Tägliche Umleitung für 12 500 Fahrzeuge

Fünf Jahre lang soll Riehen zur Grossbaustelle werden – den Quartieren drohen regelrechte Blechlawinen. Bis 2020 soll die gesamte Achse Basel-Riehen in fünf Etappen saniert werden.

Pendler, Lastwagen und Einkaufstouristen nutzen die neue Route: Die Achse Basel-Riehen wird in Etappen saniert.

Pendler, Lastwagen und Einkaufstouristen nutzen die neue Route: Die Achse Basel-Riehen wird in Etappen saniert.

(Bild: Grafik BaZ/mm)

Mischa Hauswirth

Fünf Jahre Dauer, 100 Millionen Franken Kosten, 4,5 Kilometer Länge. Die «Grossbaustelle» Basel–Riehen ist ein Projekt der Superlative und verspricht jetzt schon eine neue Dimension in Sachen Stau, Umleitungen und Ärger hinter dem Steuer. Das Bau- und Verkehrsdepartement (BVD) von Hans-Peter Wessels (SP) will nebst der Strasse und den Wassertransportleitungen auch gleich die BVB-Geleise sowie die Kanalisation in der Kantonsstrasse sanieren.

Die umfangreichen Bauarbeiten wurden in vier Etappen unterteilt, die zu unterschiedlichen Zeitpunkten in Angriff genommen werden sollen:

> Abschnitt 1: Quasi als Abschluss wird zwischen Anfang 2019 und Mitte 2020 die Aeussere Baselstrasse zwischen Rauracherstrasse und Eglisee saniert.

> Abschnitt 2: Von Mitte 2015 bis Ende 2017 wird auf der Aeusseren Baselstrasse im Abschnitt Rauracherstrasse–Kilchgrundstrasse begonnen.

> Abschnitt 3: Parallel dazu werden Anfang 2016 die Bauarbeiten zwischen Pfaffenloh und Bettingerstrasse aufgenommen; sie sollen bis Ende 2018 dauern.

> Abschnitt 4: Ebenfalls parallel verlaufen von Mitte 2015 bis Mitte 2018 Bauarbeiten vom Beyeler-Museum bis an die Riehener Grenze: Hier sollen in einem 30 Millionen-Franken-Projekt ein grosser, ovaler Kreisel mit Bäumen entstehen sowie die Strasse bis zur Grenze mit baulichen Massnahmen beruhigt werden. Ziel ist es, diese vielfach von Pendlern und Einkaufstouristen benutzte Passage unattraktiv zu machen.

> Abschnitt 5: Zusätzlich zu diesen Bauprojekten wird gemäss Planung 2015 die Dorfkernumgestaltung in Angriff genommen – hier soll eine praktisch autofreie Zone entstehen.

Das Tiefbauamt weiss, dass diese Sanierungsarbeiten «nicht ohne Auswirkungen auf die Anwohner und die verschiedenen Verkehrsteilnehmer abgewickelt werden» können. Doch die Sanierungen seien dringend notwendig und könnten nicht aufgeschoben werden. «Wir sind bestrebt, Behinderungen durch die notwendigen Baustellen auf das absolut notwendige Minimum zu beschränken», sagt André Frau­chiger, Mediensprecher des Tiefbauamtes Basel-Stadt.

Ausweichrouten durch Quartiere

Täglich fahren rund 12 500 Fahrzeuge durch die Aeussere Baselstrasse. Sowohl Pendler aus dem Wiesental als auch Lastwagen und Einkaufstouristen nutzen diese Route. Da während der einzelnen Bauphasen die Strassenabschnitte vorübergehend oder auch länger komplett für Autos und Töffs gesperrt werden müssen (Velofahrer haben die Baustellen zu Fuss zu umgehen), lautet die brennendste Frage: Wohin mit dem Verkehr, wenn er nicht mehr über die Aeussere Baselstrasse rollen kann? Die Antwort heisst: durch die Quartiere. «Die genauen Ausweichrouten sind noch nicht festgelegt, wir schauen zusammen mit der Gemeinde Riehen, welche sich am besten anbieten», sagt Frauchiger.

Favorisiert wird die Route von den Habermatten über den Kohlistieg via Grenzacherweg–Eisenbahnweg–Schützengasse und Inzlingerstrasse. Zur Dis kussion steht zudem eine Route über die Kilchgrundstrasse und den Grenz­acherweg Richtung Eisenbahnweg und Schützengasse – also mitten durchs Kornfeldquartier mit seiner Tempo-30-Zone. Dagegen regt sich Widerstand. Die EVP spricht von einer «Blech-lawine» und sagt, dass diese «für die Bevölkerung der betroffenen Quartiere und erst recht für die Anwohner der betroffenen Strassen schlicht unzumutbar wäre». Sie verlangt von Kanton und Gemeinde, alles zu unternehmen, damit der motorisierte Verkehr zwischen Basel und Lörrach mehrheitlich über die Zollfreistrasse abgewickelt werden könne.

