Rauchschwaden an der Coopkasse

Die Debatte über das Rauchverbot wurde zum Teil sehr emotional geführt. Nach Alternativen suchte dabei niemand. Dabei wären sie da. Ein Feldversuch.

Die gesundheitlichen Risiken von e-Zigaretten wurden noch nicht im Lanzeit-Test untersucht. Die von «echten» Zigaretten schon.

Die gesundheitlichen Risiken von e-Zigaretten wurden noch nicht im Lanzeit-Test untersucht. Die von «echten» Zigaretten schon.

(Bild: Reuters)

Zum ersten Mal gesehen habe ich sie an einer WG-Party eines Freundes. Es ging nicht lange, da hing sie an meinen Lippen. Der Geschmack von Erdbeere betörte meine Sinne. Ich war begeistert; wenn ich sie hätte, würde ich sogar aufs Rauchen verzichten. Wie sie aussah? Gut. Elegant. Bis zu unserem Wiedersehen dauerte es allerdings noch einige Zeit, in der ich oft an sie denken musste. Bis dann der Tag endlich da war, an dem sie zu mir nach Hause kam – die E-Zigarette. Doch wie würden die Leute reagieren, wenn sie uns zusammen in der Öffentlichkeit sehen würden?

Um dies in echten Situationen heraus zu finden, beschliesse ich, in den nächsten Tagen ganz dreist zu dampfen wo ich will. Beim ersten Test ist es kurz nach Mittag, und nach dem Essen kommt: ein Kaffee. Die klassische Zigaretten-Situation. Nur dass ich diesmal gemütlich drinnen hocke. In dem Starbucks, für das ich mich entschieden habe, gibt es allerdings keinen Platz mehr mit Sichtkontakt zur Kasse. Das Personal kann ich also nicht testen, schon nur wegen der gigantischen Schlange an der Kasse. Also werde ich mich völlig auf die anderen Gäste um mich herum konzentrieren. Gespannt werfe ich meine Nebelmaschine an und verbringe gemütliche zwanzig Minuten – zwanzig Minuten, in denen nichts passiert. Dann schielt zwar endlich ein Gast zu mir herüber, unternimmt aber nichts. Nicht nur, dass sich niemand an mir stört, ich werde nicht einmal beachtet. Irgendwann, Kaffee und Muffin sind konsumiert, ziehe ich enttäuscht von dannen.

Böses Nikotin

Nächste Station ist ein Tabakladen in der Freie Strasse, schliesslich kennt man sich dort ja bestens aus im Geschäft mit der Sucht. Kaum habe ich das schlimme Wort – elektrisch – ausgesprochen, da beginnt die Verkäuferin, aufgeregt zu argumentieren. Alles was sie sagt, wirkt vorgefertigt, nur auf wenige meiner Einwände geht sie ein. Ihr Fazit ist klar und alles in allem äusserst negativ. Die Füssigkeit, wenn sie denn Nikotin enthalte, enthalte ja Nikotin, und das sei schliesslich ein Nervengift, und mache äusserst abhängig, meint sie. Ich entgegne, wegen der Abhängigkeit rauche man ja überhaupt, und ohne die Glut der Zigarette entstehe wenigstens kein Kohlenstoffmonoxid und kein Teer. Sie weicht aus: Zum Aufhören seien E-Zigaretten jedenfalls ganz schlecht, viele ihrer Kunden hätten das versucht, aber man habe eben keine Befriedigung. Ihre Kunden seien jedenfalls sehr schnell wieder zur normalen Kippe zurückgekehrt, und das sage sie den Leuten auch, bevor sie E-Zigaretten kaufen.

Ich werfe ein, das Aufhören sei ja nicht das Hauptziel der meisten Dampfer, sondern eine gesündere Alternative. Und die fehlende Befriedigung komme daher, dass die von ihr verkauften Geräte ja kein Nikotin enthielten. Wieder höre ich eine Abhandlung über die gefährliche Droge Nikotin, und das von einer Frau, die vor einem Regal mit tausenden Zigaretten steht. Die Tabakindustrie ist mir jetzt noch unsympathischer, und während ich mich frage, wieso dieses Argument in der Rauchverbotsdebatte nie genannt wurde, verlasse ich den Laden.

Kein Schwein spricht mich an

Nächstes Test-Areal ist der Herrenglobus. Hier ist es leer. Deshalb suche ich einen Verkäufer. Um der Gefahr auszuweichen, wieder unbeachtet Zeit zu verbraten, frage ich ihn ganz direkt, inklusive kurzer E-Vorführung. «Das ist auch eine Frage des Anstands, ob man so etwas in einem Laden tut. Zum Beispiel isst hier auch niemand, obwohl man theoretisch könnte. Einfach weil es unhöflich und indiskret wäre.» Doch er könne solche Fragen nicht auf eigene Faust beantworten, und so ruft er seinen Chef an. Nach kurzem Philosophieren und vielen «Mhm»s verkündet er froh: «Wenn sie im Laden anfingen zu dampfen, würden wir sie lassen. Solange sich kein anderer Kunde daran stört, Sie nichts damit dreckig machen oder beschädigen und die Feuermelder nicht losgehen.»

Habe ich etwa eine Lösung zu der ganzen Raucherdebatte gefunden? In den nächsten Tagen setze ich die Tests fort. Ich dampfe in einem Lokal in der Basler Innenstadt. Wieder scheint sich niemand an mir und meinen Rauchzeichen zu stören. Nur wenigen Falle ich überhaupt auf, ein Kunde betrachtet mich auf seinem Weg zum Tresen so aufmerksam, dass er fast in einen Pfosten läuft. Niemand reklamiert, nicht einmal die Barkeeperin. Also heisst es wieder: Nachfragen. Sie habe mich gar nicht wahrgenommen, vor allem weil man nichts riecht. Aber das sei eine coole Idee, sie würde das sowieso zulassen.

Züge in Zügen verboten

In der redaktionsnahen Coopfilliale, wo ich mein Mittagessen hole, sagt auch niemand etwas. Wie eine Dampflokomotive gehe ich durch den Laden, gehe an vielen Angestellten vorbei. Zwei KV-Schüler grinsen mich hämisch an, schliesslich bekommt der rauchende Spinner bald den Kopf gewaschen. Aber selbst als ich in der Schlange an der Kasse weiternuckle, reklamiert niemand. Schliesslich gehe ich zum Kiosk, sage freundlich «Guten Tag», nehme einen tiefen Zug und verlange durch den Nebel ein Päckchen Zigaretten. Die Kassiererin schaut mich kurz irritiert an, und ich bekomme meine Glimmstängel. Bis auf den leicht verstörten Blick war auch hier alles normal.

Übrigens gibt es doch noch Widerstand gegen mich und meine fast-Kippe: Als ich in der Redaktion dampfe, protestiert eines Tages mein Chef am Pult nebenan. Da bin ich machtlos. Weiter verbietet die BVB E-Zigaretten im Tram. Das sagt «die Zentrale», als die Dame vom Schalter dort anruft. Zuvor hatte diese mir gesagt, es spreche nichts für ein Verbot. Und auch die SBB stellt sich quer – im Gespräch mit einem Kondukteur erklärt mir dieser, die Angestellten hätten eine Notiz erhalten, dass dampfen im Zug nicht erlaubt sei. «Und persönlich halte ich es mit E-Zigaretten gleich wie die SBB: Ich setze Dampfen gleich mit Rauchen, habe mich aber nicht mit der Frage auseinandergesetzt.»

baz.ch/Newsnet

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