Nato-Presse und Wohnzimmerrevoluzzer

Der Studierendenrat der Universität Basel will die Weltwoche verbieten.

Was heuer an der Uni geschehen ist, steht für ein Phänomen, das in der westlichen Gesellschaft häufiger hervortritt: Wer eine andere Meinung hat, wird als Mensch abgewertet.

Was heuer an der Uni geschehen ist, steht für ein Phänomen, das in der westlichen Gesellschaft häufiger hervortritt: Wer eine andere Meinung hat, wird als Mensch abgewertet.

(Bild: Pierre Stoffel)

Nein, an der Universität Basel werden sicherlich keine Zeitungen und Zeitschriften verboten. Das Rektorat wird sich davor hüten, den pubertären Grössenwahn irgendwelcher Studierendenräten, welche die Weltwoche verbieten wollen, zu nähren – das ist jedenfalls zu hoffen. Vielleicht bleibt dem Rektorat aber auch die Peinlichkeit erspart, zu dieser totalitär angehauchten Bitte des Studierendenrates einen Entscheid fällen zu müssen. Nun haben vernünftige Studenten eine Urabstimmung erzwungen, um die Entgleisung des Rates zu kippen. Wahrscheinlich werden die Studenten den Fehler ausbügeln – frei nach Nietzsche: Der Wahnsinn ist bei einzelnen Studenten die Ausnahme, in deren Räten die Regel.

Es hat auch etwas Inkonsequentes, wenn solche linksradikale Ansichten an einer Institution wie der Universität Mehrheiten finden. Denn meist können diese jungen Menschen nur darum studieren, weil ihr Papa ein Bourgeois ist. Die meisten Studenten sind in Familien aufwachsen, die neben dem ökonomischen Kapital auch einiges an Bildungs- sowie kulturellem Kapital mitbringen. Es sind diese Privilegierten, die öfter an die Uni gehen als arme Menschen. Und es sind radikale Minderheiten, die ein Gremium kapern können, in dem kein normaler Student Einsitz nehmen will.

Wohnzimmerrevolutionäre auf dem Vormarsch

Mir ist nicht bekannt, dass sich diese Zeitungszensoren lautstark für Chancengleichheit stark machen oder gegen die von der Uni-Leitung mitgetragene Ökonomisierung der Bildung ankämpfen oder gar das Bologna-System zu sabotieren versuchen. Wahrscheinlich leisten sie sich primär den Affekt, in der WG über die Ungerechtigkeit der Welt zu diskutieren – Wohnzimmerrevolutionäre halt.

Doch wie alle Radikalen suchen auch sie die Aktion, Bedeutung und Aufmerksamkeit. Körper und Karriere wollen sie nicht riskieren, die an der Uni aufgelegte Weltwoche dient ihnen als scheinbar optimales Feindbild. Gegen deren Journalisten tragen sie also die Flagge des Antifaschismus in der Hand und ihren «kleinen Stalin» im Herzen. Der Studierendenrat hat solch sarkastischen Hohn und Spott verdient, doch damit ist es nicht getan.

Demokratie funktioniert nur mit Diskurs

Was heuer an der Uni geschehen ist, steht für ein Phänomen, das in der westlichen Gesellschaft häufiger hervortritt: Wer eine andere Meinung hat, wird als Mensch abgewertet. Standpunkte innerhalb des demokratischen Spektrums werden delegitimiert. Doch die Demokratie funktioniert nur mit Diskurs, Debatte, verbalem Streit. Sie basiert auf dem Willen ihrer Akteure, mit Andersdenkenden Lösungen zu erarbeiten. Und dafür müssen sich die Menschen kennenlernen und verstehen wollen. Das sind Grundbedingungen für eine demokratische und friedliche Gesellschaft, die offenbar längst nicht allen Studenten in der Schule und im Elternhaus mitgegeben wurden.

Diese Studenten finden ihre falschen Vorbilder auch in der etablierten Politik: Hier schimpfen Linke gegen eine angeblich rechte Zeitung, dort schimpfen Rechte über eine vermeintlich linke Zeitung. Doch wer immer nur das liest, was er selbst sowieso schon denkt, verblödet. Wer sich auf Argumente Andersdenkender einlässt, der lebt riskant: Er riskiert sein Weltbild, seine Identität. Und das ist das Problem.

Mit Ideologen ist es doch immer dasselbe: Sie fühlen sich als Elite.

In einer Gesellschaft, die ein grosses Mass an individuellen Freiheiten ermöglicht, findet zugleich eine Vereinzelung statt. Klassen im Marx’schen Sinne gibt es nicht mehr. Die Gesellschaft ist ein unübersichtliches Gewusel geworden, weshalb so manch verunsichertes Individuum die politischen Grundlagen seiner Freiheit weder kennt noch schätzt. Das schwache Individuum fällt auf sich zurück, flüchtet in die harmlose Egomanie des sich im Spiegel angeilenden Kraftsportlers oder schlechterdings in den schaurig-warmen Schoss einer Peer Group, in der es sich seiner «richtigen» Einstellung vergewissern kann – das gibt ihm Halt und Identität sowie das Gefühl, etwas Spezielles, Besseres zu sein.

Mit Ideologen ist es doch immer dasselbe: Sie fühlen sich als Elite. Islamisten fühlen sich als Elite der einzig wahren Religion. Neonazis, die Elite der arischen Rasse, dürfen in Deutschland wieder mit Bundestagsparteien marschieren. Daniele-Ganser-Fans fühlen sich als aufgeklärte Elite einer Gesellschaft, die von den USA aus über Nato-Medien gesteuert wird. Und nun fühlen sich ein paar Studenten an der Universität Basel als moralische Elite in einer Welt, in der in Tat und Wahrheit aber sämtliche Ideologien und Religionen Sauereien angerichtet haben. Wahrscheinlich muss man heute wieder vermehrt den abgegriffenen Aufklärer Voltaire bemühen, wonach man auch die Freiheit des Wortes desjenigen verteidigen soll, der eine für einen selbst unerträgliche Meinung äussert – im Studierendenrat-Kindergarten und im Polit-Zirkus. Demokratie ist nun mal anstrengend.

Basler Zeitung

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