Langsam sterben ist ein Verlustgeschäft

Die Krankenkassen haben die Verträge zur Palliative Care mit den Spitälern gekündigt. Neu soll anstelle einer Tages- eine Fallpauschale eingeführt werden.

Wie viel darf die Betreuung auf dem letzten Stück Lebensweg kosten?

Wie viel darf die Betreuung auf dem letzten Stück Lebensweg kosten?

(Bild: Keystone)

Nichts ist so sicher wie der Tod, sagt der Volksmund. Sprechen will darüber aber am liebsten keiner. Vor allem dann nicht, wenn das Sterben auch noch mit einem zweiten Tabuthema gekoppelt ist: den Finanzen. Wer bezahlt das Ende – und wie lange?

Diese Frage stellt sich aktuell dringend den Basler Spitälern: Die Kranken­kassen haben ihnen laut Stephan Ebner, Leiter Zentrale Dienste am Claraspital, auf Ende Jahr die Palliative-Verträge gekündigt. Ab September wird neu verhandelt. Falsch, finden Spezialisten. Betroffen sind nicht nur die Spitäler – für Pflegeheime und Spitex ist die Situation noch unmöglicher: Sie können Palliative-Leistungen gar nicht erst korrekt abrechnen. «Die Finanzierung von Palliative-Leistungen ist ein Buch mit sieben Siegeln», sagt etwa Richard Widmer, Präsident des Verbandes gemeinnütziger Basler Alterspflegeheime (VAP). Palliative-Expertin und Pflegefachfrau Claudia Gohrbandt setzt obendrauf: «Die Finanzierung der Palliative Care in der Schweiz ist ein Desaster.»

Spitalkosten nicht gedeckt

Neu soll bei Spitälern anstelle einer Tages- die Fallpauschale eingeführt werden. Wie beispielsweise bei einer relativ gut planbaren Hüftoperation müssen die Spitäler wohl bald auch für ihre Palliative-Behandlungen eine Pauschale akzeptieren – berechnet nach SwissDRG, dem neuen Tarifsystem. Hier wird «jeder Spitalaufenthalt anhand von bestimmten Kriterien einer Fallgruppe zugeordnet und pauschal vergütet», so die offizielle Erklärung. Kurz: Die Pauschale wird anhand der durchschnittlichen Lebensdauer eines Palliative-Patienten berechnet. Da die Pflege am Lebensende in Aufwand und Dauer sehr individuell ist, wird kaum ein Patient seiner Fallgruppe entsprechen. «Der Palliative-Prozess ist sehr unplanbar, eine Fallpauschale ist darum keine intelligente Lösung», sagt Ebner. Noch erhalte das Claraspital zwar eine Tagespauschale – pro Tag und Patient 930 Franken – und sei damit gut bedient, sagt Ebner.

Die Kosten seien damit allerdings nicht voll gedeckt und immer mal wieder müsse bei den Kassen um eine Verlängerung der Kostengutschrift angefragt werden – ausgesprochen wird diese meist nur für 30 Tage. Lebt ein Patient länger, müssen die Ärzte schriftlich begründen, warum er weiterhin der Palliative-Pflege bedarf. Der Wechsel zur noch unpersönlicheren Fallpauschale kommt frühstens 2017. Finanziell werde das «nicht unbedingt ein No-Go», sagt Ebner. Für die Kassen vereinfache der Wechsel vieles, für die Palliative-Versorgung sei diese Lösung aber schlicht «nicht adäquat». Wie die Spitäler rechnen auch andere Palliative-Institutionen wie Hospize ab.

Keine Abrechnung für Fürsorge

Anders sieht es bei der Langzeitpflege in Heimen oder zu Hause aus. Was die Palliative Care angehe, so sei die Schweiz im internationalen Vergleich «20 Jahre hinterher», moniert Gohrbandt. Das Problem: Noch immer können die Pflegenden ihre Leistungen nicht korrekt abrechnen. «Das ist einerseits ungerecht, da Palliative-Konzepte so nicht umgesetzt werden können, und führt andererseits dazu, dass sich immer mehr physisch und emotional überforderte Pflegefachpersonen vom Beruf abwenden», so Gohrbandt.

