Solche Patienten bringen Prestige – und Geld

Wenn sich Boris Becker und Co. im Universitätsspital Basel behandeln lassen, glänzt nicht nur das Budget, sondern profitiert auch das Ansehen.

Steht dazu: Boris Becker hat sich mit Krücken an den Swiss Indoors öffentlich als Unispital-Patient geoutet.

Steht dazu: Boris Becker hat sich mit Krücken an den Swiss Indoors öffentlich als Unispital-Patient geoutet.

(Bild: Keystone)

«Dental Travel – Zahnbehandlung in Ungarn – 70 Prozent billiger als in der Schweiz.» Mit solchen Inseraten werden Schweizer ins Ausland gelockt. Der Medizintourismus funktioniert aber auch umgekehrt. Wenn auch finanziell unter anderen Vorzeichen. Denn jene ausländischen Patienten, die sich in der Schweiz operieren lassen, haben vieles im Sinn, aber sicher nicht das Sparen. Behandlungsqualität zum Beispiel. Geld? Das spielt bei ausländischen Medizintouristen meistens keine Rolle.

Der Markt boomt. Rund 30'000 reiche Ausländerinnen und Ausländer reisen jährlich für einen medizinischen Eingriff in die Schweiz, hauptsächlich kommen sie aus dem arabischen Raum und aus Russland. Tendenz steigend. Ein lukratives Geschäft, vor allem für luxuriöse Privatkliniken, die Fünf-Sterne-Hotel und Spitzenmedizinzentrum in einem sind. Aber auch das Basler Universitätsspital macht mit beim Buhlen um zahlungskräftige Kundschaft aus dem Ausland. 2002 wurde die Abteilung «International Service» gegründet. Damals startete man mit gerade mal zwei Gesundheitstouristen. 2010 waren es 68.

Alle Kosten und einen Zuschlag

Die reichen ausländischen Patienten bezahlen natürlich alles selber. «2010 betrug der Umsatz erstmals mehr als 1,5 Millionen Franken», sagt Andreas Bitterlin, Leiter Unternehmenskommunikation des Unispitals. «Wir berechnen einen leicht höheren Tarif.» Sprich: Die Gesundheitstouristen zahlen «sämtliche Kosten und noch einen kleinen Zuschlag, damit wir auch einen Gewinn machen», sagt Bitterlin.

Allerdings geht es nicht ums Geld allein. Sondern auch um den «Aufbau und die Weiterentwicklung von Renommee und Prestige im Ausland». Und um den Wissenstransfer mit den ausländischen Ärzten, wie Bitterlin betont. «Wenn Boris Becker öffentlich sagt, er habe sich bei uns operieren lassen, ist das natürlich willkommene Werbung für uns», sagt Bitterlin. Streng genommen fällt die ehemalige Nummer eins der Tennisweltrangliste nicht unter die Kategorie «Medizintouristen», da Beckers offizieller Wohnsitz Zug ist. Viel gesehen wird er dort allerdings nicht. Egal – Prestige fürs Unispital bringt Patient Becker auf jeden Fall.

Die Personalie Becker erwähnt Bitterlin übrigens nur, weil sich dieser – mit dick eingegipstem Fuss – an den Swiss Indoors öffentlich als Unispital-Patient geoutet hatte. Ansonsten gilt: keine Namen. So bleibt auch die Krebsbehandlung von Apple-Gründer Steve Jobs in Basel ein unbestätigtes Gerücht. Die Medizintouristen nehmen übrigens nicht anderen Patienten das Bett weg, wie Bitterlin versichert. Dank ihnen «können wir die Schwankungen bei der Auslastung des Spitals ausgleichen». Da es sich meistens um Wahleingriffe handelt, sind die Operationen gut planbar.

