ­Zeitung verborgen liegt. Dieser möchten wir treu bleiben. In den Sechzigerjahren gehörte die linksbürgerliche National-Zeitung mit ihrem militär­kritischen Bundeshaus-Korrespondenten zur unbeliebtesten Lektüre der Bundesräte. Als das Eidgenössische Militärdepartement EMD vollends die finanzielle Kontrolle über die Beschaffung der Mirage, eines französischen Kampfflugzeuges, zu verlieren drohte, erfuhr die Öffentlichkeit davon durch die National-Zeitung. Ihr Korrespondent war übrigens Offizier.

Ebenso ist es eine Ehre, ein Blatt zu machen, dessen Vorgängerzeitungen während des Zweiten Weltkriegs von Nazi-freundlichen Schweizern intensiv verabscheut wurden. In der berüchtigten Eingabe der Zweihundert verlangten diese Anpasser und Verzagten 1940 vom Bundesrat, er möge unter anderem die Chefredaktoren der Basler Nachrichten, der National-Zeitung sowie des ­«Berner Bund» und der «Neuen Zürcher Zeitung» sofort entlassen. Nichts dergleichen geschah und die ­beiden Basler Zeitungen schrieben unver­drossen gegen Hitler und dessen Verbrecherreich. In Deutschland waren diese Schweizer Blätter ­ohnehin längst verboten.

Unbeliebt bei den Herrschenden, hoffentlich umso beliebter bei den Lesern: Das ist das Erbe, dem sich die BaZ nach wie vor verbunden fühlt.

Calvins schöne Tage am Rhein

Ohne Basel wäre vielleicht eines der wichtigsten Bücher der Reformation nie erschienen: Auf der Flucht vor seinem katholischen König in Paris war der grosse Theologe Johannes Calvin nach Basel gelangt, wo er 1535 innert bloss acht Monaten seine «Institutio Christianae Religionis» niederschrieb. Die Stadt war bereits zum neuen Glauben übergetreten. Das Buch wurde zu einem der bedeutendsten Bestseller der Weltgeschichte und man übersetzte es in zahllose Sprachen. In dieser Stadt eine Zeitung zu machen, die vor allem vom Wort lebt, ist ein Privileg.

Dass das Wort hier nach wie vor ernst genommen wird, haben vielleicht, ohne das zu beabsichtigen, jene Bürger bewiesen, die sich Ende 2010 über die neuen Besitzer der BaZ und den von ihnen eingesetzten Chefredaktor geärgert und deshalb eine Protestbewegung ins Leben gerufen haben. Mit einer interessanten Mischung aus Zorn und Anhänglichkeit begleitet diese Bürgerinitiative uns bis heute kritisch, aber irgendwie auch treu: «Rettet Basel!» nannte man sich, während es den Protagonisten doch vorwiegend darum zu tun war, Basel vor einer Zeitung zu retten, die nicht immer gleicher Meinung war wie sie selbst. Ohne Ironie: Gibt es ein schöneres Kompliment für eine Zeitung als diese Bewegung? Wann haben sich Leute jemals versammelt, um eine Homepage im Internet zu bekämpfen oder zurückzuerobern? Was immer man von der BaZ hält, offenbar gehört sie nach wie vor zum emotionalen Inventar dieser Stadt. Protest ist nichts anderes als eine besondere Variation von Kompliment.

Man kennt das Phänomen von anderen Orten. Vielleicht gibt nichts besser Auskunft über die Stellung und die Vitalität einer Stadt als seine Presse. Als Wien vor dem Ersten Weltkrieg eine intellektuelle und künstlerische Welthauptstadt war, drückte sich dies auch in der Zahl und dem Ansehen seiner Zeitungen aus. Kaum versank die Stadt nach der furchtbaren Niederlage in der Bedeutungslosigkeit, starb auch ihre Presse einen langsamen Tod. Seit dem Zweiten Weltkrieg sind die Blätter in Wien nur mehr ein Schatten ihrer selbst. Das Gleiche lässt sich in der Schweiz ­beobachten. Ob St. Gallen, Bern oder Luzern: Keine dieser einst wichtigen Städte hat noch eine Zeitung, die unabhängig geblieben ist von einem Zürcher Verlagshaus. Allein die Basler Zeitung hat sich bisher den Zürcher Häusern verweigert.

Die bemerkenswerte Hassliebe, die die Basler mit ihrer BaZ verbindet, seit sie 1977 aus einer Fusion entstanden war, mag womöglich mit diesem Zusammenhang zu tun haben. Urban, also: ­glänzend, reich und paranoid seit Jahrhunderten, befindet sich diese Stadt in steter Sorge, an Bedeutung und Wohlstand einzubüssen. Zürich als Menetekel, Zürich als Racheengel. Solange die Stadt über zwei in der ganzen Schweiz bekannte Zeitungen verfügte, lebte und strahlte auch sie mit ihnen. Nachdem es nur noch eine war, die ab und zu auf der anderen Seite des Juras fast in Vergessenheit geriet, konnte dies auch als Niedergang der Stadt insgesamt interpretiert werden. Indem man die BaZ hasste, wies man die Befürchtung weit von sich, dass auch die Stadt ins Provinzielle abgesackt sein könnte. Wem das zu psychologisch anmutet: Gewiss entspringt dieses schlecht gelaunte Verhältnis zur grössten Zeitung auch einem simplen guten Reflex. Wo immer sich ein Monopol bildet, ist Vorsicht, wenn nicht Ablehnung angezeigt. Der Grösste hinterlässt selten warme Gefühle.

Die Basler Zeitung ist eine Zeitung für alle Basler. Nichts soll diesem Blatt wichtiger sein als das Geschehen in dieser Stadt. Leidenschaftlich, heimatverbunden, weltoffen und eigensinnig, vielfältig, immer kurzweilig, immer angriffig: So möchten wir die Basler Zeitung gestalten, damit nach wie vor niemand an dieser Zeitung vorbeikommt, der in Basel lebt oder arbeitet. Bleibt es bei der bewährten Hassliebe zur BaZ, haben wir schon sehr vieles richtig gemacht. Nur eines täte weh: Gleichgültigkeit.

Dieser Beitrag erscheint auch im «Weissbuch» des Verbands Schweizer Presse.

Basler Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt