Nachrichten von der «Titanic»

Wer lässt die Kriminalität in Basel ansteigen? Die Basler Zeitung oder die Täter? Nicht die BaZ überzeichnet die Lage, sondern die SP unterschätzt sie.

SP-Grossrätin Tanja Soland und ihre Partei spielen das Thema Kriminalität systematisch herunter.

SP-Grossrätin Tanja Soland und ihre Partei spielen das Thema Kriminalität systematisch herunter.

(Bild: Keystone/Roland Schmid)

Markus Somm@sonntagszeitung

Warum tun sich die Sozial­demokraten so schwer, wenn es um das Thema Sicherheit in Basel-Stadt geht? Jahrelang, nein bis heute, wurde in linken Kreisen ständig betont, wie sicher, wie schön, wie gefahrlos man in der Stadt Basel lebt und wandelt. Zahlen, die einen laufend sich verschlechternden Zustand nahelegten, wurden erst verschwiegen, dann schöngeredet, schliesslich der Basler Zeitung angelastet.

Erfahrungen und Berichte aus der Bevölkerung, eine sexuelle Belästigung hier, die die Nachbarin erlitten hatte, ein Faustschlag dort, den der hoffnungsvolle, jugendliche Sohn von Bekannten einstecken musste: Es waren Einzelfälle ohne jede Bedeutung. Alles ruhig in Basel. Und wenn etwas Unangenehmes vorgefallen sein sollte, dann hatten die Journalisten übertrieben. Ein Diskurs in der Enge setzte sich durch, der an die Beschwichtigungen erinnerte, wie sie der Kapitän der « Titanic» ausstiess, nachdem sein Schiff einen unbedeutenden Eisberg gerammt hatte. Alles ruhig auf dem Dampfer. Die Nacht ist sternenklar. Schön, dass Sie mit uns gefahren sind.

Unter dem wohl zutreffenden Eindruck, dass die SP mit ihrer Heile-Welt-Kampagne auf die Dauer nicht glaubwürdig bleibt, versuchten diese Woche zwei Sozialdemokratinnen, Tanja Soland und Beatriz Greuter, das Thema für die Linke zu entschärfen, indem sie unter anderem darauf hinwiesen, dass statistisch gesehen die Wahrscheinlichkeit, dass eine Frau zu Hause von ihrem Mann ­vergewaltigt wird, grösser ist, als dass ihr das auf dem Heimweg widerfährt.

Kampf ums Opfer

Das mag sein. Aber ist das ein Trost? Was soll der Einfamilienhausbesitzer denken, den die Polizei nach einem Einbruch darüber belehrt, dass es zwar stimme, dass in seiner Gegend in letzter Zeit etwas häufiger Diebe unterwegs waren, dass aber die Situation in Rumänien ungleich gravierender sei? Was für den Bürger in Basel zählt, ist die Frage, ob es gefährlicher geworden ist, hier sich in der Öffentlichkeit zu bewegen. Die Fakten legen diesen Schluss nahe. Von diesem Befund müsste man leidenschaftslos ausgehen und sich über Sinn und Unsinn möglicher Massnahmen unterhalten.

Stattdessen zieht man es vor, sich über die Berichterstattung dieser Zeitung zu beklagen. Wenn ich mit Linken spreche, wirkt es auf mich wie eine Art Voodoo, mit dem sie die Wirklichkeit verschwinden lassen möchten: Nicht die gehäuft auftretenden Diebe und Vergewaltiger verun­sichern die Bevölkerung, nein, die Journalisten der BaZ tun dies, indem sie über solche Vorfälle berichten. Selbstverständlich geschieht dies gemäss einem durchtriebenen Plan des Chef­redaktors, der so die Sache der Bürgerlichen befördern will – als ob es für einen Bürgerlichen eine gute Nachricht wäre, wenn Ordnung und Gesetz zusammenbrechen. Um jede Verschwörungstheorie auszuräumen: Noch machen wir auf der Redaktion keine Luftsprünge, wenn wir von einem Verbrechen erfahren.