«Es ist an der Zeit, dass wir mutiger und frecher werden und einfordern, was nötig ist», sagt Gohrbandt. Sie denke dabei an «ein praxistaugliches Instrument» zum Abrechnen der erbrachten Leistung. Damit nicht mehr einfach «irgendwas abgerechnet werden muss». Mit dem heutigen Standard könne zwar die Pflege-, nicht aber die Palliative-Leistung erbracht werden. «Es bleibt nicht genug Zeit, auf die Bedürfnisse der Patienten so eingehen zu können, wie das eigentlich nötig wäre. Die Grundpflege wird selbstverständlich korrekt ausgeführt», erläutert Gohrbandt. Aber es wäre auch wichtig, den Menschen zuzuhören. «Sie zu schminken, wenn Besuch kommt. Weil sie das früher immer gemacht haben, weil es ihnen wichtig ist, es ihnen aber alleine nicht mehr gelingt», erzählt Gohrbandt.

Auch das Umfeld braucht Betreuung

«Am Ende des Lebens zählt das Erfüllen von letzten Wünschen. Richtige Palliative Care tut den Patienten gut – und sorgt nicht nur dafür, dass es ihnen körperlich besser geht, sondern auch, dass sie weniger Gesundheitskosten verursachen», sagt Gohrbandt. Ausserdem gehe es bei der Palliative-Medizin nicht mehr nur um die Patienten – «fast genauso wichtig sind die Zu- und Angehörigen», sagt Gohrbandt und meint damit den engen Kreis aus Familie und Freunden, der zum Schluss am Bettrand sitzt. Auch diese Menschen brauchen Betreuung, müssen in Gespräche eingebunden werden, damit die Pflegenden erfahren, wie sie helfen können.

Damit alle das letzte Stück gemeinsam gehen können. «Begleitet man auch das Umfeld, kann die Trauer um einen geliebten Menschen besser verarbeitet werden», sagt Gohrbandt. Objektiv betrachtet heisse das: «Weniger Verluste in der Wirtschaft, weil die Betroffenen weniger lange bei der Arbeit ausfallen, und weniger Kosten für das Gesundheitswesen, weil die Wahrscheinlichkeit einer Depression nach einem Todesfall viel kleiner ist, wenn man die Menschen richtig darauf vorbereitet hat.»

Zu wenige klar definiert

Während Spitäler 930 Franken täglich abrechnen können – was die Kosten noch immer nicht deckt –, sind es bei Pflegeheimen maximal 400 Franken. «Das aber auf der höchsten Pflegestufe. Durchschnittlich sind es knapp 300 Franken, die wir in Rechnung stellen können», erklärt Widmer. Das reicht nicht. «Seit 2012 gibt es zwar eine Tarifposition für die Rechnung an die Krankenkassen, die einige Leistungen beinhaltet, welche nicht direkt am Patienten erbracht werden. Aber noch wird diese viel zu schlecht vergütet. Neun Franken pro 20 Minuten – das ist zu wenig.»

Ausserdem sei noch immer nicht geklärt, was in diesen neuen Tarif fällt: Sind es die Gespräche mit den Angehörigen, die man nach besonderen Wünschen der Patienten fragt oder mit einer Erklärung aus dem Heim entlässt, warum der Partner oder Vater beim Atmen rasselt. Oder sind es die interdisziplinären Sitzungen, an denen Ärzte, Pflegende und Therapeuten das weitere Vorgehen besprechen. Sind es auch die fünf Minuten, in denen eine Pflegerin mit dem Patienten einen Kaffee trinkt oder ein Pfleger mit der Patientin ein altes Fotoalbum durchblättert? «Die Tarife sind unklar definiert und zu tief angesetzt», sagt Widmer.

Pflege als Menschenrecht

Gohrbandt hat zusammen mit einem Team ein praxistaugliches Formular ausgearbeitet und bereits getestet. In dem Dokument werden die tatsächlich erbrachten Palliative-Leistungen aufgeführt. «Es steckt seit 2012 in der Prüfung beim Bundesamt für Gesundheit», sagt Gohrbandt. Das Problem liegt für sie denn auch nicht bei den Kassen, sondern beim Bund: «Es müssen nationale Gelder an die Kassen gesprochen werden, damit diese überhaupt die Möglichkeit haben, besser zu reagieren.»

Jeder Mensch hat ein Recht auf Palliative-Pflege – unabhängig von Einkommen und Versicherungsstufe. Das schreibt die Nationale Palliative-Strategie vor, welche 2010 vom Bund ausgearbeitet worden ist und bereits einiges in der Palliative-Pflege verbessert hat. «Das ist nur ein Vorschlag, finanziert wird vom Bund nichts», sagt Gohrbandt. Dabei wäre eine Anschubfinanzierung für Institutionen, die Langzeit Palliative Care anbieten sollen, dringend nötig. Nur so kann die Basis dafür geschaffen werden, dass die Häuser auch über das Angebot verfügen, das laut nationaler Strategie einem jeden am Ende zusteht.

Basler Zeitung

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