Von einem privaten Kraftwerk und fast einer Heiligsprechung …

Ein Kraftwerk in der Grösse eines Fussballfeldes, Gretas Zorn wird grösser und grösser.

Illustration: Rebekka Heeb

Illustration: Rebekka Heeb

-minu

Er tigert herum.

Es ist zwei Uhr in der Früh. Draussen jagen Blitze übers teerschwarze Meer, als müssten sie ein Rockkonzert der Wellen ausleuchten.

INNOCENT ABER WARTET AUF DEN EINEN, GROSSEN MOMENT: DASS DAS LICHT AUSGEHT. UND DER STROM ZUR SAU IST!

«Ist es nicht wunderbar …», flüstert er.

Seine Vorfreude geht in ­krachenden Donnerschlägen unter. Der Eukalyptus prescht unwillig an die Fenster. Er möchte bei diesem Sturmwind rein in die gute Stube.

«Oh Vorsehung – mach, dass sämtliche Transformatorenhäuschen der Insel vom Blitz getroffen werden», betet Innocent nun auf den Knien. Da wir nirgendwo ein Bild von IHM am Kreuz oder Buddha in Gold aufgehängt haben, ist Innocent vor dem Erinnerungsfoto seiner Mutter in die Meditation ­gesunken. Die Alte stiert griesgrämig vom Bücherregal – man meint, Pech und Schwefel zu riechen. Aber es ist nicht das Höllenfeuer, sondern eine Kerze, die Innocent nun angezündet hat: «Zehn Sekunden lang werden wir im Stockfinstern stehen … doch dann … doch dann» – selig schaut er über das Büchergestell hinweg. Und wartet auf den Weltuntergang. Denn Innocent hat vorgesorgt: «Wenn das mit dem Strom nichts mehr wird, schaffen wir es aus eigener Kraft … !»

VOR ZEHN JAHREN SCHON HAT ER MICH DAMIT STAUBIG GEMACHT.

Auf einer Insel, wo die ­Menschen nichts anderes zu tun haben, als Nachwuchs zu erzeugen oder Fische zu ­schuppen, garantiert dir keiner für den Strom. Die ganze ­Energie geht ins Erstere. Und das ist auch richtig so. Wir brauchen junge Menschen, welche uns die Rente buttern.

Das Stromnetz für 8000 Leute besteht hier abseits der Zivili­sation aus Elektrosträngen, welche wie die Wäscheleinen unserer Urahnen von Holz­latten gestützt werden. Sie baumeln über Schluchten und ziehen sich wie riesige Spinnen­fäden von den Bergen über die Felder hinweg. Kommt eine Wildsau zu sehr in Rage und wuchtet einen Stromstamm um, so hockt die Hälfte der Inselbewohner im Dunkeln. Das kümmert aber keinen. Er hüpft auf den Traktor. Und spult auf die andere Seite des Eilands. Jeder hat nämlich irgendwo eine Tante, bei ­welcher der Strom strömt. Somit kann jeder die Fussballübertragung Siena – Udine problemlos bis zum Ende glotzen.

Innocent hat zwar keine Tante. Aber er hatte die geniale Idee: Wir brauchen einen Strom­regenerator!

DA ICH IN SOLCHEN DINGEN NUR BAHNHOF KAPIERE, HABE ICH GENICKT: «IST GUT. UND BRINGE NOCH ZWÖLF EIER MIT … »

Am Abend schon donnerten sechs Sattelschlepper durch die engen Kurven und luden vor unserem Haus ein Gebilde ab, das gut und gerne als mittelgrosses Eventhotel durch­gehen würde.

«Was soll das?»

Innocent tätschelte mir gütig aufs schüttere Haar: «Halte dich da raus … davon verstehst du nichts … künftig werden wir immer Strom haben!»

Um es kurz zu machen: HIER WURDE EIN KRAFTWERK IN DER GRÖSSE EINES FUSSBALLFELDES AUFGEBAUT. UND ALLES, DAMIT WIR IMMER ZWEI SPIEGELEIER BRATEN KÖNNEN!

Damals habe ich Greta noch nicht gekannt – aber heute muss ich gestehen: Ich verstehe den Zorn dieses Mädchens!

Um die Sache in Gang zu ­bringen, wurde gegraben, gebohrt – es war eine Baustelle wie Gundeldingen-Ost. ­Allerdings dauerte sie nur fünf Jahre.

Als der grosse Moment der Einweihung kam, schmetterte Innocent eine Flasche vom billigsten Prosecco an den froschgrünen Gigabunker. Der Pfarrer des Ortes schwang seinen Weihrauch. Und der Jägerchor sang den Choral vom «Licht der Güte».

Dann durchschnitten wir zusammen mit dem Bürgermeister das 980 Meter lange Band.

Innocent drückte einen tischgrossen Hebel nach unten. Alles hielt den Atem an.

ABER NICHTS GESCHAH.

«Es geht nur, wenn der ­normale Strom ausfällt», ­erklärte Gianni (Gärtner) ­klugscheisserisch.

Den Leuten wars egal. Sie machten sich an die auf­geschnittenen Schinken und an den grünen Veltliner, den Innocent in einer Aktion bei Billa gebunkert hatte. Er selber setzte sich ausgepowert vor ­seinen Energiebunker: «Wann wird der Strom ausfallen …wann schlägt der Blitz ein?!», jammerte er.

Wie durch ein Wunder gaben die Wildschweine künftig Ruhe. Und auch die Stürme mit den Donnerschlägen blieben aus. Das drittgrösste Kraftwerk auf dem Stiefel kam nie zum ­Einsatz. Die Inselbewohner konnten künftig Siena – Udine in ihren eigenen Stuben ver­folgen. Und hätte der Papst nicht sein Veto erhoben, hätte man Innocent zum Strom­heiligen ernannt.

UND NUN ALSO ENDLICH WIEDER EIN RICHTIGES UNWETTER. MIT BLITZ­LICHTERN, ALS SEI GRETA GARBO AUS DEN WELLEN GESTIEGEN. UND MIT ­DONNERSCHLÄGEN, DASS DIE BODENVASEN HÜPFEN.

Da – Licht aus!

Innocent jubelt: «Jaaaaa – in zehn Sekunden springt das Kraftwerk an!»

Es sprang nicht. Der Einzige, der im peitschenden Regen herumsprang, war Innocent mit einer Taschenlampe: «Wo ist dieser verdammte Hebel … ?!»

Sechs Stunden später hat Gianni (Gärtner) in seiner besserwisserischen Art ­Innocent den Vogel gezeigt: «Man muss eben Diesel ­einfüllen … !»

DIESEL? In der heutigen Zeit?! GRETA, STEH MIR BEI!

Im Übrigen sind für die ­nächsten vier Jahre hier eh keine Gewitter mehr angesagt.

Doch Innocent hüpft bereits ins Auto.

« … und bring noch zwölf Eier mit!» rufe ich ihm nach.

Er hat sie vor zehn Jahren schon vergessen!

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