Spezialtarif im «Trois Rois»

Im Unispital werden die ausländischen Patienten auf der normalen Privatabteilung untergebracht. Es gibt keine separaten Luxuszimmer. «Die Privatkliniken können und wollen wir in diesem Bereich nicht konkurrenzieren», sagt Bitterlin. «Unser Hauptargument ist die medizinische Qualität.»

Aber zumindest die Verwandtschaft und die Entourage der Patienten müssen nicht auf Luxus verzichten. Nicht selten quartieren sich diese im Fünf-Sterne-Hotel Les Trois Rois ein, das nur wenige Schritte vom Unispital entfernt liegt. Zahlen kann Mediensprecherin Caroline Jenny keine nennen. Aber «in den letzten zwei Jahren haben wir eine deutliche Steigerung dieses Marktes gespürt».

Das «Trois Rois» bewirtschaftet den Mittleren Osten und Russland aktiv. Und das Sales Team bewerbe nicht nur das Hotel, sondern auch die Leistungen des Unispitals, erklärt Jenny. Dafür residieren die Angehörigen von Medizintouristen aufgrund einer Vereinbarung mit dem Unispital zu einem günstigeren Tarif im Luxushotel.

Saudischer Stürmerstar

Von den 68 Medizintouristen im Jahr 2010 kamen 20 aus den Vereinigten Arabischen Emiraten, neun aus Russland, zehn aus Osteuropa, weitere fünf aus Algerien und vier aus Libyen. Besonders intensiv genutzt wird die Disziplin Orthopädie, auch deshalb, weil unter den Patienten viele Profi-Fussballer aus dem arabischen Raum sind. Aber auch Wiederherstellungschirurgie, Innere Medizin, Onkologie oder Gynäkologie sind gefragt. Letztere zum Beispiel für In-vitro-Fertilisationen, da diese in den Herkunftsländern der Patientinnen und Patienten möglicherweise verboten sind.

Wie viel Geld die betuchten Patienten durchschnittlich für ihre medizinische Behandlung ausgeben, ist schwierig zu sagen. «Die Bandbreite ist gross», sagt Bitterlin. Der saudi-arabische Fussballstar Faysal Khalil Al Junaibi – respektive sein Club Al Ahli (Dubai), der ihn in die Schweiz schickte – musste beispielsweise für zwei Operationen, Physiotherapie und die gesamten Betreuungsextras eine Rechnung von rund 70'000 Franken bezahlen. «Allerdings war das keine hochkomplexe Verletzung», sagt Bitterlin. Faysal Khalil hatte einen gebrochenen Fuss, einen Bänderriss und ein kaputtes Sprunggelenk. Das Schweizer Fernsehen begleitete ihn 2009 bei seiner Reise nach Basel.

Helikopterausflug nach Zermatt

Der International Service des Unispitals, eine 150-Stellenprozent-Abteilung, betreut die Medizintouristen. Er fordert medizinische Berichte an, macht Kostenvoranschläge und organisiert den Extraservice. So werden die Patienten mit einem Limousinenservice am Zürcher Flughafen abgeholt. «Manchmal schicken wir noch eine zweite Limousine nur für das Gepäck mit», sagt Simone Weiss. Zu ihren Aufgaben gehört auch das Buchen von Hotelzimmern für Familienangehörige, begleitende Ärzte oder die Leibwache sowie die Erfüllung von Spezialwünschen.

Dazu gehört beispielsweise das Kaufen von Handschuhen und Daunenjacken, wenn es in der Schweiz 40 Grad kälter ist als in Dubai. Einmal wollten die Angehörigen gegen Ende des Spitalaufenthalts des Patienten übers Wochenende mit dem Helikopter nach Zermatt fliegen, wie Weiss erzählt. «Auch das haben wir organisiert.» Das geht natürlich alles auf die Rechnung des Patienten, ebenso die Installation einer Satellitenschüssel, damit der Patient nicht auf Dubai-TV oder andere heimatliche Programme verzichten muss.

Basler Zeitung

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