«Sinnvoller Ansatz, um Verkehr einzudämmen»

Mehr Verkehr trotz Gegenmassnahmen – was tun? Der Zürcher Verkehrsexperte Rolf Steinegger sieht Mobility Pricing als Lösung für die Basler Verkehrsprobleme.

Zweifel an Massnahmen: Rolf Steinegger fordert höhere Preise für Verkehr.

Zweifel an Massnahmen: Rolf Steinegger fordert höhere Preise für Verkehr.

Laut Prognosen des Amtes für Mobilität soll bis 2025 der Autoverkehr auf Basels Strassen um zehn Prozent abnehmen. Das ist fünf Jahre später, als das Volk die Reduktion in einer Abstimmung im Herbst 2010 gefordert hatte. Notwendig, um dieses Ziel zu erreichen, sind 31 Massnahmen, die das Bau- und Verkehrsdepartement bis dahin sukzessive umsetzen will und die es vor einer Woche präsentierte.

Die Behörden drohen den Autofahrern auch mit unpopulären Aktionen wie teureren Parkplätzen oder Dosiersystemen an Ampeln. Gleichzeitig werden der öffentliche Tramverkehr ausgebaut und Schnellspuren für Velofahrer auf Kosten der Autospuren errichtet. Bei Bürgerlichen und Autoverbänden sorgen die Massnahmen für Kopfschütteln. Rot-Grün auf der anderen Seite kritisiert die Verzögerung bei der Reduktion und fordert eine möglichst schnelle Umsetzung des Volksbeschlusses.

«Unmöglich ist es aber nicht»

Für Rolf Steinegger, Dozent für Verkehrssysteme und Aviatik an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW), ist es verständlich, dass die 31 Massnahmen des Amts für Mobilität für rote Köpfe sorgten und wenig realistisch erschienen. «Unmöglich ist es aber nicht», sagt Steinegger. Der diplomierte ETH-Ingenieur bezweifelt, dass die 31 präsentierten Massnahmen aber ausreichen, um die geforderte Reduktion bis 2025 zu erreichen. «Als Verkehrsplaner stehen für mich aber ohnehin nicht die Prozente oder Jahreszahlen im Vordergrund. Diese sind lediglich politische Instrumente zur Erfolgskontrolle», sagt Steinegger.

Viel wichtiger sei, dass die Bewohner der Stadt und Region sich schrittweise dem «übergeordneten Ziel lebenswerter Städte und nachhaltiger Mobilität nähern». Diese sogenannte sanfte Mobilität, so Steinegger, sei beschlossene Sache der Behörden auf sämtlichen Stufen von Bund, Kantonen und Gemeinden. Eine Mobilität, die wenig Verbrauch an Strassenflächen, Treibstoffen und Energie sowie schädliche Nebenwirkungen wie Strassenlärm, Stress und Unfälle erzeuge.

Rätseln über Basler Weg

Zur Bekräftigung dieser Anliegen haben die Städte Zürich, Genf und St. Gallen sogenannte Städte-Initiativen angenommen, welche diesen Weg der «sanften Mobilität» bekräftigen. Diese Initiativen verlangen, dass der Anteil des öffentlichen Verkehr plus des Velo- und Fussverkehrs am gesamten Verkehrsaufkommen um zehn Prozent zulegt. «Das gelingt auch, wenn der motorisierte Individualverkehr nicht weiter zunimmt», sagt Steinegger. In Luzern, Winterthur und Basel hingegen sind Gegenvorschläge zu dieser Initiative in Kraft. «Mit der geforderten Reduktion hat Basel die schweizweit radikalste Regelung», sagt Steinegger.

Dem Verkehrsexperten ist es ein Rätsel, weshalb der Basler Grosse Rat und die Regierung einen Gegenvorschlag formulierten, der weiter geht als die ursprüngliche Städte-Initiative und das Volk diesen dann noch gutgeheissen hat. «Normalerweise ist ein Gegenvorschlag ein Kompromiss zwischen dem Ist-Zustand und der Forderung der ­Initianten. In Basel scheint mir hier etwas schiefgelaufen zu sein.»

Keine Schikanen für Velofahrer mehr

Um das ambitionierte Ziel zu erreichen sind laut Steinegger die Massnahmen, die den ÖV betreffen, am wichtigsten und zu priorisieren: «Kurze Distanzen zu den Haltestellen, viele direkte, umsteigefreie Verbindungen und kurze Reisezeiten sowie genügend Sitzplätze in Trams und Bussen.» Zudem müssten die Velofahrer in der Stadt gleich lange Spiesse ­erhalten wie die Autofahrer. Der Verkehrsexperte: «Man stelle sich ein Strassennetz vor, auf dem Autofahrer an jeder zweiten Kreuzung auf das Trottoir ausweichen müssen, weil Fahrspuren einfach aufhören.» Solche Schikanen seien für Velofahrer tägliche Realität.

Aber laut Steinegger müsste die natürliche Reaktion eines Autofahrers auf den Velofahrer sein: «Toll, einer mehr, der meinen Stau nicht noch verlängert.» Aus diesem Grund mache durchaus auch die in Basel angestrebte «Erstellungspflicht für Veloabstellplätze auf privatem Grund» Sinn. Statt eines Autos lassen sich auf der gleichen Fläche zehn Velos abstellen. «Die unschöne Begleiterscheinung des wilden Parkierens von Velos auf Trottoirs wird damit beseitigt», sagt Rolf Steinegger. Schliesslich müssten sich auch Fussgänger sicher und hindernisfrei im Stadtraum bewegen können. Eher wenig hingegen bringen laut dem Verkehrsexperten Bildungsangebote – etwa jenes vom Amt für Mobilität, das die tramfahrende Basler Jugend wieder aufs Velo bewegen will.

Rigidere Massnahmen sind nötig

Laut Steinegger stiegen Privatpersonen durchaus vom Auto auf den ÖV um, falls dafür Anreize geschafft und das Angebot erweitert würden. «Der Knackpunkt ist allerdings die Finanzierung. Am deutlichsten wird dies am Herzstück für die S-Bahn», sagt er. Die Behörden müssten im Weiteren die Parkraumbewirtschaftung rasch umsetzen und höhere Preise für Parkplätze verlangen.

Die 31 Massnahmen würden laut Steinegger reichen, um die Ziele in den Städten Zürich, Genf, St. Gallen, Winterthur und Luzern zu erreichen. «Um das radikale Basler Ziel zu erreichen sind vermutlich noch rigidere Massnahmen nötig.» Im Vordergrund steht für Steinegger das Mobility Pricing, also höhere Preise für die Benutzung der Strassen und auch höhere Preise im ÖV. «Das ist ein gesamtheitlicher und sehr sinnvoller Ansatz, um den gesamten Verkehr einzudämmen – ohne damit die Wirtschaft zu bremsen», sagt der Fachmann. Für das Gewerbe sind Lieferungen auf der Strasse unerlässlich.

Basler Zeitung

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