Genau das möchten die Verantwortlichen ja eigentlich, aber dort warten alte Probleme: Erstens ist die Einfahrt in Lörrach bei der Dammstrasse trotz Versprechen der deutschen Behörden immer noch unbefriedigend, weil weder ein Kreisel noch eine Lichtsignalanlage gebaut wurden. Und beim Zoll Otterbach stauen sich die Autos jetzt schon, weil der Abfluss auf der Schweizer Seite auf der Höhe der Freiburgerstrasse äusserst zähflüssig erfolgt.

Auch der Dorfkern, mit dem Nadelöhr Schützengasse, dürfte gemäss der jetzigen Umleitungsplanung deutlichen Mehrverkehr erfahren, insbesondere, wenn die Lörracherstrasse umgebaut wird und die Dorfkernumgestaltung läuft. Eine Entlastung verspricht sich das BVD von der Öffnung der Grenz­acherstrasse. «Wir haben die Bauarbeiten so koordiniert, dass die Gren zacherstrasse ab Herbst 2015 wieder offen ist und der Verkehr von und nach Grenzach-Wyhlen nicht mehr durch Riehen Süd muss», erklärt Frauchiger.

SVP vermutet politisches Kalkül

Bei der Gemeinde Riehen will man sich noch nicht zu Routen- und Planungsdetails äussern. Man befinde sich noch im Stadium der Abklärungen, sagt Gemeindepräsident Hansjörg Wilde (parteilos) auf Anfrage. «Die Ausweichroute von den Habermatten via Kohlistieg, Grenzacherweg, Eisenbahnweg und Inzlingerstrasse ist so vorgesehen», bestätigt er; doch sie werde nicht als einzige Möglichkeit betrachtet. Der Riehener Gemeinderat verspreche sich eine Entlastung davon, dass jeweils eine Spur auf der Aeusseren Baselstrasse befahrbar bleiben soll.

Die EVP hält die geplante Verkehrsumleitung durch die Wohnquartiere nicht mit der Wohnqualität und der Sicherheit für ältere Menschen und Schulkinder vereinbar. Ebenso wenig die Quartiervereine Niederholz und Kornfeld – sie haben bereits eine Petition gestartet, die verlangt, den Durchgangsverkehr vom Wiesental über die Zollfreistrasse abzuwickeln und den Lokalverkehr ampelgesteuert zu lenken. Welche Auswirkungen das auf den Stau hat, ist unklar.

Auch die Riehener SP, dessen Gemeinderat Guido Vogel für Riehen die Verhandlungen mit dem BVD führt, kritisiert die Umleitungsrouten. «Wir möchten diesen Umleitungsverkehr nicht in den Quartieren, weil wir ohnehin möglichst wenig motorisierten Verkehr dort sehen wollen», sagt Martin Leschhorn, Präsident der SP Riehen. Sein Vorschlag: Als Konsequenz der Baustellen müssten längere Staus und Wartezeiten in Kauf genommen werden. «Die Pendler aus dem Wiesental dürfen ruhig merken, dass sie über die Zollfreistrasse Richtung Stadt und nicht durch Riehen fahren sollen», sagt Leschhorn.

Eduard Rutschmann, Präsident der SVP Riehen, nennt es «einfach nur schlimm», was der Regierungsrat und der Riehener Gemeinderat hier der Bevölkerung zumuten wollen. «Es wird ein gewaltiges Puff geben», prognostiziert er. Rutschmann sieht die «Rie­senbaustelle» als politisches Kalkül des BVD. «SP-Regierungsrat Wessels möchte offenbar eine Machtdemonstration seiner linken Verkehrspolitik im bürgerlichen Riehen veranstalten, um Druck zu machen, weil Riehen sein Verkehrskonzept nicht mittragen will.» Einmal mehr zeige das BVD null Fingerspitzengefühl bei der Planung von Baustellen, die Riehen betreffen. Zudem würde ein solches Projekt in der Privatwirtschaft viel rascher zu Ende gebracht.

Rutschmann verlangt, «zuerst ein besseres Funktionieren der Zollfreistrasse zu gewährleisten sowie alle anderen Baustellen aufzuheben» und erst dann mit der Aeusseren Baselstrasse zu beginnen. Zudem müsse es auch einen Druck auf die deutsche Seite geben, damit diese das Anschlussproblem der Zollfreistrasse in Lörrach löst.

Basler Zeitung

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