Schöner die Lämpchen nie brennen

Pompös, grenzenlos und farbig – die Weihnachtsbeleuchtungen werden immer ausgefallener und kitschiger. Ein kleiner Rundgang durch das weihnachtliche Basel.

  • loading indicator

Weihnachten naht und damit tritt ein, was Jahr für Jahr den einen oder anderen erwischt: Das Schmückfieber: Wer beispielsweise an der Peter- Ochs-Strasse 19 vorbeigeht, kommt nicht umhin, den Blick die Stockwerke hoch bis zum Dackbalkon klettern zu lassen. Rot, blau, grün, gold und weiss leuchtet dem Betrachter der Weihnachtsgeist entgegen. Auf dem Balkon der Familie Hofmeier stehen Nikoläuse auf Wippschaukeln, ein selbstgezwirbelter Tannenbaum, Engel und Sterne.

Die besinnliche Zeit wird immer öfter nicht nur mit einem dezenten Licht angedeutet, sondern mit in allen Farben und Formen pulsierenden Pomps so amerikanisch zelebriert, dass man vor lauter drallen Santas fast das Christkind vergisst.

Manifestierter Weihnachtsgeist

Eine Hochburg des weihnachtlichen Leuchtens ist die Einfamilienhaus-Gemeinde Riehen. Hier hat auch Herr M. seiner unbändigen Dekorationslust freien Lauf gelassen. Mehr als das bunte Ergebnis selber, erfreut ihn aber die Tüftelei, welche Kabel und Lämpchen zu einer Lichter-Orgie werden lässt: «Mir macht das Installieren und Verknüpfen Spass», sagt er. Dass die Basteleien ­einwandfrei funktionieren, beweisen sie jeweils von 17 bis 22 Uhr. Und apropos Einwände: Solchen ist weder Herr M., noch einer der übrigen stolzen Schmücker jemals begegnet.

Auch das Haus der Nachbarn erstahlt in goldenem Licht – man spricht sich jeweils ab – nicht die Konkurrenz, das Gesamtbild sei wichtig – der Weihnachtsgeist ist überall. Denn hier soll nicht nur der Tüftler, sondern das ganze Quartier seine Freude haben. Ersterer kann sich aktuell dafür ganztags am Deko-Segen erfreuen – ihn hat nämlich das Fieber erwischt. Nicht das Schmückfieber, nein, das wahrhafte.

Ein Trend, den Herr M. trotz Bitten seiner Kinder nicht mitmacht, ist jener des Rentier-Schlittens. Santa und Rudolf, das Rentier mit der roten Nase, seien US-Importe. Was in M.s Garten steht, soll aber an die Westeuropäische Weihnachtstradition anknüpfen. Beinahe wird diese Tatsache jedoch von den bunten Lichtern überblendet.

Die Beleuchtung ist eingebaut

«Ich mache das vor allem, um den Leuten eine Freude zu bereiten», erklärt Norbert Klose-Spillmann. Er hat, wovon andere träumen: eine fix installierte Weihnachtsbeleuchtung. Während einem Grossteil des Jahres verschwindet sie unbemerkt im Gesamtbild, doch wenn die Weihnachtszeit anbricht und den ersten Advent mit sich bringt, dann gehen in der Klos’schen Villa die goldenen Lichter an. Wer bei schwindendem Licht den Bundesplatz überquert, kommt nicht umhin, zu bewundern, was der Weihnachtspalast Ecke Neubadstrasse/Marschalkenstrasse zu bietet hat. Die Konturen des Hauses und die Fenster sind mit goldenen Lichtern umkränzt und auch hinter der Hecke im Garten glühen die Lämpchen, «damit das ein einheitliches Bild gibt», sagt der Vater von Fussballer Timm Klose.

Den Luxus einer fixen Weihnachtsbeleuchtung kennt nicht jedermann. Als die Familie Klose-Spillmann vor knapp zehn Jahren ihr Dach neu deckte, hatte der Vater die Idee, das Gerüst nicht nur zum Montieren neuer Ziegel, sondern auch der seither vielgerühmten Weihnachtsdekoration zu nutzen.

Ab und an hätten betrunkene Heimkehrer sich an einem Rentierchen oder sonstigem Leucht­objekt vergriffen. Solange diese kleinen Zwischenfälle in erster Linie auf den Alkohol und nicht auf grundsätzliches Missfallen zurückzuführen seien, blickt Klose darüber hinweg. Aber: «Ärgerlich ist das schon, und wenn den Leuten die Beleuchtung nicht gefällt, mach ich sie aus.» Immerhin ist die Zeitschaltuhr bewusst so gestellt, dass das Haus nicht nur in der abendlichen, sondern auch in der morgendlichen Dunkelheit erstrahlt. «Die Lichter gehen morgens von 6 bis 8 wieder an, damit auch jene, die zur Arbeit müssen, sich daran erfreuen ­können.»

