Unispital hat zugewiesene Patienten abgeschoben

Die Vereinigung der Hausärzte beider Basel kritisiert die Praxis des Spitals – dieses will hingegen mehr Geld für die Neurologische Poliklinik.

Leere Betten: Das Universitätspital schiebt Patienten ab.(Symbolbild)

Leere Betten: Das Universitätspital schiebt Patienten ab.(Symbolbild)

(Bild: Henry Muchenberger)

Joël Hoffmann

Stellen Sie sich vor, Sie haben seit einiger Zeit starke Kopfschmerzen oder sonst ein neurologisches Problem. Sie gehen zum Hausarzt, nur weiss der leider nicht weiter und schickt Sie darum in die Neurologische Poliklinik des Basler Universitätsspitals – zu den Experten also. Doch Sie werden nicht am Uni-Spital behandelt. Nein, ohne das Wissen Ihres Hausarztes werden Sie an irgendeinen privaten Neurologen in der Region weitergereicht. Das kam bei einigen Hausärzten und ihrer regionalen Vereinigung nicht gut an.

«Es geht doch nicht, dass die Neurologische Poliklinik meine Patienten ohne Rücksprache mit mir woanders hinschickt», sagt ein erboster Hausarzt, der wie einige seiner Kollegen nicht namentlich genannt werden will, weil man als zuweisende Ärzte auch künftig mit dem Unispital arbeiten müsse. Die Hausärzte selbst kennen natürlich einige private Neurologen, doch haben sie ihre Gründe, weshalb sie ihre Patienten in das Unispital schicken: «Es gibt auch diese komplexeren Fälle, die selbst einen Neurologen überfordern. Dieser würde solche Patienten auch an das Unispital schicken.» Die kritischen Hausärzte monieren zudem, an wen das Unispital ihre Patienten weitergeleitet hat: «Sie schickten einige meiner Patienten an einen Neurologen, dem ich keine Patienten schicken würde, und der darum genügend Zeit hat für die Patienten vom Unispital.»

Überlastete Uni-Poliklinik

Der Protest lief zwar unter dem Radar der Öffentlichkeit, wurde aber doch so massiv, dass das Universitäts­spital handeln musste und am 17. April einen Brief an alle zuweisenden Ärzte schrieb. Darin erklärt sich das Spital – und offenbart ein weitreichenderes Problem. «Im Laufe des letzten Jahres hat sich wiederholt gezeigt, dass wir aufgrund von personellen und strukturellen Kapazitätsengpässen teilweise nicht in der Lage sind, gewünschte Abklärungen innert nützlicher Frist in die Wege zu leiten», schreibt das Uni-Spital.

Obwohl nur eingeschränkt vergleichbar, erscheint die Lage grotesk: Gesundheitsökonomen und Gesundheitspolitiker sprechen von Überkapazitäten im Gesundheitswesen – vor allem im stationären Bereich – und ausgerechnet bei der ambulanten Neurologischen Poliklinik sind die Kapazitäten mehr als ausgeschöpft. Darum, so die Rechtfertigung, hat das Uni-Spital die Patienten an private Neurologen weitergeleitet. Da dieses Vorgehen jedoch auf Kritik bei den Hausärzten stiess, ­bittet nun das Uni-Spital die Ärzte, dass sie auf dem Patientenformular vermerken sollen, ob sie die Weiterleitung des Patienten an einen privaten Neurologen billigen oder nicht. Falls nicht, dann macht das Spital den Ärzten klar, dass ihr Patient bis zu zwölf Wochen auf einen Termin warten müsse.

Auf Anfrage der BaZ rechtfertigt das Unispital sein umstrittenes Vorgehen mit «nicht zumutbaren Wartezeiten». Das Spital betont aber, dass Notfälle und sonstige dringliche Patienten rasch behandelt würden. Die Kapazitäts­engpässe begründet das Unispital mit steigenden Konsultationszahlen. Insgesamt wurden 2014 7500 Patienten angemeldet – 262 Patienten mussten an private Anbieter weitergereicht werden. Im ersten Halbjahr 2015 wurden bisher 86 Patienten extern behandelt.

Zu viele unnötige Abklärungen

Das Unispital lässt auf Anfrage der BaZ ausrichten, dass sämtliche Überweisungen an Private nach Rücksprache mit den Patienten geschehen seien. Nur «in Einzelfällen» erfolgte dies früher, «ohne mit den betroffenen Zuweisern direkt Kontakt aufzunehmen».

Felix Eymann, LDP-Grossrat und Präsident der Medizinischen Gesellschaft Basel, lobt das Vorgehen des Unispitals und hat für die wütenden Ärztekollegen wenig Verständnis. Eymann und Philipp Zinsser, Vorstandsmitglied der Vereinigung Hausärzte beider Basel, betonen, dass es zentral sei, dass die Patienten möglichst rasch von einem Neurologen untersuchte werden können. «Stossend war hingegen, dass das Uni-Spital bisher Patienten ohne Wissen der Hausärzte an private Neurologen weitergeleitet hat», sagt Zinsser.

Doch was tun, um den Engpass zu beseitigen? Das Unispital sieht die Politik in der Pflicht: «Für den Ausbau der Kapazitäten der Poliklinik sind die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen derzeit nicht gegeben, weil das geltende Tarifsystem die ambulanten Leistungen nicht ausreichend vergütet.» Konkret: Weil auch die Poliklinik nicht kosten­deckend geführt werden könne, fordert das Unispital andere Tarife – also mehr Geld. Zinsser sieht hinter dem Kapazitätsproblem hingegen einen anderen Grund: «Heute wird generell zu viel abgeklärt, das heisst, in klinisch eindeutigen Situationen werden unnötig Ressourcen gebunden. Darum kommt es überhaupt erst zu Engpässen.»

Basler Zeitung

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