Mit Methadon zu einem besseren Leben

Die Behandlung von Heroinkranken hat sich in den letzten 20 Jahren grundlegend geändert.

Methadonbehandlungen seien sehr effizient, sagt Axel Jochum, Chefarzt des Basler Zentrums für Suchtmedizin.

Methadonbehandlungen seien sehr effizient, sagt Axel Jochum, Chefarzt des Basler Zentrums für Suchtmedizin.

(Bild: Elena Monti)

Der Schalter des Zentrums für Suchtmedizin (ZfS) wird geöffnet, ungeduldig drängt der erste Patient hinein. Sein Name wird in den Computer getippt, zwei, drei Sätze werden gewechselt. Langsam tröpfelt eine klare Flüssigkeit in den Plastikbecher. Der Patient trinkt diese und verabschiedet sich dann für 24 Stunden, bis die nächste Dosis fällig wird.

Insgesamt befinden sich derzeit 1131 Personen in Basel in einer methadon- oder heroingestützten Behandlung – Tendenz abnehmend. Beim Methadon handelt es sich um einen morphinähnlichen Stoff, der die äusserst unangenehmen Entzugserscheinungen, die das Strassenheroin hervorruft, unterdrückt. Einer von den Methadonbezügern ist Carlo* (53), gelernter Industrielackierer und Lastwagenfahrer. Für ihn ist das Methadon ein Segen. «Es hilft mir, den Tag zu bewältigen, und bewahrt mich vor dem Beschaffungsstress», sagt Carlo.

Viele Verbesserungen erreicht

Die Methadonprogramme wurden grossflächig Anfang der 1990er-Jahre eingeführt, als die Anzahl von HIV- und Hepatitis-Infektionen rasant zunahmen und offene Drogenszenen wie der Zürcher Platzspitz oder Letten sowie die damit verbundene Beschaffungskriminalität die Bevölkerung aufschreckten. «Ich musste früher jeden Tag 1200 Franken zusammenkriegen, um das Strassen-heroin zu finanzieren», sagt Carlo.

Durch die Unterdrückung der Entzugserscheinungen wird verhindert, dass sich die Heroinabhängigen ihren Stoff auf illegalem Wege besorgen müssen, was auch eine Reduktion der Beschaffungskriminalität nach sich zieht. Zudem werden die gesundheitsgefährdenden Nebenwirkungen, die das mit schädlichen Zusatzstoffen versetzte Strassenheroin hervorruft, durch das saubere und pharmazeutische Methadon verhindert. «Die Methadonbehandlungen sind sehr effizient. Der volkswirtschaftliche Schaden wäre ohne viel höher», sagt Axel Jochum, Chefarzt des ZfS. Carlo ist derselben Meinung: «Das Methadon ermöglicht mir, zur Ruhe zu kommen und neue Perspektiven ins Auge zu fassen. So wird es möglich, sich über das eigene Leben Gedanken zu machen.»

Heroingestützte Behandlungen

Neben dem Methadon wird auch pharmazeutisches Heroin an Heroinabhängige verschrieben. Das pharmazeutische Heroin unterscheidet sich vom Strassenheroin dadurch, dass es in Reinform vorliegt und exakt dosiert werden kann. «Heroinabhängige können durch eine Substitution mit pharmazeutischem Heroin erreicht und einer umfassenden Behandlung zugeführt werden», sagt Hannes Strasser, leitender Arzt der heroingestützten Behandlung Janus der Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel (UPK).

In Basel befinden sich 150 Personen in einer heroingestützten Behandlung. «Es zeigte sich, dass ein relevanter Teil der Heroinabhängigen trotz Methadonbehandlungen nur unzureichende Behandlungserfolge erzielt», erklärt Otto Schmid, Abteilungsleiter des Janus. Die gesundheitliche und psychosoziale Situation der Patienten vermag sich so innerhalb eines halben Jahres massiv zu verbessern, betont Strasser. «Alltägliche Aufgaben können unter kontinuierlicher Einnahme von pharmazeutischem Heroin ohne Probleme bewältigt werden», ergänzt Schmid. Die heroingestützte Behandlung wurde 2008 durch eine Volksabstimmung gesetzlich verankert.

Doch die Situation hat sich grundlegend geändert: «Heute sind vor allem psychisch schwer kranke Menschen in einer Methadonbehandlung. Viele wurden missbraucht oder leiden sonst unter Belastungsstörungen. Personen, die phasenweise oder situationsbedingt Heroin konsumieren und dann wieder aufhören, sind heute eher selten», erläutert Jochum. Unter den Krankheitsbildern sind Angstzustände, Depressionen oder psychotische Erkrankungen zu finden. Es gilt deshalb, zuerst diese äusserst hartnäckigen psychischen Erkrankungen zu behandeln. Erst danach kann die Heroinsucht angegangen werden. «Der Heroinkonsum ist eine Art Selbstmedikation, die Süchtigen nehmen die Droge, um sich Erleichterung von ihrer psychischen Erkrankung zu verschaffen. So ist Heroin beispielsweise das stärkste angstlösende Mittel, das es gibt», sagt ZfS-Chefarzt Axel Jochum.

Weil eine Heroinsucht äusserst schwer zu behandeln ist, hat sich die Suchtmedizin vom alleinigen Behandlungsziel der Abstinenz distanziert. Es geht darum, den Patienten ein möglichst «normales» Leben zu ermöglichen. Vielen Patienten gelingt der Alltag erst mit Methadon oder Heroin. Entgegen landläufiger Meinung, verursacht auch Methadon keine Betäubung. Viele gehen sogar einer Arbeit nach.

Zweimal pro Woche Kokain

Natürlich gibt es auch Patienten, die nicht verordnete Substanzen zu sich nehmen. So hat Carlo mit sich die Abmachung getroffen, zweimal pro Woche hundert Franken für Kokain auszugeben. «Ich brauche halt auch ein Zückerchen, etwas, auf das ich mich freuen kann, wie andere ihr Feierabendbier.» Jochum meint dazu: «Die Behandlung psychisch schwer kranker Menschen geschieht halt nicht von heute auf morgen.» Die gesamte Behandlung hat sich von der einfachen Abgabe von Methadon zur komplexen medizinischen Behandlung gewandelt», sagt Jochum und fährt fort: «Viele weisen neben der Sucht weitere schwere psychische Erkrankungen und massive somatische Beschwerden auf. Das ZfS arbeitet daher multidisziplinär unter einem Dach.»

Eine weitere Herausforderung ist, dass die Methadonbezüger immer älter werden: «Die ersten kommen bereits ins Altersheim. Diese Institutionen sind jedoch nicht auf solche Patienten spezialisiert», sagt Axel Jochum. Ein Problem ist auch die Stigmatisierung der Methadonbezüger: «Es handelt sich bei Abhängigen nicht um einen liederlichen Lebensstil, sondern um schwer kranke und leidende Seelen.» Dem fügt Carlo hinzu: «Es sind nicht immer alle so schlimm, wie es heisst.» *Name von der Redaktion geändert.

Basler Zeitung

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