Statt abends in die Beiz

Bei Familie Hofmeier dagegen ist die Beleuchtung nicht nur einen Drücker weg: Fünf Stunden stand Ruedi Hofmeier auf dem kalten Balkon, bis Tannenbaum, Nikolausschaukel und blau-sirrende Eiszapfen in Position gebracht waren. Er tut das gern, denn für ihn und seine Frau Marianne ist die leuchtende Auslage auf dem Balkon Seelenbalsam. «Wir haben ja nicht so aggressiv blinkende Dinge, unser Schmuck beruhigt», sagt Marianne Hofmeier. Die Lust am Schmücken ist bei ihr nicht nur äusserst gross, sondern auch direkt auf den Sohn übergegangen: Auch der Balkon unter jenem des Ehepaars Hofmeier würde einem ­pompösen Las-Vegas-Hotel alle Ehre machen. Der Sohn tüftle das ganze Jahr an seiner Beleuchtung, erzählen die stolzen Eltern. Er sei auch «schuld», dass ihr Balkon aus allen Nähten platzt: «Wir haben ganz klein angefangen; mit einem Chlaus und einem Engeli», dann habe der Sohn jedes Jahr eine neue Leuchtfigur unters Bäumchen gelegt.

Für Hofmeiers ist das Leuchten in der Vorweihnachtszeit das schönste Geschenk, sie beobachten von ihrem Fenster aus staunend stehengebliebene Kinder und geniessen den bunten Schein, der vom Balkon in die Küche fällt. Dazu trinken sie gern etwas Rotwein oder ein Bierchen. «Abends in eine Beiz oder in der Stadt teure Dinge kaufen», Marianne Hofmeier zuckt die Schultern, «das brauch ich nicht. Mich erfüllt unser Leuchten hier genug.»

Für das nächste Jahr steht bereits eine Erweiterung an: «Wir wollen einen Schlitten, gezogen von fliegenden Engeln.» Der Sohn, ein Tüftler sondergleichen, wird einen Weg finden, den Wunsch in Erfüllung gehen zu lassen.

Beleuchtet bis unters Dach

Theresia und Alphonse Bouverat wohnen seit 37 Jahren am Schützenweg 35, «und so lange schmücken wir das Haus auch schon», erklärt die ältere Dame strahlend. Aus einigen Lichtern auf der Terrasse wurde ein Leuchten, das das ganze Haus umarmt. Die Pracht reicht vom Estrich bis ins Erdgeschoss, geht um 17 Uhr automatisch an und erlischt um Mitternacht. Besonders den Schlitten mit Reh loben die Nachbarn. Bouverat selber haben es drei goldene Sterne angetan, bei denen das Licht im Takt «von einem zum nächsten gumpt». Was man von aussen sehen könne, sei aber längst nicht alles, «um die Stubentür zum Beispiel haben wir eine Lichterkette gewunden, die in allen Farben gleichzeitig leuchtet». Auch die Weihnachtstanne wurde bereits in Position gebracht und in Schale geworfen. Zu hell sind die Weihnachtslichter dem Ehepaar Bouverat nie, «ich finde das schön». Je bunter, desto besser, «das bringt Leben und Freude».

Dass dieser Artikel erst dieses Jahr erscheine, sei allerdings etwas schade: «Bis zum letzten Jahr hatten wir einen grossen Nikolaus und Santiglaus. Ein Meter fünfzig waren die, ja, nein, sogar fast eins sechzig!», schwärmt Bouverat. Ballonartig waren die Gestalten, leuchteten von innen, wurden von Seilen am Abheben gehindert und schliesslich von Kindern, deren Eltern auf «mit den Augen gucken, nicht mit den Händen» nicht viel gaben, kaputt bestaunt.

Wenn die Kläuse, Engel und Sterne zu Dreikönige wieder eingepackt würden, sei sie jeweils etwas sentimental. Dann flackert abends im Wohnzimmer wieder einfach nur der Fernseher. «Immerhin ja auch farbig», sagt die zweifache Grossmutter, deren Enkel vom Hausschmuck kaum genug bekommen können. Dann: «Und das nächste Weihnachtsfest kommt ja bald.» Die Nikoläuse, Schneemänner, Schlitten, Rentiere, Päckli, Leuchtschlangen und im Falle der Familie Hofmeier auf dem Bruderholz gar Pinguine, fallen einzig an einem Ort nicht auf: im gesamtkantonalen Stromverbrauch, wie die IWB auf Anfrage sagen. Gegenüber all den anderen Emissionen seien das Peanuts. Nun denn.

Basler Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt