Rockstars vor der Basler Linse

Die Augenblicke direkt nach dem Auftritt sind für jeden Musiker etwas Besonderes. Der Basler Matthias Willi (34) lichtet die Rockstars in eben diesem Moment ab – das klappt aber nicht immer.

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Ausgelaugt, mit abwesendem Blick, nacktem Oberkörper und offener Hose sitzt Iggy Pop im Backstage-Bereich. Er kommt direkt von der Bühne des Zürcher Konzerttempels X-tra. Die schulterlangen Haare des US-Rockstars sind schweissgetränkt, seine Finger umklammern einen Pastikbecher mit Bier. Auf genau diesen Moment hat Matthias Willi gewartet. «You’ve got thirty fucking seconds», gibt Iggy Pop zu verstehen; der Basler fokussiert und schiesst seine Bilder.

Willis Backstage-Begegnung mit Iggy Pop liegt rund drei Jahre zurück. Die Bilder des Punkrockers gingen um die Welt und wurden unter anderem in Brasilien, Portugal, Deutschland, Amerika oder zuletzt an den Bieler Fototagen gezeigt – zusammen mit weiteren Fotos der Reihe «The Moment After The Show», die vor zwei Jahren in einer BaZ-Serie zum ersten Mal gezeigt wurde.

Spezielle Augenblicke

«Dieses Projekt hat mir viele Türen geöffnet», sagt Matthias Willi, «aber eigentlich begann alles aus Zufall.» Im Jahr 2005 sollte Willi für einen Artikel des Basler Musikjournalisten Olivier Joliat die US-Sängerin und Schauspielerin Juliette Lewis – bekannt etwa aus dem Film «Natural Born Killers» – fotografieren. Wegen einer Terminkollision konnte der 34-jährige Basler die Sängerin aber erst nach ihrem Auftritt ablichten. Das Foto zeigt eine abgekämpfte Rockerin mit verschwitzten Haaren und verschmierter Schminke. «Dieses Bild hat mir die Augen geöffnet und gezeigt, dass die Augenblicke nach einem Konzert in dem von oberflächlichen Posen geprägten Showbiz etwas ganz Spezielles sind», sagt Willi, der die Eigendynamik des Projekts ausnutzte: Während zwei Jahren porträtierte der Fotograf über 50 weitere Künstler – zusammen mit Olivier Joliat, der für den Textteil des Projekts verantwortlich ist.

Mitte der 90er-Jahre stand Willi selber im Rampenlicht: Als Sänger der Ur-Formation der Basler Punkrockband Toxic Guineapigs sorgte er schweizweit für Furore. Zudem mauserte sich der Fotografenlehrling zu dieser Zeit zum Hausfotografen der Basler Musikszene. Es entstanden Bandfotos oder Plattencover für Bands wie Stereotype, Whysome, Scrucialists, Pure Inc. oder Undergod. Auch Künstler wie The Bianca Story, Lovebugs-Sänger Adrian Sieber oder die Rapper Black Tiger und Taz liessen sich in Szene setzen von Matthias Willi, der sich zunehmend auf – beziehungsweise hinter – den internationalen Bühnen bewegte.

Metallica im Fokus

Nachdem die Arbeit zu «The Moment After The Show» zweieinhalb Jahre auf Eis gelegen hatte, beschlossen Willi und Joliat Anfang 2010, dem Projekt einen würdigen Abschluss zu verleihen. Geplant ist ein Fotobuch mit Interviews der abgebildeten Künstler. Im Winter werden nun während der Clubsaison neue Bilder geschossen. «Es wäre schön, noch den einen oder anderen grossen Namen vor die Linse zu bekommen», sagt Willi, «die Rolling Stones kann ich mir aber wohl abschminken.» Realistischer sieht es dagegen mit der amerikanischen Heavy-Metal-Band Metallica aus. Für Robert Trujillo, den Bassist der US-Superstars, hat Willi die offiziellen Pressefotos realisiert – zusammen mit seinem «Team Switzerland»-Partner Pascal Brun. Den Namen hat sich das Basler Duo auf Anraten diverser amerikanischer Musiker zugelegt. Als Markenzeichen und Gütesiegel.

Das Buch zu «The Moment After The Show» möchten Willi und Joliat am liebsten Ende des nächsten Jahres veröffentlichen. «Aber wenn wir mehr Zeit benötigen, dann dauert es halt länger – wir stehen nicht unter Druck», sagt Willi. Gut möglich also, dass es zu weiteren Begegnungen kommt wie derjenigen mit Faith-No-More-Sänger Mike Patton, der laut Willi dafür bekannt ist, dass er kategorisch ablehnt, fotografiert zu werden. Für den Basler hat der Exzentriker eine Ausnahme gemacht und nach dem Konzert am Jazzfestival Montreux mit ausgefahrenem Mittelfinger posiert.

Anders als Patton haben es die US-Rocker von The Strokes in Montreux nicht vor Willis Linse geschafft. Angeblich, weil sie nach dem Gig dringend zum Flughafen mussten und keine Zeit blieb für einen 30-Sekunden-Fototermin. So zumindest die Version des Tourmanagers. Von dieser Eile schien die Band nach getaner Arbeit dann aber nichts zu wissen: Gemütlich genehmigten sich die Rocker Bier nach Bier – beobachtet vom wartenden Matthias Willi. «Wenn ein solch authentisches Shooting jemandem zu intim ist, ist das für mich absolut ok, solch fadenscheinige Begründungen höre ich aber nicht gerne», sagt Willi. Doch wer braucht schon The Strokes, wenn man Iggy Pop im Portfolio und Metallica in Aussicht hat?

baz.ch/Newsnet

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