Unsere Kritiker irren sich. Gewiss, die Medien vermögen die Wahrnehmung ihrer Leser ein Stück weit zu beeinflussen. Wozu aber auch der talentierteste Journalist nicht imstande ist: Er kann einen Missstand nicht erfinden. Auf die Dauer kommt man mit Falschmeldungen nie ans Ziel. Wo kein Feuer ist, findet sich kein Rauch, man mag noch so kräftig pusten. Wenn eine Geschichte den Lesern nicht plausibel erscheint oder sie diese für übertrieben halten, blättern sie weiter.

Widerspenstige Realität

Nehme ich die Zahl der Reaktionen als Massstab, die wir auf unserer Online-Ausgabe verzeichnen, zeigt sich ein klares Bild. Kaum ein Thema stösst auf mehr Resonanz als die Lage der Sicherheit in Basel-Stadt. Wann immer wir darüber berichten, schiessen die Hits in die Höhe. Nicht die BaZ überzeichnet die Lage, sondern die SP unterschätzt sie.

Es scheint paradox: Warum hat sich die SP überhaupt in diese Defensive begeben? Für die Sicherheit ist in diesem Kanton ein Freisinniger verantwortlich (Gass) – kein Sozialdemokrat. Warum befürchtet die Linke, dass ihr jeder Hinweis auf steigende Kriminalität schaden könnte? Niemand hat behauptet, der SP sei diese besorgniserregende Entwicklung anzulasten. Die Partei verteidigt sich, ohne angegriffen worden zu sein. Offensichtlich steht für die Linke viel auf dem Spiel. Was genau?

Es geht nicht um Wahlkampf, nicht um die Aus­sagekraft von Statistiken, nicht um die angeblich rechte BaZ oder eine gedankenlos informierende Staatsanwaltschaft – es ist ein Weltbild, das wankt. Warum werden Menschen kriminell? Die traditionelle Antwort der Linken auf diese uralte Frage überzeugt nicht mehr – und ebenso wenig tun dies die Rezepte, mittels deren die Linke die Kriminalität bekämpfen möchte.

Herbst einer Ideologie

Seit gut zweihundert Jahren vertritt die Linke des Westens die Haltung, wonach Armut, Entrechtung oder eine schlimme Kindheit die Menschen ins verbrecherische Dasein treibt. Mit anderen ­Worten: Nicht der Einzelne ist böse, wie das früher hiess, sondern die «Gesellschaft» macht ihn zum Kriminellen. Woraus logischerweise folgt, dass es wenig Sinn macht, beim Einzelnen anzusetzen, wenn es darum geht, die Kriminalität einzudämmen. Nicht Strafen oder Repression bringen demnach mehr Sicherheit, sondern nur eine umfassende Renovation der Gesellschaft führt zu Bedingungen, die das Verbrechen beseitigen. Glück­liche, reiche, sozial gut geschützte Menschen tun sich nichts zuleide.

Betrachtet man vor diesem Hintergrund Basel: Wer möchte bestreiten, dass hier sehr günstige Verhältnisse herrschen? Müsste deshalb die Kriminalität nicht längst zurückgegangen sein? Vor allem darf sie gemäss linker Theorie unter keinen Umständen zunehmen. Nur wenige Städte dieser Welt bieten ein feineres soziales Netz als Basel, kaum eine Region dieser Welt ist wohlhabender und zivilisierter, niemand hungert und niemand wird hier verfolgt. Selbst prügelnde Väter und nachlässige Mütter werden konsequent erfasst, zur Rechenschaft gezogen und therapiert. ­Eigentlich gibt es keinen Grund mehr, kriminell zu werden. Und doch klauen, hauen, schlagen und stechen einige junge Männer, als ob sie nichts von diesen Errungenschaften des Sozialstaates mit­bekommen haben.

Könnte es sein, dass die Linke sich täuscht? Und könnte es sein, dass man Kriminalität vielleicht doch ganz traditionell am besten verringert, indem man jene möglichst lange aus dem Verkehr zieht, die übel auffallen? Gibt es womöglich doch Leute, die sich zum Verbrechen hingezogen fühlen, weil ihr Charakter sie dazu verleitet?

Der Mensch ist gut, nur die Gesellschaft macht ihn schlecht: Solange diese Auffassung die Linke prägt – und darauf deutet vieles hin –, wird sie in Sachen Sicherheit weiterhin alle anderen für schlechte Nachrichten verantwortlich machen – ausser die Täter.

Basler Zeitung

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