Nichtrauchen tötet – das Leben in der Stadt

Was nützt Gesundheit, wenn sie zum Absterben von Lebensformen führt und zum Aussterben einer abendlichen Stadt? Eine Stadtnotiz in Form eines offenen Briefes.

Tresentod: Was nützt der Schutz der Passivraucher, wenn gar keine Passivraucher da sind? Die hier abgebildete Rio Bar galt lange als eine der letzten Raucher-Bastionen.

Tresentod: Was nützt der Schutz der Passivraucher, wenn gar keine Passivraucher da sind? Die hier abgebildete Rio Bar galt lange als eine der letzten Raucher-Bastionen.

(Bild: Henry Muchenberger)

Sehr geehrte radikale Nichtraucher, geehrte Lungenliga:

Ich möchte Ihnen mitteilen, dass Sie es geschafft haben, eine Stadt, die schon immer um das bisschen Leben, das nach 20 Uhr in ihr innewohnte, kämpfen musste, gänzlich auf den Friedhof des nächtlichen Seins zu befördern. Ich gebe ja zu, dass, bevor Sie Ihren inquisitorischen Feldzug lostraten gegen das Rauchen in Bars und Beizen, weil passiver Zigarettenrauch Mord auf Raten an Unschuldigen sei, immer nur dieselben 500 Menschen abends in der Stadt unterwegs waren.

Und dass das auch nicht immer lustig war. «Nicht schon wieder der», dachte man gelegentlich und hoffte, der Dunst des Rauches vernebele die Sicht. Inzwischen vermisse ich «Nicht schon wieder der». Die einstigen Refugien der Raucher dieser Stadt sind jetzt noch etwa ähnlich besucht wie die Cafeteria eines Altersheims nach 19 Uhr. Was nützt, möchte ich fragen, Gesundheit, wenn sie zum Absterben von Lebensformen führt und zum Aussterben einer abendlichen Stadt?

Ohne Rauch keine Passivraucher

Ich möchte nachfragen, ob das ein befriedigendes Gefühl ist zu wissen, dass in Basler Bars und Beizen nicht mehr geraucht wird. Weil sehen tun Sie es ja nicht von zu Hause aus. Was der ganzen Aktion etwas Absurdes verleiht, weil der Schutz vor Passivrauch in Bars und Beizen ja nur Sinn macht, wenn dort auch Passivraucher sind. Zugegeben, ein paar noch übrig gebliebene Angestellte sind dort, aber die stehen draussen auf der Strasse und rauchen, gehen wieder rein, stehen sich die Beine in den Bauch und gehen wieder raus eine rauchen.

Das ist die Realtität zwangsverordneten Nichtrauchertums. Zufrieden, wars das wert? Die Zertrümmerung eines funktionierenden Modus Vivendi zwischen Rauchern und Nichtrauchern, dieses auf dem Fundament der Toleranz funktionierenden Kompromisses, der Leben hervorbrachte und mit ihm Lebendigkeit und die Rückgewinnung der Rücksichtnahme auch? So wie ich das sehe, stehen Sie nach der von Ihnen eingeführten Nichtraucherdiktatur in der Verantwortung. Verlassen Sie also bitte ihre Nichtraucherwohnungen, gehen Sie in die Bars und Beizen, schnuppern Sie an einer der ältesten Kulturformen, die der Mensch hervorgebracht hat, fühlen sie den Rauch der Geschichte.

Setzen Sie sich an den Tresen und bestellen Sie, es muss ja nicht Mineralwasser sein. Atmen Sie tief durch und stossen Sie an auf die Befreiung der Stadt vom blauen Dunst. Sagen Sie Sätze wie: «Ist das nicht toll, dass man hier wieder atmen kann und dass danach die Kleider nicht nach Rauch stinken?» Freuen Sie sich, die Stadt vom Tod bringenden Rauch befreit zu haben, von Geräuschen und Gerüchen des Menschseins, von den baudelaireschen Blumen des Bösen. Gehen Sie hin und hauchen Sie ihnen gefälligst den Dunst des Lebens ein.

Mit freundlichen Grüssen, Michael Bahnerth

Basler Zeitung

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