«Multitasking ist ein Fluch der heutigen Zeit»

Der Vizedirektor des Claraspitals, Stephan Ebner, gibt Kurse in Stressbewältigung. Mit «esoterischem Räucherstäbchen-Singsang» hat das aber nichts zu tun.

Manager und Buddhist. Stephan Ebner bietet Gestressten Hilfe zum Entschleunigen an.

Manager und Buddhist. Stephan Ebner bietet Gestressten Hilfe zum Entschleunigen an.

(Bild: Tim Loosli)

Stephan Ebner ist ein nüchterner Typ. Er ist Leiter Zentrale Dienste des Claraspitals, des grössten Basler Privatspitals, und Stellvertreter von Direktor Peter Eichenberger. Ebner ist studierter Ökonom, wie es sie in solchen Kaderstellen häufig gibt. Doch der 48-Jährige ist anders. Ebner bietet Meditations­kurse an, die helfen sollen, Stress zu reduzieren. Mindfulness ­Based Stress Reduc­tion (MBSR) nennt sich die Methode, was so viel wie achtsamkeitsbasierte Stressreduktion heisst (siehe Kasten links). Mit «esoterischem Räucherstäbchen-Singsang» habe das aber nichts zu tun, sagt Ebner.

MBSR ist sozusagen das Gegenmodell zum «immer mehr»- und «immer schneller»-Denken unserer Zeit. Heute wird erwartet, dass man mehrere Dinge gleichzeitig macht. Multitasking gilt als positive Eigenschaft. «Ein Fluch», sagt Ebner. Oft ist das Leben ein «permanentes Vorwärtsfallen», man mache drei Dinge gleichzeitig, aber nichts bewusst. «Am Abend fragt man sich: Was habe ich heute eigentlich gemacht?» Es ist, als ob man das eigene Leben verpasst. Das führt zu Stress. Eine weitere Hauptsünde: der Verzicht auf bewusste Pausen.

Hier setzen die MBSR-Kurse an. Entschleunigung ist das Ziel, bewusst im Hier und Jetzt leben. Die Nachfrage für das Angebot ist gross. Die Kurse sind häufig überbucht, 2012 bot das Clara­spital erstmals auch Kurse für die Mit­arbeiterinnen und Mitarbeiter an. Das Angebot für Patienten und ihre Angehörigen wurde ausgebaut. Mit Ingeborg Mösching wurde eine zusätzliche MBSR- und Meditationslehrerin engagiert. MBSR rundet das Therapie- und Selbsthilfeangebot des Claraspitals ab.

Achtsamkeitsmuskel trainieren

Ob wegen Überforderung zu Hause oder im Job, zu hoher Ideale, einer Krankheit, anderer Sorgen wie dem ­Alter, eines Schicksalsschlags oder einfach deshalb, weil man etwas für sich tun will – die Zielgruppe ist gross. Wobei bei Kranken natürlich keine Heilung versprochen wird. «Aber die Aneignung der Fähigkeit, anders mit der Krankheit umzugehen», sagt Ebner.

Stress reduzieren, das tönt eigentlich einfach. «Das ist aber keine Instant-Geschichte», sagt Ebner, «leider.» Es ist wie bei der Fitness. «Den Achtsamkeitsmuskel muss man trainieren», jeden Tag. Deshalb klärt Ebner bei Kursteilnehmern im Vorfeld nicht nur ab, ob die Erwartungshaltung an den Kurs realistisch ist, sondern auch, ob diese überhaupt genug Zeit aufbringen können. Einer Architektin – geschieden, zwei Kinder, alleinerziehend, total ge­­stresst – habe er gesagt, sie müsse ihr Pensum reduzieren, um den Kurs absolvieren zu können, was diese auch tat.

Ebner selber kann keinen konkreten Auslöser für seine Beschäftigung mit MBSR benennen. Angefangen hat das vor etwa sieben Jahren. «Vielleicht, weil ich 40 geworden bin?», sagt er und lacht. Das Thema «mehr» habe ihn beschäftigt. «Das Verlangen nach mehr ist oft Ursache von Stress.» Irgendwann ist Ebner auf den Begriff der Achtsamkeit gestossen und auf den Buddhismus. ­Ebner selbst bezeichnet sich als Buddhist. Sein Arbeitgeber, das Claraspital, hat einen ausgeprägten katholischen Hintergrund. «Das ist kein Problem», sagt Ebner und lacht. «Die vermittelten Werte entsprechen in hohem Mass unserem Leitbild und unserer Unternehmenskultur.» Irgendwann kam der Wunsch auf, die heilsamen Erfahrungen weiterzugeben und auch ins Spital zu tragen. MBSR-Kurse seien dazu bestens geeignet, weil sie die wichtigen Inhalte ohne «religiösen» Überbau weitergeben und so für alle zugänglich sind.

Für Familie, gegen Priesterberuf

Ebner hatte schon früher ein Flair für existenzielle Fragen und Rituale. Er ist in einem katholischen Umfeld auf­gewachsen, war Messdiener, liebäugelte mit einem Theologiestudium. Aber er entschied sich für ein «normales Leben», wie er sagt, und nicht für ein solches als Priester. Er wollte eine Familie. Er studierte Ökonomie, arbeitete vier Jahre als Wirtschaftsprüfer und wechselte dann ans Claraspital. Heute ist er verheiratet und hat drei Söhne im Alter von 16 bis 21 Jahren.

Mit 35 Jahren versuchte sich Ebner in der Zen-Meditation, besuchte Kurse mit Namen wie «Zen für Führungskräfte». Das Zen-System war ihm aber zu rigid. Bei MBSR gefällt ihm, dass es sich leicht in den Alltag integrieren lässt und von Kursteilnehmern selbstständig weitergeführt werden kann. Bei Ebner sieht das unter anderem so aus: sich beispielsweise ganz aufs Treppensteigen oder Essen fokussieren. Oder bewusst zur Arbeit gehen – «ohne mit dem Kopf bereits im Büro zu sein». Jeden Morgen versuche er zwischen 15 und 45 Minuten zu meditieren und setzt bewusste Unterbrüche im Alltag. Das Hier und Jetzt annehmen, ohne dieses zu bewerten, sei ein wichtiger Teil von MBSR.

Wie hat sich sein Leben dadurch verändert? «Es hat sich verlangsamt», sagt Ebner. Er spüre besser, was er brauche, sei sich seiner Verhaltensmuster und Handlungsimpulse bewusster, finde schneller aus stressigen Situationen heraus und schlafe besser. «Generell kann ich besser mit schwierigen Situationen umgehen.»

Teil des Geschäftslebens

Auch im Geschäftsleben stehen für ihn, zu dessen Bereich auch die Personalabteilung gehört, manchmal schwierige Entscheidungen an. Als Geschäftsleitungsmitglied ist er Teil des Wirtschaftssystems, das alles schneller werden lässt. «Das muss man einerseits akzeptieren, aber gleichzeitig im Blick behalten, was beeinflussbar ist», sagt ­Ebner.

Er versuche immer zu denken, wie es für die Mitarbeiter besser sei. Aber dort, wo man keinen Einfluss habe, müsse man das akzeptieren. «Sonst macht man sich kaputt.»

Basler Zeitung

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